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Beim gestrigen “Diner” ass mein Gegenüber eine Suppe, halb rot, halb gelb, in einer schwungvollen Linie sich treffend, aber keineswegs sich vermischend - es munde vorzüglich, meinte mein Gegenüber löffelnd und ich schaute zugleich dem Tischlauf entlang und dachte: So ist es letztlich beim Schreiben, hier rot, dort gelb, hier die Schreibenden, dort die Darüberschreibenden. Ein Ensemble diesseits des Tellerrands, jenseitig immer wieder im Tun, das wir, die Darüberschreibenden, mit einer Öffentlichkeit rechtfertigen.
In den paar Jahren, in denen ich mitschreibe, hat sich diese Öffentlichkeit markant verändert. Jetzt sind wir uns näher denn je, fremd wie je, und schlagen uns beide gekränkter denn je mit dem, was zugleich begrenzt und befremdet: dem Ausserliterarischen.
Die Klage ist eine alte Kunst in unserem Handwerk. Nichtsdestotrotz - ein schönes Wort, übrigens - ich bringe meine Aufgaben als Sekundärschreibende je länger je weniger in eine Haltung.
Eine Rezension ist ein Gebrauchstext.
Eine Rezension ist aber auch eine Anmassung. Eine erotisierte Anmassung. Ernsthaft komme ich dann nur meiner Aufgabe nach, wenn ich mir ein Buch, einen Text einverleibe. Eine ernsthafte Rezension, ob euphorisch oder unterkühlt, ist eine Liebesgeschichte, die in die Öffentlichkeit getragen wird. Ein sich Herantasten, sich Einwinden, Entrüsten, Echauffieren, Auskühlen, Überdenken, neu Erwärmen, Distanzieren. Und dann schreiben. Eine ernsthafte Rezension ist ein Liebesdienst an einem Text, der da immer heisst: Literatur. Autorenschaft spielt dabei keine Rolle. Begegnungen mit den Menschen, den Angemassten, sind zu vermeiden - vielleicht sollten wir nicht miteinander reden, denke ich zuweilen, vorzugsweise an den Feiertagen, an denen eine Anmassung lustvoll und der umworbene Text garstig ist.
Zurück im Alltag: Eine Rezension ist ein Gebrauchstext. Rezension ist Kundeninformation. Rezension ist Orientierungshilfe in den 80‘0000 Neuerscheinungen pro Jahr. Rezensenten sind Gatekeeper, Türsteher, Vorkoster, Kuppler, Zeilenlieferanten für Verlagswerbung.
Die Rezension ist eine komprimierte Ausdehnung. Eine der einschneidensten Regelung, die ihr und ihrer Angemessenheit des Sprechens widerfahren, ist die Beimessung des Rede- und Schreibraums. Er ist am Verschwinden. Alarmierend am Verschwinden. 80, 40, 20 Zeilen, Inhaltsparaphrase, Interpretation, Kommentar - vergessen Sie die Analyse als Mittelteil des hermeneutischen Dreisprungs, kontextuelle oder historische Verortung: iih-wo. Man kanns pointieren: Mit bitterem Humor berichtet Sigrid Löffler von der Anfrage einer grossen Zeitschrift, ein 550-seitiges Buch zu besprechen: “Wir bieten ein angemessenes Honorar. Ihre Rezension sollte eine Länge von ein bis drei Zeilen haben.”
Da sind wir also bei der Klage.
Dass sich das Verschwinden der Kulturseiten, die Verschlankung der Feuilletons unwiederbringlich auf das Spiegelhandwerk des Sekundären auswirkt, ist nicht zu bezweifeln. Während die Kritik in den vergangenen Jahrzehnten sich immerhin noch an der Metakritik erhitzte, ist sie mittlerweile selbst für den Unsinn ihrer Totsagung zu schmallippig.
Was das für die Leserschaft des Sekundären, letztlich die Interessenten des Primären, bedeutet? Bereits vor 15 Jahren waren es gemäss optimistischen Hochrechnungen allenfalls 3% der Zeitungsleser, die Rezensionen “konsumierten”. Schlechter abgeschnitten hat übrigens nur noch der Fortsetzungsroman.
Wie sehr sich in den vergangenen 15 Jahren die Lektüre-Bereitschaft und rezeptive Durchlässigkeit noch verändert haben muss, kann nur hypothetisch schwarz gemalt werden. “Lesen!” heisst die neue, kurz und bündige Formel für meine umständliche erotisierte Anmassung. Weshalb soll man denn auch auf dreiviertel Zeitungsseite ausbreiten, was kurz und schnurz zu sagen ist?
Verkleinert ist die Medienvielfalt, verkleinert sind die Feuilletons, verkleinert die Artikel. Vergrössert ist die Selektion aus der Menge der jährlichen Neuerscheinungen. Extension der Reflexion ist mittlerweile also undemokratisch. Welche Möglichkeiten der metaliterarischen Rede gibt es denn noch?

Am Anfang war die Suppe, zweifarbig zweigeteilt gestern abend im Teller meines Gegenübers. So sind wir, die Schreibenden und die Darüberschreibenden, dachte ich, näher denn je, fremd wie je. Aber zumindest, so denke ich, von der Irritation des Ausserliterarischen gemeinsam eingeholt.

 

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Sibylle Birrer

Gestern beim Diner...

 

 

to kat.ch/bm