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Die gesellschaftlichen Kräfte des Landes gehen nach den Wahlen in den Bundesrat, die der erwarteten neuen Zauberformel fünf-eins-eins zum Durchbruch verholfen haben, daran ihren Standort neu zu bestimmen. Die FDP könne, wie ihr Fraktionssprecher betont, mit ihrem einzigen Sitz im Mitte-rechts-Bundesrat gut leben. Von der SP-Basis wird der Rückzug aus der Landesregierung gefordert. Der Präsident der SVP erklärt, auch mit fünf von sieben Bundesräten werde der Oppositionskurs konsequent fortgesetzt. Man orte Handlungsbedarf insbesondere in der Asylfrage und der Kulturpolitik.
Zwischen den Schriftstellerinnen und Schriftstellern laufen erregte Briefe hin und her. Als typische Handbewegung bei ihrem Entstehen könnte der Abstrich des Ausrufezeichens gelten. Den über den Text verstreuten Ausrufezeichen gehen Ausdrücke eines energischen Dissenses voran.
Eine Gruppe von Filmemachern hält weiterhin die Räumlichkeiten der von der Schliessung bedrohten Pro Helvetia in Zürich besetzt. Ein Sprecher der Landesbibliothek teilt mit, nach Streichung von Bundesgeldern könne die Institution ihren kulturellen Auftrag nicht mehr erfüllten. Markus Bundi, Martin Dean und Beat Mazenauer haben einen Protestbrief entworfen, den über 50 Autorinnen und Autoren unterzeichnen. Der Brief wird, gekürzt, in der WoZ abgedruckt und in der Weltwoche zitiert, unter dem Titel: Literaten leiden. Die Basler Zeitung hat beschlossen, anstelle der Bücherseite künftig die Seite Eins, zwei, viele Computerspiele zu realisieren. Gemäss einer Statistik des deutschen Magazins “Der Buchhandel” ist die Anzahl belletristischer Titel weiter zurückgegangen. Andererseits seien noch nie so viele Exemplare von Bestsellern verkauft worden wie in den zwölf Monaten nach der Aufhebung des festen Ladenpreises.
Die Telefongespräche zwischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern werden zunehmend im Konjunktiv geführt. Im wesentlichen handelt es sich dabei um hybride Varianten der Basissätze man sollte doch / man müsste irgendwie.
Der Berufsverband Autorinnen und Autoren der Schweiz AdS wird seine Tätigkeit infolge sinkender Mitgliederzahlen auf rein administrative Funktionen konzentrieren. Die Frühlingsprogramme der in der Schweiz ansässigen Verlage kündigen Neuerscheinungen von Autorinnen und Autoren aus Kirgisien, Syrien, Bolivien, Russland, den USA sowie den Niederlanden an. Reto Sorg organisiert ein einwöchiges Symposium unter dem Titel “Muss Schweizer Literatur sein?”. Iso Camartin gibt den Startschuss zu den ersten rätoromanischen Literaturtagen der leichten Muse. Ein Branchenkenner schätzt die Anzahl der unpubliziert in den Schublade von Schweizer Autorinnen und Autoren liegenden Lyrikbände auf über viertausend. Der Suhrkamp Verlag lehnt Manuskripte von Peter Bichsel und Jörg Steiner mit dem Hinweis auf die angespannte Finanzlage des Verlags ab.
Schriftstellerinnen und Schriftsteller überhäufen sich gegenseitig mit Mails, in denen in freundschaftliche oder höfliche Worte gefasste Derivate eines sich ausbreitenden Schweigens stehen.
Auf dem deutschen Buchmarkt erscheinen neue Werke von Schweizer Autoren. Es handelt sich um einen Comicband, zwei Kinderbücher sowie Reden und Aperçus von Filippo Leutenegger.

 

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Rudolf Bussmann

Momentaufnahme, später

 

 

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