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Die Aufnahme in einen deutschen Verlag sowie die Beachtung durch die deutsche Literaturkritik war und ist für Schweizer Autorinnen und Autoren ein wichtiges Ziel. Aus zwei Gründen: Erstens sind dreieinhalb Millionen potentielle deutschsprachige Schweizer Leser ein viel zu kleiner Absatzmarkt. Und zweitens muss sich die Lorbeeren im grossen Nachbarland holen, wer in der Schweiz anerkannt werden will. Der Ruhm muss über die Grenze und wieder zurück.

Wer seine Bücher in einem deutschen Verlag publiziert, hat es leichter, in die Spalten der grossen deutschen Zeitungen und in die Sendungen der Radio- und Fernsehanstalten zu kommen. Hermann Burger beispielsweise wurde dank dem Wechsel vom Zürcher Artemis- zum Frankfurter Fischer-Verlag zu einem der bekanntesten Schweizer Autoren in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Dass sein Roman «Die künstliche Mutter» von 1982 - eine mythische Muttersuche eines impotenten Wissenschaftlers im Gotthardmassiv - in Deutschland zu einem Bestseller avancierte, wurde von der ganzseitigen Lobeshymne begünstigt, die Marcel Reich-Ranicki in der «FAZ» verfasste. Im selben Artikel lamentierte er über die in der deutschsprachigen Literatur angeblich gerade wieder einmal herrschende Langeweile und brach eine Debatte vom Zaun, die sämtliche Medien beschäftigte. Burger war plötzlich in aller Munde.

Unbestritten ist auch, dass Reich-Ranicki 1964 durch einen grossen begeisterten Artikel in der «Zeit» Peter Bichsel für das deutsche Publikum entdeckt und propagiert hat. Mit dem spektakulären Kurzgeschichtenband «Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen» wurde Bichsel schlagartig berühmt.

Eindeutige, den Erfolg oder Misserfolg der Deutschschweizer Literatur in Deutschland anzeigende Parameter sind kaum zu benennen. Auflagenzahl, Publikation von Schweizer Autoren in einem deutschen Verlag, Rezensionen in den Feuilletons, Besprechungen in den elektronischen Medien oder die Aufnahme von Texten ins Lektüreprogramm von Gymnasien und Universitäten sind Indikatoren, aber keine Garanten für ein entsprechendes Echo. Es gibt keine Statistik oder eine umfassende Untersuchung zum Thema Rezeption von Schweizer Literatur in Deutschland. Deshalb kann ich mich hier nur auf ein paar exemplarische Beispiele stützen, die immer auch spiegeln, was der Markt gemäss jeweiligem Zeitgeist verlangt hat.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war das Schweiz-Bild der Deutschen ebenso mythisch wie touristisch geprägt. Gefragt war Heile-Welt-Literatur für das städtische Lesepublikum. In Deutschland bekannt sind heute nur noch der bereits 1880 erschienene Heidi-Roman und Ernst Zahnds «Lukas Hochstrassers Haus» von 1907. Eduard Korrodi, Feuilletonchef der NZZ, schrieb 1919 treffend: «Wir sollen in der deutschen Literatur die ländliche Provinz sein.» So erstaunt es nicht, dass Jakob Schaffner lange als der erfolgreichste Schweizer Romancier in Deutschland galt und Robert Walser Berlin verarmt und enttäuscht verliess.

Frisch und Dürrenmatt hatten in den Fünfzigerjahren nicht zuletzt auch deshalb Erfolg in Deutschland, weil sie auf konkrete Schuldzuweisungen verzichteten: Die Deutschen waren nicht die einzigen Bewohner Güllens; mit den Biedermännern meinte Frisch nicht nur die nördlichen Nachbarn. Im Zuge der Bewunderung für die beiden Dioskuren richtete die Bundesrepublik ihr Augenmerk verstärkt auf die Deutschschweiz. Die FAZ beispielsweise brachte 1959 einen Vorabdruck des «Stummen» von Otto F. Walter und begrüsste den aus der Schweiz kommenden Paradigmawechsel weg vom Schreiben über die Verbrechen Nazi-Deutschlands hin zum vermeintlich Unpolitischen. Umgekehrt zeigten die Schweizer Verlage kein Interesse an Walter Matthias Diggelmanns «Hinterlassenschaft». Diggelmann stellte darin die Schweizer Flüchtlingspolitik an den Pranger und thematisierte schonungslos die Verstrickungen der Schweiz mit dem nationalsozialistischen Deutschland. Gedruckt wurde der Roman schliesslich 1965 bei Piper in München.

Der deutsche Verlag, der sich am stärksten um Schweizer Literatur verdient gemacht hat, ist zweifellos Suhrkamp, der auch Debütanten den Weg ebnete. Es waren dies, um nur einige zu nennen: Paul Nizon, Erica Pedretti, E.Y. Meyer, Jürg Laederach, Gertrud Leutenegger, Jörg Steiner, Reto Hänny, Silvio Blatter, Jürg Federspiel, Ilma Rakusa, Urs Faes, Peter Weber, Ruth Erat und Lukas Bärfuss.

Erfolg ist unwägbar, und das ist gut so. Solange ein Roman wie «Borodino» aus dem Jahr 1982 von Gerhard Meier den Weg ins deutsche Feuilleton findet, obwohl er im Berner Kleinverlag Zytglogge erschienen ist, besteht Hoffnung, dass Qualität auf Resonanz stösst. Um so mehr, als dass heute kaum jemand mehr durch die engen Maschen des Literaturbetriebs fällt, sofern der Text etwas taugt.

 

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Sandra Leis

Zur Rezeption der Deutschschweizer Literatur in Deutschland

 

 

 

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