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Zu den Eigenschaften der Literatur gehört unter anderem, dass sie keine Bestellungen entgegennimmt. Sie lässt sich kaum was vorschreiben, und wo sie diese Regel vergessen hat, ist sie meistens bald bestraft. Eine gewisse Unberechenbarkeit gehört also zu ihr. Lesen lässt sich nur, was geschrieben ist - der Rest ist nur als Wunsch zu haben. Wir bekommen das zu lesen, was auf den Tisch kommt ...

Zwei Feststellungen, drei Wünsche:

Der Blick auf jüngere Texte, die in der deutschsprachigen Schweiz entstanden sind, fällt auf unzählige Texte, die nicht einfach in irgendeine "Schule" gestellt werden können, auf Texte, die nicht erwartet wurden, die also neue Fenster aufstossen und Fenster auf Neues.

Erkennbar ist z.B.: dass die jüngeren Autorinnen und Autoren längst aus dem Schatten von Frisch und Dürrenmatt herausgetreten sind (manchmal scheint mir: ohne langes Feder- und Textlesen, ohne Auseinandersetzung ... eher fluchtartig, ohne Anstalten zum Vatermord, der ja hier nur probehalber erfolgen könnte, aber das eigene Messer für Momente deutlicher blitzen liesse). Nachteil: die Auseinandersetzung mit den beiden hätte auch eine Auseinandersetzung bedeuten können mit der gesellschaftlichen Rolle der Schreibenden (Aber jetzt, wo diese im Schwinden ist, lässt sich diese vermutlich ohnehin leichter reflektieren).

Was auch weggefallen ist: Wehleid à la „Diskurs in der Enge“. War mal ein optisches Instrument zur Klärung der Situation von Kunstschaffenden, inzwischen überholt, weil nicht weitergedacht und dadurch feuilletonistisches Kleingeld geworden.

Das sind wohltuende Entwicklungen.

Was ich gelegentlich vermisse:

Zunächst: Ein Blick in die anderen Sprachregionen der Schweiz. In die Romandie vor allem - dort werden wunderbare Sachen geschrieben, da wird Kühnes versucht, und mir scheint oft, die Neugierde der Romands in Richtung Deutschschweiz sei grösser als umgekehrt. Das ist schade, finde ich, und ich werde darum auch ein wenig skeptisch, wenn sich jemand besser in Paris zurechtzufinden glaubt als beispielsweise in Lausanne oder Genf...

Und um jetzt doch nach Paris zu gehen: ich beneide die Franzosen gelegentlich um ihren Umgang mit der literarischen Tradition. Die Präsenz des Geschriebenen ist dort gross, und sie braucht deswegen nicht erstickend zu sein. Auch in Frankreich, wie überall, treten die Schreibenden und die Lesenden gegen die grossen Bibliotheken im Rücken an. Überall kann das Überlieferte erdrückend sein. Mich bedrängt bei uns eher dessen Mangel. Der Hallraum scheint mir in Frankreich grösser zu sein, und mir will das selbst dann so vorkommen, wenn das nur ein Wunsch sein sollte. Dann bliebe eben der bescheidene Wunsch, es möchte beispielsweise ein Buch nicht nur so lange wahrgenommen werden, als es als Neuerscheinung durchgehen kann.

Dritte und letzte Vermisstanzeige, Anmeldung weiterer Bedenken zum Zwecke der Diskussionsförderung, so es deren überhaupt bedarf: Eine gewisse Frechheit in Sachen Sprache, die hat sich auch etwas verlaufen. Man muss sich dabei nicht ganz der Sprache überlassen, da ist vermutlich nicht mehr sehr viel Neues zu entdecken, aber es dürfte ihr mitunter etwas mehr zugemutet werden. Ich lese - aber da bin ich vielleicht auch ganz einfach selber schuld, denn der Hinweis, dass es etwas schon mal gegeben hat, ist in unserem Kontext bekanntlich kein brauchbarer Hinweis - ich stosse zu oft auf Texte, die aussehen wie Böll-Upgrading. Halt ohne den seufzenden Katholizismus und die anderen Sorgen der sechziger Jahre, aber im selben sprachlichen Habitus, mit den selben Falten.

Aber das ist natürlich schon wieder übertrieben, ich weiss. Am Ende ist möglicherweise gerade dieser etwas gradlinige, sich gedämpfte Ironie gönnende und sehr auf sein Finale bedachte Gestus des Erzählens wieder zu entdecken. Und genausogut gibt es das Gegenteil, freche Texte, die all das widerlegen, was ich eben behaupten wollte, womit ich wieder beim Anfang bin - die Unberechenbarkeit und Vielfalt ist das Spannende an der neueren deutschschweizerischen Literatur. Ich meine das nicht im Sinne einer alles sedierenden Harmonie, es geht nicht um den guteidgenössischen Kompromiss, der jedem und allem Recht gibt. Aber der an Worten knauserige Text, der dem Verstummen entlang schrammt, ist genau so wichtig wie die Suada, die sich in die Verausgabung rettet. Der historische Roman genau so richtig und wichtig wie die Bearbeitung biographischer Wunden. Das eine ist ohne das andere schnell einmal langweilig. Wobei ich abschliessend gerne einräume: vielleicht ist diese Form der Wahrnehmung auch generationsbedingt. Ich bin, andere hier sind es auch, mit einem gewissen Vorrat an Tönen und Frequenzen aufgewachsen, mit verschiedenen Sounds, die wir alle im Ohr haben und mögen, mit dem Bichsel-Sound, dem Muschg-Sound, dem Widmer-Sound etc., - und jetzt erleben wir, wie diese Töne ihre Altersfärbung annehmen, wir kennen und erkennen den Sound inzwischen sehr gut und wissen in etwa auch, was er transportiert - aber daneben gibt es längst auch anderes. Von diesem Anderen möchte ich mehr hören und lesen.

 

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Martin Zingg

Zwei Feststellungen, drei Wünsche

 

 

 

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