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Im Vorwort einer Anthologie deutschsprachiger Texte aus der Schweiz steht zu lesen: «Nach dem spezifisch Schweizerischen zu fragen, das noch vor dem Namen wie ein Etikett steht, ist müssig. Es gibt in unserer Zeit keine Literatur mehr, der Merkmale des typisch Schweizerischen innewohnen würden. Nach dem Schweizer Dichter zu fragen, ist nicht mehr richtig.»

Die so gekennzeichnete Anthologie wurde 1964 von Hugo Leber herausgegeben. Sie enthält Texte unter anderm von Peter Bichsel, Hugo Loetscher, Jörg Steiner und Otto F. Walter, lauter Autoren also, von denen die jüngeren Autorinnen und Autoren heute meinen, sie hätten im Unterschied zu ihnen das Etikett «Schweizer Autor» noch tragen können.

Es kennzeichnet die Literatur aus der deutschsprachigen Schweiz seit 1945, dass sie sich immer wieder als «Schweizer Literatur» verabschiedet und immer wieder als solche registriert wird, und zwar meist gerade aufgrund der Inhalte und Formen, die diese Verabschiedung jeweils angenommen hat.

Die Autorinnen und Autoren aus der deutschen Schweiz sind nur in Ausnahmefällen deutsche bzw. Schweizer Autoren und werden, ob sie es wollen oder nicht, doch immer als beides wahrgenommen. In Deutschland werden sie als «Schweizer» von den Kolleginnen und Kollegen geschieden, zu denen sie gehören möchten, in der Schweiz als «deutschsprachig» von denjenigen, zu denen sie gehören müssen. Die nur für die Deutschschweiz konstitutive mediale Diglossie führt sie dazu, in einer Sprache zu schreiben, die nicht eigentlich ihre Muttersprache ist. Die für die ganze Schweiz konstitutive Mehrsprachigkeit versetzt sie in die Lage, dass sie von der Gesamtheit ihrer Landsleute nur in jenem seltenen Fall gelesen werden können, in dem sie auch auf Französisch und Italienisch übersetzt sind.

Mit dieser Häufung von Identifizierungen, die immer nur halb stimmen, befinden sie sich in einer ähnlichen Situation wie die emigrierten bzw. postkolonialen Autorinnen und Autoren. Wie diese müssen sie mit einer Bindestrich-Identität leben, nur dass dies in der heutigen Zeit kein Makel mehr ist, sondern ein Plus. Weltliteratur bilden heute und künftig jene Werke, die gegebene Differenzen nicht universalistisch transzendieren, sondern in ihrer eigenen Hybridität reflektieren.

Literatur aus der Schweiz hat die Chance, kaum anders zu können. Dass sie in mehrfacher Weise von Rändern bestimmt wird, ist zwar zu einem Klischee geworden. Nur können Ränder heute nicht mehr in dem Sinne verstanden werden, dass jenseits ihrer das Unerschlossene läge. Das Konzept der Avantgarde unterstellte einen Raum, den es durch Überschreitungen ins Offene auszudehnen galt. Diese Erfahrung des Raums als solche seiner ständigen Ausdehnung ist im Lauf des 20. Jahrhunderts obsolet geworden. Nach Foucault wurde sie ersetzt durch jene der Platzierung. Die Räume sind abgesteckt, es geht darum, sich darin zu verorten. Die Ränder verweisen nicht mehr ins Offene, sondern ins Andere. Neuerungen beruhen nicht mehr auf dem Prinzip der Avantgarde, sondern jenem der Mischung.

Was dieses Prinzip konkret heisst, zeigen z. B. die in der deutschsprachigen Schweizer Literatur immer stärker auftretenden Secondos. Ihnen ist nicht nur besondere Aufmerksamkeit zu schenken, weil die Einwanderung für die Schweiz immer wichtiger wird (als Zukunftschance), sondern weil ihre Werke deutlicher jene Hybridität verkörpern, die die Bürgerinnen und Bürger der mehrsprachigen Schweiz in sich selbst zu entdecken beginnen.

Es ist kein Zufall, dass eine Figur wie diejenige des Doppelgängers, das Double, in der Literatur der deutschsprachigen Schweiz seit Jörg Steiners « Der Kollege » von 1996 in auffälliger Häufung auftritt. Das Double ist zwar ein altes Motiv der Weltliteratur, hat aber in jüngerer Zeit in der Literatur der Migration und des Postkolonialismus eine besondere Bedeutung für die Problematisierung hybrider Identitäten gewonnen.

Ein genauerer Blick auf diese Literatur lohnt sich für die Schweizer Autorinnen und Autoren überdies, weil sie darin auch bestimmten Techniken begegnen können, die ihr eigenes Schreiben und Auftreten kennzeichnen. Was sind zum Beispiel die Titel « Swissmade oder Natürlich die Schweizer » anderes als Mimikry, das heisst die Technik, sich vor möglichen Folgen bestimmter Zuschreibungen dadurch zu schützen, dass man sie auf ironische Weise übernimmt? Oder was geschieht in Peter Webers Remythisierungen der Schweiz anderes als die Produktion sogenannter Heterotopien, das heisst die Produktion von Orten ausserhalb aller Orte, die doch konkret geortet werden können? Was geschieht in « Die Quartemberkinder » von Tim Krohn anderes als die ausdrückliche sprachliche Hybridisierung?

Natürlich gibt es unter den jüngeren Schweizer Autorinnen und Autoren auch solche, die sich, wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen der Migration und des Postkolonialismus, von vornherein nur der «Weltliteratur» zugehörig fühlen und ihre Texte inhaltlich und formal als Teil einer «one-world»-Kultur markieren (z. B. Peter Stamm, Ruth Schweikert, Armin Senser, Raphael Urweider). Aber auch diese Literatur muss, wenn sie einen längeren Atem haben will, aus mehr schöpfen als aus der intertextuellen Auseinandersetzung mit anderer Literatur.

Wahrscheinlich wird die Literatur aus der deutschen Schweiz auch künftig als «Schweizer Literatur» im Abschied zur Stelle sein und durch eine ihr eigene Mischung von Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit gekennzeichnet bleiben. Sie wird damit in einem neuen Sinn «abständig-gegenwärtig» sein, wie Max Frisch von Ludwig Hohl sagte.

 

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Daniel Rothenbühler

Schweizer Literatur - im Abschied zur Stelle

 

 

 

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