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1. Sie soll, sagt man ihr, singen, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Sorry, das funktioniert nicht. Da ist nichts gewachsen, ausgewachsen, fertiggewachsen, da wächst was. Und was da wächst, das ist nicht e i n Schnabel: einer, ein einziger, «der». Der Grundbefund, von dem die zeitgenössische Nachtigall auszugehn hat, ist ihre Mehrschnäbligkeit. Sie singt nicht, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, sondern sie hockt, sofern sie trotz allem eins hat, in ihrem Nest am Mischpult und mixt aus all dem Geräusch und Getön, das ihr aus all den ihr alleweil neu und weiterwachsenden Schnäbeln dringt, aus diesem Schnabelsystem, das Sie sich gern als Riesengeschnäbel vorstellen dürfen, als weitverzweigtes Klanggeweih, als vielköpfiges Mikro- und vieltrichtriges Megafon, als antennenförmigen Mundfortsatz und als künstlichen Mehrlochmund - aus all diesem Geräusch, Gelärm, Getön also, das aus dieser hochkomplexen Sendeanlage zu schallen trachtet, mixt sich die zeitgenössische Nachtigall koordinierend, selegierend, synthetisierend, improvisierend, reflektierend, delirierend, mit einem Wort: komponierend ihren polylingualen Gesang auf.

2. Schriftstelle wird einer, wenn ihm aufgeht, dass es die Sprache, die er sprechen möchte, seine, noch nicht gibt, dass er sie daher erfinden muss. Nicht aus dem Nichts, das denn doch nicht. Sondern aus all den Fremd- sprachen, die er vorfindet um sich und in sich : aus all den Mutter- und Nutten-, den Hoch- und Fäkal-, den Alltags-, Feiertags-, Umgangs-, Fach-, Wissenschaftssprachen, den Dia-, Sozio-, Poetolekten, aus Szenejargons, Kunstsektenslangs und Medienwelsch. Was einmal Individuum hiess, ist in solcher Perspektive der je besondere Schnittpunkt einer unüberseh- und unüberhörbaren Menge differierender Sprachen. Die babylonische Sprachverwirrung findet heute im Schädelinneren des lonesome babys namens der Einzelne statt. Indem es zu schreiben beginnt, gibt dieses Geschöpf zu verstehen, dass es mit der babylonischen Situation - sorry, Kollegen! - s c h ö p f e r i s c h umzugehen gedenkt, nicht bereit, sich von der multiplen Sprachkeule niederknüppeln zu lassen, vielmehr willens, zum Gegenangriff überzugehen, aus Fremd- und Feindsprachen und Paradiessprachenschutt sich eine eigne zu bauen.

3. Ein Sonderfall der zeitgenössischen Nachtigall ist die eidgenössische. Sie hat es ein bisschen schwerer als andere, das ist ihre Chance. Der Wahn vom einen heilen Naturschnabel wird ihr früh ausgetrieben. Schon nach wenigen unflüggen Jahren ist jeder Deutschschweizer bilingue. Das prägt sein Verhältnis zur ersten als solche erlebten Fremdsprache, dem Hoch- und Schriftdeutschen, lebenslang. Es bleibt Fremdsprache, immer. Dem falschen Schein, er tue etwas Selbstverständliches, wenn er Deutsch spricht, erliegt der Schweizer anders als der Deutsche nie - drum muss er ihn, wenn er sich zum Schriftsteller mausert, nicht mehr zerstören. Das Deutsche ist der Sonntagsschnabel der Schweizer Nachtigall. Sie benutzt ihn behutsam, langsam, stolz, ziemlich unsicher, ziemlich ängstlich, er könnte bei allzu sorglosem Gebrauch womöglich kaputt gehn. Wenn er Hochdeutsch spricht und schreibt, handelt der Schweizer immer bewusst und befangen. Als Intellektueller zum Beispiel brilliert er nicht, sondern beeindruckt durch tastende Bedächtigkeit, deren Ungelenkheit zugleich einen altmodischen Charme hat. Fremdwort für Fremdwort sucht er sich seine lakonischen Sätze und seine jedwedem Schnurritum misstrauenden Gedanken zusammen. In Anspielung auf Sartres Flaubert-Buch könnte man sagen: Den Schweizer Schriftsteller prädisponiert seine zuinnerst nichtsouveräne Beziehung zu der Sprache, die er schreibt, zum Idioten der Schriftstellerfamilie.

4. Was dem Schweizer Schriftsteller gut und not täte, wär der Zusammenbruch. Die Wiederkehr des Verdrängten. Des verdrängten, geächteten Dialekts. Diese Ächtung hat - meist unterschätzte - weitreichende Konsequenzen. Denn mit dem Dialekt fallen auch alle anderen Sprachen, die neben und unter der vermeintlich einzig korrekten Hochsprache herströmen und -sprudeln, unter den Bann. Dies deshalb, weil sie bedrohlich an ihn erinnern. Mit dem Dia- wehrt der Schweizer Schriftsteller auch alle anderen -lekte ab. Der oft beklagte Mangel an Weltläufigkeit der Schweizer Literatur dürfte mit ihrem gestörten Verhältnis zum Schwyzerdytschen ursächlich zusammenhängen. Mit der Schweizer Literatur im Allgemeinen und (wenn Sie gestatten, dass ich zum Schluss das Spezialrevier der Nachtigall direkt anspreche) der Schweizer Lyrik im Besonderen kann es nur dann etwas werden, wenn sie den Dialekt zwar nicht als «Natursprache», aber als eine von vielen Fremdsprachen zulässt. Als e i n e, nicht als i rg e n d eine. Immerhin ist der schwyzerdytsche Schnabel der erste und älteste der vielen fremden Schnäbel, die der Schweizer Nachtigall wachsen. Übrigens, kein Missverständnis, bitte: Schnäbel wachsen nicht nur, sie werden, ganz wie Flügel, auch gern gestutzt, zurechtgebrochen oder graderasiert. Und da gilt, die britische Nachtigall flötets: The first cut is the deepest.

 

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Urs Allemann

DIE SCHWEIZER NACHTIGALL

 

 

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