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Liebe Kolleginnen und Kollegen, gestattet mir, etwas kurz aufzuwärmen, was noch gar nicht gekocht ist, jedoch unsere Zunft betrifft: Zu meinem Sechzigsten, will sagen im Herbst 2005, soll nämlich, wenn alles gut geht, das Schweizerische Literaturinstitut seine Tore öffnen. Da werde ich also, wie man landläufig sagt, schon aus dem Schneider sein - oder, wie es uns unsere feinsinnigsten und schneidigsten Feuilletons mindestens einmal pro Jahr unter die Nase reiben, schon längst überfällig sein und stinken. Ich darf also ruhig heute schon ein wenig väterlich klingen, wenn ich - als Anregung - drei Wünschen zum geplanten Institut äussere. Sie gehen so:

Erstens: Mir gefällt die Idee eines Instituts für angehende Übersetzerinnen und Übersetzer, Dramaturgen, Theatermacherinnen, Lektoren - und, wieso nicht auch für Autorinnen und Autoren. Ein “Sammlungs- und Sendeort” für Literatur jedenfalls sollte geschaffen werden, eine Anlaufstelle und Bastion mit einem hohen Leuchtturm am Ufer des Bielersees: Er zeigt an, dass das Erzählen, dass WIR - und ich meine damit nicht nur die Schreibenden - dass WIR weitergehen. Und dass wir es ernst meinen damit - also mit uns. Das ist bei der grassierenden Nach-Lässigkeit gegenüber gegenüber allem und jedem und unserer flotten ICH-Bezogenheit nicht wenig. - Ja, ein Institut dieser Art wünsche ich mir durchaus.

Zweitens: Gebt dem Institut aber bitte keinen Dichternamen: Robert Walser, ausgerechnet er, der Wandervogel. Oder Dürrenmatt gegen Frisch, Gertrud Wilker anstelle von Cécile Ines Loos, Ramuz, Canetti et cetera, et cetera. Nein, lasst uns die Meisterinnen und Meister lieber lesen, zweiäugig, wenn möglich, das eine Auge geniesst den Text, das andere studiert gleichzeitig, wie er gebaut ist: - So mischen sich sinnvolle und sozusagen sinnliche Seminare noch lebender Autoren vor Ort mit Texten lebendig gebliebener Toten auf - und erweitern das Weite Feld des Schreibhandwerks weit über den Bielersee und unsere eigenen Zeitränder hinaus.

Klammer auf. Die vorgesehene prioritäre Zweisprachigkeit jedoch, Deutsch-Französisch, ist das nicht bloss eine freund-eidgenössische Alibiübung? Wir haben ja nicht primär das “Dolmetschen” im Kopf, sondern die Literatur, oder um es ein wenig pathetischer zu sagen, das Übersetzen des Urtextes. - Ich frage bloss und bin ganz und gar nicht gegen das Erforschen von allerhand Sprachgrenzen, im Gegenteil. Klammer geschlossen.

Dritter und letzter Wunsch: Passen wir nur gut auf, dass nicht tatsächlich das Literaturinstitut, wie es in den Papieren heisst, die Schweizer Literatur von morgen präge, sondern natürlich die Literatur selber: Eine möglichst eigensinnige, unverwechselbare und also immer wieder vom Idealfahrplan des Instituts abweichende Schreibe wünschte ich mir: Dann wiederum - und nur dann - hat das Institut auch an & mit “unsereins” seine Arbeit gut gemacht.

 

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Klaus Merz

Schweizerisches Literaturinstitut. Drei Wünsch.

 

to kat.ch/bm