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Schweizer Literatur - die Verbindung der beiden Begriffe löst bei mir das Bild einer veralteten Typographie aus, steife Lettern, ihrer protestantischen Schuldigkeit bewusst, auf leicht verblichenen Halbkarton gedruckt, an Jahre erinnernd, während denen der Mythos des Landes - als Sonderfall der Geschichte - durch seine Zergliederung und Destruktion immer neu behauptet wurde, der Diskurs in der Enge sich zum selbstverstärkenden Kreis familiarisierte, man das Gefühl hatte, man müßte wenigstens verbal abräumen, was durch die Gunst der Stunde stehen geblieben sei, jedoch das Unbehagen nicht loswurde, nicht wirklich mitreden zu können, da wir Schweizer unvorsichtigerweise in der Vergangenheit den bewegten Jugendspruch der achtziger Jahre vorweggenommen hatten: Es ist Krieg gewesen, und wir sind nicht hingegangen. Nun hatte man den Dreck, eine verklumpte bürgerliche Gesellschaft, die man nochmals mit den Bildern der zwanziger Jahre zu erschrecken suchte, während die angeblich „breitgfüdlete“ Fahnenschwinger und Jodler längst dienstleistend globalisierten, andere und neue Unrechtsregime belieferten und selbstverständlich Englisch sprachen.

Ein Volk das seine eigenen Wurzeln folklorisiert hat, ja eigentlich die Folklore erfunden hat, „s‘Dörfli“, nach dem Erfolg der Genfer Landesausstellung 1896, zum Exportartikel an die Weltausstellung von Paris machte, tendiert wahrscheinlich generell dazu, die unterschiedlichsten Lebensbereiche in Trachten zu stecken - schon weil das ein bewährtes Erfolgsrezept im Hotel Angst zwischen den zu Grunde gegaunerten Flugzeugen ist.

Was mir als ein letzter europäischer Literaturschutzpark intakter, von Nazipropaganda nicht zerstörter Sprach- und Gesellschaftslandschaft erschienen ist, dem man selbstverständlich nicht angehören konnte, wenn man neben einer Mutter aufgewachsen ist, die bei jeder Gelegenheit betont hat, sie fühle sich in der Schweiz als eine russische Emigrantin, obschon sie in Bukarest aufgewachsen ist, dieser Park besteht nur noch aus kleinen Hochgebirgsmooren, aus denen noch manchmal das Klaglied schallt, die Schweizer Literatur sei verblasst, es gäbe keinen Frisch und keinen Dürrenmatt mehr, um dann doch einen armen Kerl zu erküren, der die beiden Statuen schultern solle, ein leistenbruchsicherer Autor in der Skala der Kulturstiftungen, zum letzten europäischen Nationaldichter verurteilt, der aber nicht allzu viele heilige Kühe reißen darf, sonst wird er abgeschossen.

Seit der Wende anfangs der neunziger Jahre hat sich eine Literatur in der Schweiz gebildet, die ihre Hauptaufgabe nicht mehr im Scheuern des schweizerischen Holzbodens (den es noch immer gibt) betrachtet, die ausgreift über die Grenzen, sich biographisch, stilistisch oder thematisch in größere Zusammenhänge stellt und Autoren, die hierher gekommen sind, selbstverständlich auf- und annimmt. Für mich eine Erlösung. Die Verbindung von Herkunft und Literatur hat mich immer als eine Unanständigkeit angemutet. Ich halte den Begriff „Schweizer Literatur“ für obsolet, aufgeladen mit Konzepten des neunzehnten Jahrhunderts, und ich stimme dem letzten französischen Nationaldichter zu, Paul Valéry, der behauptet haben soll „daß man alle Gedichte, die je geschrieben wurden, einem einzigen, zeitlosen Dichter zusprechen könnte, dem schöpferischen Geist.“ (zit. nach Cartarescu, Europa hat die Form meines Gehirns, NZZ 15./16. 2. 03).

 

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Christian Haller

 

 

 

 

 

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