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Die Kehre ist eindeutig: anstatt Managementkultur fördern wir heute Kulturmanagement. Die jüngsten politischen Debatten haben dies unmissverständlich bedeutet. Und mit Hans Rudolf Merz wacht einer über die Bundeskasse, der dazu steht, dass letztlich alle relevanten Fragen unter Budgetgesichtspunkten zu behandeln seien.

Der Rechenschieber hat nicht nur im Bundesrat Einsitz genommen, er steckt längst in unserem Kopf. Alles lässt sich auf Soll und Haben reduzieren. Die Schule wird effizienzgesteigert, das Individuum arbeitsrechtlich auf Zwangsselbständigkeit gesetzt, die Kultur nur mehr am Werbeeffekt gemessen. Dafür brauchen wir eben Kulturmanager, dafür können wir auf Managementkultur verzichten.

Medien, Kultur und Politik sitzen zurzeit in derselben Falle: Sie werden von neoliberalen Kampfparolen konsequent ökonomisiert. Der Buchhalter führt die Geschäfte, wobei das scheinheilige Argument der Vorsorge für künftige Generationen zuerst den eigenen Vorteil erwirkt. Dafür wird die gesamte Lebenswelt der betriebswirtschaftlichen Optimierung unterworfen. Der Rechenschieber im Kopf ist es, was uns Kopfzerbrechen bereitet. Alle Zeit ist Schnäppchenzeit, im Kultur- wie im Konsumalltag. Der zeitgemässe Jäger sammelt Bonuspunkte.

Dies ist die eine Seite der lauernden Ökonomisierung, die gerade auch die Kultur infiltriert. Mit dieser Spartugend wird eine Ideologie der Auszehrung des Gemeinsinns maskiert. Dagegen gilt es Stellung zu beziehen, konkret: den Eigenwert der Kultur zu betonen, die soziale Investition, die sie darstellt; die Kreativität, die nur in Freiräumen gedeiht.

Es gibt aber noch eine zweite, nicht mutwillige Seite der Ökonomisierung: nämlich die tatsächliche ökonomische Potenz, die Kultur im Grunde genommen auch hat.

Anstatt zu klagen, gilt es viel häufiger auch diese zu betonen, ins richtige Licht zu stellen, dafür zu lobbyieren.
Ein ausführlicher Bericht zur Kulturwirtschaft in der Schweiz bringt es seit neuestem an den Tag. Die beiden Autoren Christoph Weckerle und Michael Söndermann, die im Namen der HGKZ dafür verantwortlich zeichnen, fassen zusammen: “Die Kulturwirtschaft weist ein grosses Arbeits- und Beschäftigungspotential und in einigen kulturellen Teilmärkten beachtliche wirtschaftliche Umsatzpotentiale auf.” Sie ist eine Branche “mit überzeugendem Zukunftspotenzial für die schweizerische Volkswirtschaft”.
Die Zahlen sind in der Tat äusserst bemerkenswert. Rund 8700 steuerpflichtige Kulturbetriebe mit 82000 Beschäftigten erzielten im Jahr 2000 einen Umsatz von 17 Mrd. Franken. Dies entspricht in etwa der Uhrenindustrie und auch die Landwirtschaft liegt nicht weit weg.
Nicht mit eingeschlossen in diesen Zahlen sind
- Design und Software-Industrie,
- Ebenso nicht all jene Kultur-Produzenten, die kein Mehrwertsteuer-relevantes Einkommen erzielen.
- Und schliesslich fehlt auch der gesamte öffentliche Sektor: Kunstmuseen, Bibliotheken, Pro Helvetia.

Eine zweite Zahl: innerhalb des Kulturganzen liegt der Buch- und Literaturmarkt an der Spitze - vor Musik und Film.
Die eigentlichen “Wortproduzenten”: Autoren und Journalisten, schaffen “Contents” für 67 Mio. Fr. und lösen damit im gesamten Literatur-, Buch- und Pressemarkt einen Umsatz von 7 Milliarden aus. Gesamthaft sind rund 33500 Menschen damit beschäftigt - wie gesagt, ohne die kleinen Unternehmer und die unabhängigen Freischaffenden.
Der Literatur- und Buchmarkt im engern Sinn: Autoren, Verlage, Buchhandel generiert immerhin 2 Milliarden Umsatz. 8000 Personen wirken dabei mit.
Um das Bild abzurunden, müssen 6000 Bibliotheken mit rund 1800 Beschäftigten sowie der institutionelle Lehrmittelmarkt mit nochmals 120 Mio. Umsatz pro Jahr hinzu gezählt werden.
Ein derartiges Argumentarium sollte nicht einfach ignoriert werden.
Kommt dazu, dass der Kulturelle Sektor insgesamt stärker wächst als die Gesamtwirtschaft, so dass gar von einer Wachstumslokomotive Kultur gesprochen werden könnte.
Dies alles besagt noch nicht allzu viel über die Lage, in der sich der Literaturbetieb im Speziellen befindet. Und damit verändert sich nichts. Klar. Aber es könnte immerhin jenes Selbstbewusstsein frei machen, das andere Wirtschaftssektoren wie etwa die Landwirtschaft längst ode rnoch immer haben und mit ihren Pressuregroups ins Spiel bringen. Zu vergleichbarem Tun sollten wir uns nicht zu schade sein, angesichts der Zurückstufung von kulturellen Belangen in den Medien beispielsweise.

 

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Beat Mazenauer

Die 2 Seiten der Ökonomisierung

 

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