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Schreiben, ob als Rezensent oder als Autor, wir wissen es, ist einsame Tätigkeit. Wir sind mit uns allein, dem entstehenden Text ausgesetzt, zwischen Scheitern und Gelingen.

Und das ist sehr ausgesetzt.

Und wenn man darüber redet, setzt man sich noch mehr aus, man müsste ja nicht nur vom Schreiben, vom gelingen, man müsste auch vom Nichtschreiben, vom Nichtgelingen, vom Scheitern reden, müsste sich als verletzlich zeigen.

Ist das zumutbar? Mir und den andern?

Mir und den andern: die Formulierung verrät es schon, der Text ist seinem Wesen nach dialogisch, unterwegs zu einem Du, irgendwann. Aber wann?

Wann reden wir mit andern? Wann mit Rezensenten? Mit dem Lektor, dem Verleger?

Die Angst ist gross, das Misstrauen auch. Warum?

Ich glaube nicht, dass es nur mit dem oft gehörten Vorwurf zu tun hat, Autorinnen und Autoren seien mimosenhaft verletzlich, leicht gekränkt.

Aber warum stellt sich so leicht ein Gefühl der Verletzung ein?

Kurz vor meiner Abfahrt hierher telephonierte ich mit einer Autorin, die auch hier ist. Wir sprachen über dies und jenes, waren aber rasch bei Rezensionen. Unter anderem sagte sie: Weißt du die und die Besprechung hat mich tief verletzt.

Sie sagte nicht, der Rezensent hat meine Intention nicht gesehen oder nicht verstanden, sie sagte nicht, er hat nicht genau gelesen oder, er hat nur den Anfang gelesen, sie sagte: er hat mich verletzt.

Warum dieses Wort?

Hat es, ich frage, vielleicht damit zu tun, dass Schreiben eben nicht nur das Erzählen von Erfahrenem und Erinnertem, nicht nur Umgang mit Sprache ist, sondern eben auch Suche, Erkundung und Werden, ein Sich-Öffnen und Offensein, offen auf die Leserin, den Leser hin? Und macht vielleicht genau dieses Offensein so verletzlich? Ich frage. Und hat es auch mit dem selten beachteten Umstand zu tun, dass ein Buch immer auch Lebenszeit umfasst: zwei oder drei oder fünf Jahre Arbeit, die nicht in zwei Minuten oder fünf Zeilen diskutiert sein möchte?

Und ich frage mich, wie können wir trotz dieser Umstände offen miteinander reden, gerade auch bei solchen Begegnungen?

Wie soll das Gespräch sein, exklusiv, klandestin oder gar beschränkt auf jenen Kreis von Freunden, die schon immer schonungsvoll nachsichtig sind und begeistert zustimmen.

Ich glaube nicht, wir brauchen keine Claqueure, sondern Fachleute, also Leserinnen und Leser, die genau lesen, kritisch und widerständig.

Wenn der Austausch nicht nur dem Einzelnen, sondern der Literatur insgesamt dienen soll, muss er offen mit all jenen geführt werden, die sich mit Literatur beschäftigen.

Gemeinsames Ziel wäre die Literatur, gute Literatur, solche möchte der Autor, solche möchte der Rezensent, wohl auch der Verleger. Gute Bücher als Ziel: Was heisst das für den Autor, die Autorin? Für den Rezensenten, den Verleger? Was ist Qualität? Was sind ästhetische Kriterien usw.?

Man müsste dann auch von Zweifeln über das eigene Tun reden, die auch da sind, über Unsicherheiten. Reden also über Ängste und Zweifel, über Bücher, gelungene und misslungene. Dass ich mit meinem Text danach wieder allein bin, versteht sich von selbst.

Deshalb soll das Gespräch sein, hier und jetzt und anderswo, über Texte, über Verletzungen und Verletzlichkeiten, über Gelingen und Scheitern, jenseits von Lamento und Anbiederung, neugierig und offen, freimütig.

Schaffen wir das?

 

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Urs Faes

Offen und verletzlich ?
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