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1. „Literatur: Beschäftigung für Müssiggänger“ notierte Gustave Flaubert in sein „Wörterbuch der Gemeinplätze“. Tempi passati. Für Müssiggang ist heutzutage auch in der Literatur kein Platz mehr. Die Verlage produzieren im Akkord, die Lesenden wissen nicht, wo mit der Lektüre beginnen. Buchmessen gibt es längst nicht mehr nur alle Jahre einmal.

2. Im Literaturbetrieb werden momentan zwei Diskurse geführt, die einander diskret durchdringen und widersprechen.

3. Auf der einen Seite herrscht Besorgnis darüber, dass die Lesefähigkeit laufend abnimmt und das Lesen grundlegend an Bedeutung verliert. Die PISA-Studie ist diesbezüglich Symptom. Aber mehr noch sei der Stellenwert der Kultur überhaupt im Niedergang begriffen.

4. Demgegenüber: Neue Literaturformen haben es schwer, vom eingesessenen Literaturbetrieb akzeptiert zu werden. Nebst qualitativen Vorbehalten steckt dahinter auch ein gutes Stück Furcht vor Innovationen. Das eingespielte Ensemble aus AutorInnen, Verlegern und Kritikerinnen verteidigt seine Definitionsmacht.

5. Im Zusammenklang von Besorgnis und Beharren sind Misstöne der Furcht und des Zweifels zu vernehmen.

6. Literatur im engen Sinn gilt noch immer als hohe Garantin für Lebensart. Dabei geht gerne vergessen, dass sie eine gesellschaftlich bedingte wie bedingende Hervorbringung der Schriftkultur darstellt. Verdrängt wird aber auch, dass sie deshalb permanent durch soziale und technische Fortentwicklungen herausgefordert wird.

7. Heute sehen wir vor allem Bilder. Oder wir schreiben. Letzteres mag überraschen. McLuhans Verdikt vom Ende der Gutenbergkultur wird noch etwas aufgeschoben. Computer und Internet haben Prämissen geschaffen, die zum Schreiben geradezu verleiten. Und Hypertexturen machen aus Lesenden kreativ Mitwirkende. Heute schreiben mehr Menschen denn je. An diesem Befund ändert auch die nachlassende orthographische Disziplin nichts.

8. Weder die Auflösung des Werkbegriffs noch der Tod des Autors bringen die Literatur wirklich in Gefahr. Wenn aber alle schreiben, wird ihr eine privilegierende Kompetenz streitig gemacht. Dies irritiert und verdoppelt die Ängste. Ein Rückzug in den genieästhetischen Schmollwinkel würde sie indes nur verdreifachen. Literatur ist kein „Geheimorden“ wie Brigitte Kronauer als Möglichkeit in Betracht gezogen hat, sie gehört an die frische Luft.

9. Lesen Sie, wenn alle schreiben! Die PISA-Studie bilanziert nur den Mangel und lässt viele Fragen offen. Was verändert sich in multimedialer Umgebung am Lesen? Wie schaut der ideale Leser des Medienzeitalters aus, der all das Geschriebene erst rezipiert?

10. Wo ständig geschrieben wird, braucht es Lesende, damit die kommunikative Balance gewahrt bleibt. Im Lesen eröffnet sich den wenigen Auserwählten eine Nische. Fürs Lesen gibt es weder verlässliche Apparate noch Mix-Remix-Techniken! Zudem schafft es eine kreative Aura, die sich den gängigen Zwängen entzieht.

11. Einst schrieben wenige Direktiven, damit alle sie lasen. Heute präsentiert sich die Situation übers Kreuz. Wenige lesen, was alle formulieren, dekretieren, offenbaren. Im digitalen Zeitalter verlagert sich die kulturelle wie gesellschaftliche Kernkompetenz vom Schreiben hin zum Lesen. Das Schreiben können Sie getrost den anderen überlassen, seien dies auch Maschinen. So ist der Zeiten Lauf.

 

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Beat Mazenauer

Lesen Sie, schreiben tun alle !

 

 

 

 

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