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Akzeptiert man, dass es die “Schweizer Literatur” gibt - wie es die Alpen gibt, als einen Gattungsbegriff, der nichts über die einzelnen Gipfel, Täler, Lehnen und Abbrüche aussagt - so lässt sich fragen, welches die Kräfte gewesen seien, die zur Auffaltung der Gesteinsmassen geführt haben. Dabei finde ich den Hinweis von Loetscher in seinem jüngsten Buch “Lesen statt klettern” auf Thomas Platter sehr anregend, es wären gar nicht “Die Alpen” eines Albrecht von Hallers, die am Anfang einer schweizerischen Literatur stünden, sondern deren Verlassen: Der Weg fort in die Urbanität - und damit die Wegbeschreibung, die Autobiographie.
Mich hat die Frage beschäftigt, von welchen Mythen denn eine literarische Produktion getragen sein könnte, die spezifisch schweizerisch sei, fand, die vielgerühmten Amerikaner hätten noch ganz selbstverständlich, einen Bestand an fraglosen Mythen, wie den des Einzelgängers in der Wildnis der Strassen, der voll guten Willens und skrupelloser Gewalt für das “Rechte” sorgt - der kriminelle Akt als fragloses Ferment zum Guten: Ein “Tatbestand” der in der Weltpolitik unilatertale Urstände feiert und sich entlang den Achsen des Bösens schiesst.
Da sind wir mit unserer eigenen Kriminalgeschichte doch ziemlich am Ende: Die Mordgeschichte von Altdorf ist sauber ausgekratzt worden, und unsere verbleibenden Kriminaltaten sind bankgeheim und forschungspatentiert gesichert, nichts, worüber sich berichten liesse - so bliebe das bisschen Befindlichkeit, ein Wehklagen vor überfüllten Migrosgestellen: Auch eine typisch schweizerische “Situation”.
Was mich an Loetschers Beobachtung fasziniert, ist, dass er mit seiner Analyse hinter und unter die “Alpen” - die von Haller - gelangt und eine Bewegung aufzeigt, fort von diesen Alpen zu kommen, der “grossen armut von mutter lyb an”. Ein Weg, der auch heute noch untergründig die Richtung weist, trotz inzwischen angehäufter Goldreserven, für dessen Sicherung ziemlich viel in Kauf genommen wird, auch das Verbrechen, aber eben das heimliche, verdrängte, uneingestandenene, nicht das “heroische” eines Tells. Letzterem hat der umgekehrten Weg entsprochen: Jenem von der Stadt in die “heile” Wildnis, dem retour à la nature, wo das Böse am Unverdorbenen scheitert: Ein reines Importprodukt hervorragender Geister wie Byron, Schiller, Heinrich Zschokke - allerdings dann gelaubsägelt wie Vieles im 19.Jahrhundert - aber weidlich ausgenützt von den Ureinwohnern im Sinne ihres wirklichen Mythos, wegzukommen von der “grossen armut von mutter lyb an”.
Nun wäre der Weg Platters vom Wallis nach Basel nicht ausreichend beschrieben, erwähnte man nicht auch gleich eine Art Umkehr, die mit dem Weg Hallers von der Stadt in die idealisierten Alpen gar nichts zu tun hat, jedoch einen Zug von Widerborstigkeit verrät, nämlich die Stadt als Ziel und Heilsversprechen auch nicht zu akzeptieren, und so den Weg - und zwar das gerade überschaubare Stück - schon als das Ganze zu erklären, ein offenbar nicht minder kräftiger Mythos des Kleinformatigen, den Loetscher ebenfalls erwähnt: “Was muss ich nach Paris oder nach New York! Das ganze Leben gibt es auch bei mir in der Strasse.” Man kann sich leicht über diese Aussage lustig machen, doch die hinter dieser Beschränkung mitgedachte Induktionsleistung ist gewaltig - und gänzlich unbescheiden, wenn auch brav getarnt. Man kapriziert sich auf das Kleine, Überschaubare, ist detailgenau wie ein Uhrmacher, und manchmal, manchmal ist “im Reiskorn das Universum enthalten” - wie ausgerechnet die Chinesen sagen.
Die beiden Mythen stehen zueinander in einer seltsamen Asymmetrie. Das grosse Streben auf dem Weg “weg”, das kleine Rasten am Wegrand, als ewige Bleibe unterwegs. Wo sich beide verbinden - gerade in ihrer Widersprüchlichkeit - ergeben sie wundersame Verweigerungsphänomene: Erfolgsstreik, freiwilliges ins Abseits gehen, das Scheitern am nicht Scheiternkönnen - helvetische Formen am Rande des Mainstream.
Doch ich erzähle lediglich von zwei Bergen, den Mythen bei Schwyz, auf dessen grösseren man mich festgebunden am Waschseil mit vier Jahren schleppte: Etwas, das mir angesichts der eigenen mythischen Phantasien gutschweizerisch “z‘ dänke git”.

 

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Christian Haller

 

 

 

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