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Wie Urgestein steht die Frage, was denn Schweizer Literatur - zumal die deutschschweizerische - sei, seit Jahrzehnten im literaturkritischen Diskurs. Konstitutiv für eine Schweizer Literaturgeschichte, so schreibt Roman Bucheli, könnten die Rubriken „Aufbruch und Rückkehr“ sein. Der Aufbruch und Ausbruch, der Umweg, den ein Autor/Autorin oder Held/Heldin machen muss, um zum Eigenen zu kommen, entspräche der Bewegung des Entgrenzens und des Über-die-Grenzen-Hinaus-Wollen, die Elsbeth Pulver als bestimmend für die Schweizer Literatur der siebziger und achtziger Jahre ausgemacht hat. Noch im Dürrenmattschen Bild von der Schweiz als Gefängnis - und der Bevölkerung als dessen Insassen - klingt nicht nur das Misstrauen in den Spitzelstaat an, sondern auch die Anklage gegen die politische Selbstisolierung. Gefängnisse sind ebensowenig wie Paradiese zum längeren Bewohnen geeignet, weswegen Frisch schon 1946 die Losung von der „Sehnsucht nach Welt“ ausgab. Wer aber so unter der eigenen Enge und Kleinheit leidet, der wird den Erfahrungen in der Fremde hohe Authentizität oder gar Dignität zuschreiben wollen. Dies müsste Folgen haben für die literarische Konstruktion von schweizerischer Identität. Erst recht heute, in einer Zeit, in der sich die Schreibverhältnisse verändert haben. Im Vergleich zu Afrikanern, Asiaten oder Lateinamerikanern verfügt man als Schweizer oder Schweizerin über ideale Reisebedingungen und wird als Autor von der pro helvetia immer wieder in die Welt hinausgeschickt.

All diese Welterfahrungen aber schlagen sich kaum in den Texten nieder. Vergebens sucht man - nach Frisch und Dürrenmatt - nach dem „europäischen Roman“ (Politycki) oder gar dem Weltroman schweizerischer Provenienz, und Schweizer Romane tauchen kaum je in internationalen Diskursgazetten wie „Lettre Internationale“, „Times Literary Magazine“, „La nouvelle Revue francaise“ auf.

Das hat nichts mit fehlender Qualität, sondern mit einem obsolet gewordenen Konstrukt schweizerischer Identität zu tun.

Kleinheit und Selbstverkleinerung als Alibi- noch immer, trotz helvetischer Reisewut, trotz maximaler medialer Vernetzungsdichte, trotz weltweiter Verflechtungen. Festhalten am Kleinen - zuletzt als moralische Kategorie, die uns vor all den Verderblichkeiten grossnachbarlicher Machtansprüche bewahrt. Obwohl Zürich oder Basel längst und gerade in kultureller Hinsicht zu europäischen Grosstädten gewachsen sind, gibt es keinen schweizerischen Grosstadtroman, sondern in der Regel weiterhin das Ausweichen in rurale, technikfreie Räume. Denn anders als in Amerika, oder in Italien oder Frankreich und Deutschland misstraut man hierzulande stärker den medial vermittelten Erfahrungen, sodass diese, als Ausgangspumkt wie als Gegenstand literarischen Schaffens, kaum in Betracht kommen. Muss man nicht auf Robert Walsers Berliner Jahre zurückgreifen, um in den Genuss eines schweizersichen Grosstadtromans zu kommen?

Zeitgeistige Tendenzen gefallen sich in einer restaurativen Äshetik, die sich als Avantgarde ausgibt. Statt erhöhter ästhetischer Anstrengung, wie sie zum Beispiel auch das unentwirrbare Ineinander von Realität und Simulakrum des 11. September bietet, ergibt man sich einer beschränkten Art von Heimattheater, das seinen Stachel einzig aus der persiflierenden Schräglage bezieht. Amusement für ein ansonsten urban sich gebendes Publikum. Intellektuellenfeindlichkeit und Misstrauen in denkerische Anstrengungen im Roman zeichnet immer wieder den Diskurs über Literatur aus, offenbar muss man sich noch immer gegen unsere deutschen Nachbarn abgrenzen. Denn Redemächtigkeit ist hierzulande nur an der Grenze zum Wahnsinn erlaubt - in der Vermählung mit der Unordnung der Rede und dem Verstummen also. Als Beispiel sei nochmal Walser genannt, aber auch das verschnupfte Grollen und Poltern unseres einzigen akzeptierten Intellektuellen Meienberg - oder auch Burger oder Laederach. So wird das vermeintlich Eigene zum Ausschluss alles Anderen, die weiterhin unhinterfragten Topoi werden zur restaurativen Ladenhütern.

Dabei gab es immer wieder Versuche, schweizerische Identiät weitausgreifender zu konstruieren; ich meine Beat Sterchis „Blösch“, in dem das Schweizerische nicht ohne das Ausländische in Gestalt des spanischen Knechtes Ambrosio zu denken ist. Oder auch in Markus Werners „Der ägyptische Heinrich“, der die Identitätssuche bis in die Archive von Kairo treibt. Dass er gerade in der fremdesten Fremde auf das Klischee der Schweiz stösst („Wie zu erwarten war, kam ich für sie aus einem Paradies, gefüllt mit Schnee und Schokolade, Geld und Käse) entblösst - gerade in seiner Ironie - den Vorschein auf eine klischeefreie Wahrheit oder Wirklichkeit. „Im Sinngedicht“ und in „Die Leute aus Seldwyla“ geht Gottfried Keller an die Konstruktion schweizerischer Identität nicht aus dem nationalen Kontext, also aus der Enge, sondern aus der kulturellen Differenz.

In der Novelle „Berlocken“ wandert der begehrte Schmuck Thibauts, der die Bedeutung einer Trophäe seiner weibliche Eroberungen hat, zuletzt an die Nase des Indianers namens „Donner-Bärs“, wo er seinem Besitzer völlig zweckentfremdet erscheinen muss. Statt am Hals von Thibaut in der Nase des Wilden, verrätselt Keller die kulturelle Bedeutung der Berlocken. Prototyp des schweizerischen Helden ist auch eine Figur wie Pankraz, der auszieht, das Schmollen zu verlernen, über fremde Länder, schöne Frauen und wilde Tiere aus seiner narzisstischen Verstocktheit ausbricht, um tüchtig zur Mutter zurückzukehren. Dass er dabei die Sprache, das Erzählen und Fabulieren gelernt hat, interessiert allerdings weder die Mutter (das Mutterland?), noch die Schwester. Beide schlafen über Pankraz Rede ein.

 

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Martin R. Dean

Ladenhüter

 

 

 

 

to kat.ch/bm