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Entschuldigen Sie den nun folgenden, nicht ganz ernst gemeinten, Jargon - er ist nicht meiner, gehört eher zur Anordnung eines dreiminütigen Experiments in Selbstentfremdung:

Systeme sind darwinistisch veranlagte Abstraktionen, sie versuchen sich in und gegenüber der Aussenwelt, welche sie als ihre je spezifische Umwelt konstruieren, zu erhalten und sie wollen sich - das tönt nur literarisch, ist aber martialisch gemeint - autopoetisch reproduzieren.

Systeme konstruieren mit den kombinatorischen Möglichkeiten eines beschränkten Satzes von durch äussere Reize stimulierten Elementen das Bild jener Wirklichkeit, in der sie die besten Überlebenschancen haben. Dazu gehört auch Konstanz und Selbstreproduktion. Das gilt für Einzeller, Schreiber, Leser, ganze Gesellschaften.

Die Weltkonstitution und die produktive Fortpflanzung des Systems „Schweizer Literatur“ fand lange Zeit mittels der Module Enge, Ereignislosigkeit, Holzboden, Heimat, Fremde, Sehnsucht und Heimweh statt. - Sie kennen die Litanei.

Richtiggehend autopoetisch wurde der konstruktivistische Weltbezug durch diese zuerst noch selektiv und unsicher bewegten Elemente aber erst mit ihrer programmatischen Festschreibung durch innersystemische Beobachter zweiter Ordnung.

Das sind im Literatursystem jene rekursiven und selbstreflexiven Schlaufen, die wir Literaturkritik nennen: Beobachter und Programmierer, die das System selbst generiert, um die Konstanz und die Reduktion der Komplexität in der Verarbeitung der eigenen Umwelt zu garantieren. - Das gilt selbstverständlich auch für die Umwelt von Texten.

Diese programmatische Festschreibung zweiter Ordnung scheint auch heute noch - wenn auch unter anderen Vorzeichen - um das reproduktive Überleben des Systems besorgt: Wenn Anthologien, die nun nicht mehr „Geschichten aus einem ereignislosen Land“, sondern selbstbewusst „Swiss made“ oder „Natürlich die Schweizer!“ heissen, eigens darauf hinweisen, dass heute ein neuer „europatauglicher“ System-Label gilt.

Aber kaum dem altbewährten System „Schweizer Literatur“ ins rekursiv noch unbewältigte Offene entkommen, lauern neue Chancen und Gefahren.

Das unheimlich gemütliche „Holzbodensystem“ war der Resonanzraum einer literarisch geschlossenen Gesellschaft „tintenblauer Eidgenossen“, seine rekursiven Schlaufen wurden bedächtig mittels stillen Lesern und Schreibern, sprich Literaturkritikern, in einem mehr oder weniger homogenen literarischen Geviert und mit gehöriger reflexiver Verzögerung installiert, aber auch umso beständiger fixiert.

Heute - vor schillernden Monitoren und pfeifenden Mikrophonen - ist das ganz anders geworden: Die innersystemischen Feedbackschlaufen des Literatursystems werden nicht mehr durch beglaubigte Instanzen moniert und montiert, sondern durch Interferenzen mit anderen, unmittelbareren und heisseren medialen Systemen verändert, aufgelöst, zu einer Vielfalt kleinerer selbstbezüglicher Wirbel, Kringel, Laschen mutiert.

Die grosse verbindliche Schlaufe steht verlassen da - wie eine rostende Achterbahn.

Literaturclubs, Poetry Slams, Stundenhotels, Internetzwerke generieren instant-mässige Reaktionen auf Texte, die immer mehr im behavioristischen Reiz-Reaktions-Schema von Schreiber/Leser-Performer und Publikum entstehen: Die Beobachter zweiter Ordnung schalten sich spontan und live - sozusagen im gut schweizerisch demokratischen Sinn - in die Textgenese ein. Unmittelbare Wirkung ist gefragt. Und dem konventionellen Kritiker beleibt noch die einsame Nacht zum Beschreiben des dabei entstandenen kybernetischen Events.

Ob das eine Gefährdung der Literatur darstellt, ihr grosser Kollaps, oder ob dies ihr Befreiungsschlag gegenüber dem kritischen Kanon selbstreflexiver Festschreibungen ist, bleibt schwer zu sagen.

Das Literatursystem Schweiz, sprich der alte Holzboden, ist jedenfalls zu einer offenen Bühne, zu einer multimedialen Installation, zu einem dezentrierten Konglomerat interagierender Systeme geworden - und der Beobachter zweiter Ordnung, wenn er denn systemimmanenter Beobachter bleiben will, muss zum Beobacher n’ter Ordnung werden.

Hier endet meine systemische Konfusion - und es beginnt die leise Konsternation.

 

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Andreas Langenbacher

Hopp oder popp Schwiiz?
Eine systemische Konfusion

 

 

 

to kat.ch/bm