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Der Schweizer Film, höre ich, ist ein Exportartikel, und gleich zwei Mitglieder der Landesregierung bezeugen in Solothurn seine Bedeutung der Welt. Ob es die Schweizer Literatur gibt oder nicht ist hingegen egal. Literatur kostet vergleichsweise nichts und ist für die Aussenhandelsstatistik irrelevant. Das Literarische aber wird es sogar in der Schweiz, wer möchte‘ es bezweifeln, immer geben, und wär’s gegenwärtig auch nichts als ein Lächeln der Katze im Baum ohne Katze und Baum. Ja, wo bleibt’s denn?
Das Schweizerische Literaturarchiv immerhin gibt es. An der Hallwylstrasse in Bern. Und so bleibt uns nichts anderes, als uns darauf zu verlassen, dass wenigstens die Archivare und Konservatoren - und nur sie, als wären sie die letzten - noch professionell mit dem Literarischen umgehn. Die Datenträger zerfallen sehr rasch. Das Papier ist seit dem neunzehnten Jahrhundert ein Desaster. Stein, Tontäfelchen, sind zu schwer und zu platzgreifend, bei dem gegenwärtigen Überhandnehmen von allem und jedem, dieser Überbevölkerung und / oder Überflutung der Welt mit Gegenwärtigem. Wir brauchen Geduld. Um zu brüten. Wie Kierkegaards Teufel, dreitausend Jahre: und mit dem Sprung sind wir wieder da. Wenn der Rest weg ist: und ihr reflexhaft, aber vergeblich in die Tasche eures härenen Gewands greift, nach dem Handy, zwecks Notruf womöglich, trotz allem.
Ich kenne einen, der gräbt seit Jahrzehnten in der syrischen Wüste nach einer verborgenen Bibliothek, um eine bis heute unlesbare Schrift entziffern zu können, und ist überzeugt, dass, wenn nicht er selber sie findet, seine Schüler sie finden. Wir brauchen eine Wüste, um darin ziselierte Kathedralen zu baun. Eiszeitliche Grotten, während zehntausend Jahren heimgesucht nur von respektvollem Getier. Und: haltbares Material. Pergament - ideal! Eine Schafherde vor geistigem Aug‘, wenn ein Codex uns vorliegt? Im Geist schon ein Buch, sehn wir, in der Stunde des Pan, im Schatten des Ölbaums gelagert eine Schafherde? Dem Blökenden das Fell über die Ohren ziehn ausgerechnet - als wär’s nicht der Ursprung der Sprache? Aber nein! Wem also, frage ich euch, ziehn wir das Fell über die Ohren, enthaaren’s, glätten’s und polieren’s? Den Verlegern? Die sind doch am Aussterben, und so hätten wir den WWF am Hals. Den Rezensenten? Den Letzten, ausgerechnet, die uns noch existentiell brauchen? Den Buchhändlern? Die heben sich doch selbst auf, lesen wir, gehen null auf null auf, meine ich, Doppelnull quasi, als wär’n sie schon, pulverisiert, in “Ernesto” Sabas reizendem Mehlsack. Ziehn wir dem lesenden Publikum (und nicht nur Lübecks) das Fell über die Ohren, weil’s uns nicht mehr zu lesen versteht? Ach, da kämen wir nirgends hin. Denn wir brauchen viel Fell. Das Literarische nämlich, an dessen Verbleib wir zweifeln, ist, wie alle Kunst, ohne Kenntnis des Kontexts, in dem’s entsteht und an dem es sich, entstehend, wundscheuert, als wär’s der Stein des Anstosses für den Bildhauer, nach dreitausend, ja zehntausend Jahren nicht mehr verständlich: genau so wenig wie die Geburt der Kunst in der eiszeitlichen Höhle. Und so brauche ich Haut! Anstelle meiner stark sauren Notiz-Zettelchen. Schon nur die auf Mikrofilm zu konservieren nämlich, für lächerliche hundert oder zweihundert Jährchen, hat Couchepi-Nez kein Geld. Couchepi-Nez die Haut abziehn deswegen? Bei aller Körpergrösse genügt’s nicht. Wem also, frage ich abermals, solln wir die Haut abziehn, um den Prozess des Literarischen, diese Wieder- und Wieder-Geburt der Kunst - samt den Spuren, die beispielhalber mey-meys Sonntagspredigt (über Krieg und Frieden womöglich) und andre sonn- und / oder all-tägliche Zeitungslektüre darin hinterlässt, als wären’s die rätselhaften Fussspuren eiszeitlicher Jugendlicher in der Höhle - auch Zeitungspapier nämlich zersetzt sich so rasch! - für die nächsten zehntausend Jahre zu dokumentieren? Und wir antworteten nicht, wie die Seeräuber-Jenny: allen? Und - ‘s wär‘ endlich das Schweigen der Lämmer. Oder der Tanz der Vampire. Im Spiegelsaal zu Weggis. Wenn wir uns alle an dem venezianischen Leuchter im Murano-Saal wehklagend aufgehängt haben werden - und der Stechpalmenwald kommt.

 

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Christoph Geiser

Schinderhannes oder Vampir ?
Was ist hier die Frage!

 

 

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