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Ich beginne mein kleines Loblied auf die Verstiegenheit mit einem Zitat. Es stammt aus einem Roman, der noch gute 150 Jahre nach seinem Erscheinen - und auch nach seiner neusten Übersetzung ins Deutsche - als verstiegen gilt:

”Doch wie für den entschlossenen Wanderer in der Schweiz die Alpen die ganze Schaurigkeit ihrer Höhe und ihre ehrfurchtgebietende Ausdehnung (...) niemals sogleich in einem weiten umfassenden Blick offenbaren, so hat es der Himmel weise eingerichtet, dass der Mensch, wenn er zum ersten Mal den Fuss in die Schweiz seiner Seele setzt, ihre gewaltige Unermesslichkeit nicht sogleich wahrnimmt, auf dass sein Geist, der auf eine solche Begegnung schlecht vorbereitet ist, nicht abstürze und im tiefsten Schnee verlösche.”

Als Herman Melville dies schrieb - in seinem Roman Pierre or The Ambiguities -, hatte er die Schweizer Alpen noch gar nie gesehen. Er überquerte den Gotthard erst ein paar Jahre später, von seiner Reise ins Heilige Land her kommend, um sich in England für seine Rückfahrt nach Amerika einzuschiffen. Seine Tagebuchnotate zur realen Schweizer Bergwelt blieben eher banal.

Mit den Alpen ist es wie mit der Seele und noch viel mehr wie mit dem Behältnis beider, dem Gehirn: rennt man nicht dagegen an, sondern faltet die Schründe, Windungen und Dellen von innen her nach und nach mittels Sprache auseinander, entsteht eine ungeheure weite, weisse Welt.

Wie viele Exponenten der Schweizer Literatur haben sich in diesem Sinne der “Schweiz ihrer Seele” in ihrem ganzen Ausmass gestellt: Henri-Frédéric Amiel, Robert Walser, Ludwig Hohl? Und wer befindet sich heute noch auf Expedition?

Vor solchem zugleich topographischem und topologischem Berg-und-Seelen-Hintergrund , gilt es nun gefährlich übergangslos an den Schweizer Psychiater Ludwig Binswanger zu erinneren: Binswanger, vielleicht gerade über die Köpfe seiner Patienten hinweg vom Burghölzli Richtung Zürcher Oberland oder Richtung Bahnhofstrasse schauend, prägte nämlich den Begriff ”Verstiegenheit” als daseinsanalytische Kategorie.

Auch wenn, oder vielleicht gerade weil, diese prekäre Verfassung von Binswanger als eine zentrale ”Form missglückten Daseins” abgehandelt wird - neben der “Verschrobenheit” und der “Manieriertheit” -, vermag sie meines Erachtens, zumindest in Teilen ihrer Beschreibung, auch eine bedenkenswerte ästhetisch-literarische Kategorie abzugeben. Dass die Verstiegenheit für eine Schweizer Poetik und ihre Panoramen inverser Erhabenheit noch nie fruchtbar gemacht wurde, bleibt erstaunlich.

“Zur Bedingung der Möglichkeit der Verstiegenheit”, schreibt Binswanger, “gehört, dass das Dasein höher steigt als es seiner Weite, seinem Erfahrungs- und Verstehenshorizont entspricht, anders ausgedrückt, dass Weite und Höhe nicht in proportionalem Verhältnis zueinander stehen. - Verstiegenheit ist also ein krasses Missverhältnis zwischen Streben und Verstehen.”

Liegt in diesem krassen Missverhältnis zwischen Streben und Verstehen aber nicht der ganze Zauber alles Lesens und Schreibens gelungener Poesie? - Der Versuch nämlich, alles schon Verstandene hinter sich zu lassen, es mit ästhetischen Mitteln ins noch nicht Verstandene, ja Unverstehbare zurückzuschreiben, hinaus- und hinaufzutreiben, um ihm ein neues Antlitz zu geben? Ein Streben, das nichts mit Enge oder Flucht zu tun hat, sondern mit gesunder Borniertheit, schöpferischem Irrweg, Werkversessenheit, Obsesssion - dh. mit jenem notorischen, heute schon fast wieder avantgardistisch anmutenden, Ausharren, Sitzenbleiben und Sich-Ausschweigen beim literarischen Geschäft. Stoisch und störrisch, mitten im Jahrmarkt der selbstverständlichsten Sensationen, wo jeder und jede mit einer schnellen Erklärung auf Sendung geht, um die andern in ihrem Vorverständnis zu bedienen.

Nur damit kann das krasse aber produktive Missverhältnis zwischen Streben und Verstehen wieder zum Ästhetikum, ja Narkotikum werden.

Wer oder was öffnet die Schweiz unserer Seele für die Seele der Schweiz? Hier kann ich nur für mich sprechen, weiterlesend, strebend und kryptisch werdend, um keine Namen zu nennen: Es sind die Ameisenjäger, die Erforscher erhöhter Blauanteile und die Demiurginnen von Planetensystemen, die aus Äpfeln bestehen.

 

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Andreas Langenbacher

Kleines Loblied auf die Verstiegenheit

 

to kat.ch/bm