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Das Tagebuch von Witold Gombrowicz beginnt mit den Zeilen:
Ich        Montag
Ich        Dienstag
Ich        Mittwoch
Ich        Donnerstag

Von Majakowskij gibt es etliche Texte, die schon im Titel mit dem Wort Ich spielen, und einmal las ich von ihm - leider fand ich die Stelle nicht wieder - daß er mit diesem Ich auch das Nicht-Ich meint. Den Feind, den Banditen, die Liebsten oder wer weiß wen.

Ein solches Ich ist ein optimaler Ausgangspunkt, wenn der Blick hinaus in die Welt gehen soll oder hinein in die Innenwelt eines möglichen Ichs, eines anderen. Wenn so ein Ich mal über die Welt befindet oder über Personen urteilt, hat das nicht gleich den Beigeschmack von objektiven unumstößlichen Urteilen. Eine solche Schlichtheit ist ein großer Vorteil. Ein Vorteil ist außerdem, daß man mit Hilfe eines Ichs beinahe unsichtbar erzählen kann, das Ich kann ja eine sehr unausführliche Figur sein, sie ist dann wirklich nur ein Erzähler. Oder das Ich kann sogar selbstkritisch sein. Oder als eine negativ gezeichnete Figur auftreten, die es ja beinahe in allen Texten gibt - was auch ein Thema für sich wäre.

Mir gefallen die nicht-ichigen Möglichkeiten eines Ich-Erzählers, nur haben sie seit einigen Jahren an Spannung und Wirkung verloren. Sie werden von Neuigkeiten überschattet.
Zu den Neuigkeiten gehört, daß jetzt die wahren Erfahrungen der Autoren interessieren. Ihre Biographie und das biographische Umfeld. Das Biographische muß Fleisch an sich haben, es soll nicht leise daherkommen. Nicht wenige Rezensenten und also auch nicht wenige Verlage, der Markt schlechthin scheint genau zu wissen, welche Bücher jeweils in der Luft zu liegen haben, so daß sie mal verkünden: Wir warten auf den Berlinroman - eines Berliners. Wir warten auf den deutschen Wiedervereinigungsroman eines Deutschen, auf den Jungautorinnenroman einer jungen Autorin. Es ist ständig von vornherein bekannt, was die Autoren im Augenblick zu interessieren hat.

Zu diesem Thema gehört auch das Folgende: Wenn Deutsche über Deutschland befinden, Österreicher über Österreich undsoweiter, müssen Schriftsteller, die ursprünglich aus einem anderen Land stammen, logischerweise zeitlebens ihr Ursprungsland auf dem Rücken mittragen und darüber schreiben. Das ist Vorschrift. Die Türken über die Türkei, die arabischen Weltreisenden über arabische Hintergründe. Auch wenn sie ihre Gegenwart nicht dort haben. Meinerseits müßte ich gründlich über Budapest schreiben, über Ungarn. Ganz gleich wer in welchem Alter, unter welchen Umständen, aus welchen Gründen das Land gewechselt hat und was er an anderen Orten erlebt hat: Er muß das Ausgangsland vertreten, und zwar eindeutig. Es genügt nicht, wenn Textelemente auf das Ehemalige hinweisen, nein, der Blickwinkel muß eindeutig sein. Das ist wohl grundsätzlich die Hauptvorschrift. Die vereinfachte Aussage. Zum Beispiel reicht es nicht - und um zu verkürzen folgt hier ein subjektives Beispiel - daß ich in meinen Kellnerroman einen Kellner beschreibe, der sich überall fremd fühlt, weil er in zu vielen Ländern gelebt hat. Besser hätte ich das deutlicher fassen sollen. Dabei hätte ich gar nicht unbedingt Ich schreiben müssen, hätte mich grad so gut auch Paula nennen können, Paula aus Budapest, die dann und dann geflohen war usw.
So hätte man mich eindeutig erkannt, dann hätten noch einige Passagen über Ungarn folgen müssen, und ich hätte zufriedene Gesichter gesehen. Ganz ohne Kellner. Mir kam es aber auf den Kellner an.

Ich höre auch von nicht schreibenden Ausländern, daß sie nicht ausschließlich darüber reden wollen, wie sehr oder nicht sehr ausländisch sie seien. Wenn sie das tun müssen, verlieren sie ihre Gegenwart. Und nur weil sie die ersten Jahre in einem anderen Land verbracht haben, wollen sie nicht ewig ein Gast in der übrigen Welt sein.
Man stelle sich vor, meine liebste Gertrude Stein, die ja immerhin als Erwachsene aus Amerika nach Paris kam, hätte die Verantwortung für Amerika ein für allemal behalten und ihr Buch über Paris nicht schreiben können. Ödön von Horvath hätte Glaube Liebe Hoffnung nicht schreiben können. Unvorstellbar.

Oder muß ich mir ein wenig widersprechen? Horváth fühlte sich in jener braunen Zeit ja zunehmend fremd. Und Gombrowicz bedauerte ebenfalls, immer als polnischer Autor betrachtet zu werden, als er längst schon ein Weltautor war. Vielleicht war die Lage noch nie rosig, wenn sich ein Schriftsteller flügge fühlte und nicht ewig von seinen Wurzeln reden wollte.

Sicher darf man über Wurzelangelegenheiten schreiben. Aber keine Vorschriften! Jeder darf ja auch über seine Gegenwart schreiben, möglichst auch in nicht schrillen Tönen.

Einfacher gesagt: Auf nach Moskau. - Morgen Augsburg. - Oder mit Bloch: es ist weniger interessant, woher die Flüsse kommen, als wo sie später münden.

 

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Zsuzsanna Gahse

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