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Ein-, zweimal pro Jahr eine fundierte Theaterkritik, eine Kritik die über die einzelne Inszenierung hinausgehe, den grossen Bogen schlage, das reiche ihm vollends, meint David Bosshard, Geschäftsführer des GDI in der Sendung Reflexe aus DRS2 Mitte Dezember 2003. Die Leserinnen und Leser wollten das Angebot, das das Feuilleton ihnen biete, gar nicht mehr. Und zudem seien fast alle Informationen, die die Zeitungen bereitstellten, eh auf dem Internet abzurufen.

In derselben Sendung äusserte sich Hans-Heinrich Coninx, Verwaltungsratspräsident der TA-Media AG zur Sparrunde in seiner Zeitung, in der der Kulturteil ab Anfang März die grösste Kürzung erfährt. 25% weniger Budget, rund ein Viertel weniger Seiten. Der Tages-Anzeiger, so Coninx, müsse sich näher am Markt orientieren, die Themengewichtung sei stärker den Bedürfnissen des Publikums anzupassen. Im Zentrum der künftigen Ausrichtung stehe der Dienstleistungsaspekt gegenüber dem Leser, der Leserin.
Der neue Chefredaktor der BaZ, Ivo Bachmann, hat an einem Vortrag an der Universität Basel im Dezember schon einmal sein journalistisches Credo verlauten lassen, an das man seit dem Januar in der BaZ glaubt: «Liebe deinen Leser wie dich selbst», lautet es. Journalismus sei Dienst am Leser. Auf die dringlichen Probleme im Beruf, in den Schulen, Quartieren und Gemeinden müsse sich die journalistische Neugier richten. So habe die regionale Verkehrsplanung einen weitaus direkteren Einfluss auf den Alltag der Basler als die Roadmap im Nahen Osten.
Und nicht anders tönt es vom St. Galler Medienprofessor Peter Glotz in einem Interview im Tages-Anzeiger vom 5. Februar 04: “Das Feuilleton muss auf die Leserbedürfnisse mehr Rücksicht nehmen.” Wenigstens 20 % der LeserInnen einer Tageszeitung, erwartet Glotz, müssten auch das Feuilleton zur Kenntnis nehmen.
Und die, die trotzdem aufmucken, Kurt W. Zimmermann weiss, zu welcher Gruppe sie zählen: zu den “angefütterten Minderheiten aus der Konsum- oder Kulturecke”, die auf ihr angestammtes Recht pochten. “Wenn man ihnen ihr Minoritätenprogramm beschneidet, werden sie militant.” (Weltwoche Nr. 3, 15.1.04)
Nun glaube ich, dass schmalere Feuilletons nicht unbedingt mit Qualitätsverlust gleichzusetzen sind. Aber was passiert, um bei unserer Sache zu bleiben, mit der Literatur, wenn die Feuilletons die Vermittlungsaufgabe, die sie seit ihrem Bestehen innehatten, nicht mehr wahrnehmen und sich auf Eventberichterstattung und das Setzen lokaler Schwerpunkte beschränken? Wenn der Markt entscheidet, was eine Auseinandersetzung wert ist? Und vor allem, wenn die Leser als fiktiver Orientierungspunkt herangezogen werden? Und welche Leser, die welche Interessen vertreten?
Kunst braucht den öffentlichen Raum, braucht die breite Auseinandersetzung, braucht viele Stimmen, die sich ihr stellen, um sich zu bewegen. Und ein gutes Feuilleton braucht den Dialog mit anderen Feuilletons. Nichts Uninspirierteres als eine Zeitungslandschaft, in der nur noch die NZZ breit, die so genannte Hochkultur abbildet. (Wie wohl die Reibungsfläche, die ich mir zwischen den Feuilletons wünschen würde, nie derart gross war. Martin Meyer von der NZZ spricht in diesem Zusammenhang von einer “Konkordanz-Kulturkritik, bei der die Förderung der Kultur deutlich wichtiger ist als deren kritische Begleitung.”)
Gehört es auch zu dieser Konkordanz-Kulturkritik, dass eine Elefantenrunde, bestehend aus Egon Ammann, Christoph Becker, Hugo Loetscher und Alexander Pereira, beim Tagi-Chefredaktor ihre Bedenken gegen den Kulturabbau vorträgt, dass, wieder beim Tagi, Abos zuhauf abbestellt werden und Protestmails die Mailbox des Chefredaktors verstopfen? Alles keine öffentlichen Reaktionen. Wo bleiben diese? Wo bleibt zum Beispiel der Protest und die Analyse eines AdS?
Wir werden zwar bald endlich einen Kulturartikel in der Verfassung haben, aber vielleicht keine Kunst mehr in der öffentlichen Diskussion, die nicht einfach die Mehrheitsinteressen bedient, die neue Wege geht, ästhetische Fragen aufwirft, schwierig ist, aber nicht elitär.

 

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Christine Tresch

Dienst am Leser - und wo bleibt die Kultur?

 

to kat.ch/bm