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Pramoedya Ananta Toer (*1925)

Eine Ästhetik des kolonialen Widerstands

von Beat Mazenauer

In den grossen deutschen Enzyklopädien ist sein Name nicht zu finden, obgleich er zu den bedeutendsten lebenden Schriftstellern gehört: Pramoedya Ananta Toer. Seine Heimat Indonesien, der Staat der tausend Inseln, ist weit. Und nur selten gelangen die Machenschaften der Suharto-Herrschaft, die in der heuchlerischen Inszenierung einer behüteten Demokratie besteht, in unsere Nachrichtenmagazine. Eines der Opfer ihrer Repression ist Pramoedya Ananta Toer. Seine Bücher, die als Weltliteratur gelten können, stehen in der Heimat noch immer auf dem Index verbotener Literatur. Dennoch sind sie wohlbekannt und geliebt. Sie kursieren in grosser Zahl als Kopien.

Welche "Wertschätzung" seine Werke von Pramoedya Ananta Toer in Indonesien geniessen, lässt sich am Beispiel des 29jährigen Studenten Bonar Tigor Naipospos ermessen. 1990 ist er einzig deswegen zu acht Jahren Haft verurteilt worden, weil er Prams Werke gelesen und an Freunde weitergereicht hat.

Glücklich das Land, wo Bücher solche Bedeutung haben?

Ja und nein. Bis vor wenigen Jahren, als sich eine Entspannung der innenpolitischen Lage abzeichnete, hat Pramoedya Ananta Toer seine Beliebtheit nicht geniessen können, weil ihm Kontakte mit seiner Umwelt von der Obrigkeit systematisch eingeschränkt werden (siehe Biographie). Seine Bücher dürfen nicht, wie es die Absicht des Dichters wäre, öffentlich diskutiert werden. Pram ist gleichermassen geliebt wie einsam.

Pram ist ein Nationaldichter. Kein rückwärtsgewandter Eiferer aber, sondern ein progressiver Nationalist, der das lädierte Selbstbewusstsein der Indonesier wiederaufrichten und deren Geschichte aufarbeiten will. Gegen die vom Kolonialismus anerzogene Unterwürfigkeit der Einheimischen setzt er einen "universellen Humanismus", den Pram in die indonesische Kultur hineinsenkt. Humanismus und Tradition schliessen sich keineswegs aus, sie befruchten einander vielmehr.

Auf diesem Konzept beruht Prams bisheriges Hauptwerk, die Tetralogie "Bücher der Insel Buru". Deren beide erste Bände "Garten der Menschheit" (Bumi Manusia) und "Kind aller Völker" (Anak Semua Bangsa) liegen seit kurzem auf Deutsch vor. Aus den Titeln ist das Konzept des "universellen Humanismus" ablesbar.

Die Geschichte dieser vier Bücher entspricht jener Prams. Sie sind in Gefangenschaft entstanden, auf der Insel Buru, einer Gefängnisinsel, auf der Pram während zehn Jahren Zwangsarbeit leisten musste. "In den ersten Jahren habe ich in Gedanken geschrieben. Indem ich die Geschichten meinen Freunden erzählte, behielt ich sie in Erinnerung", um sie später dann niederschreiben zu können. Die selbsterlebte und in Indonesien bis heute herrschende Repression veranlasste Pram, die Handlung seiner Romane in die Vergangenheit zu verlegen. Er wählte den symbolisch bedeutsamen Zeitraum um 1900, die Jahrhundertwende. Sein Thema ist die koloniale Unterdrückung durch die Holländer. Oberflächlich besehen schien dieses heroisch und unverfänglich genug, dass die Bücher überhaupt erscheinen konnten (1979-1989). Es dauerte bei allen vier Bänden jeweils einige Monate, bis die Zensoren ihrer verborgenen Aktualität auf die Schliche kamen und ihrer "subversiven und zersetzenden Kraft" innewurden. Die machthungrige Offiziercliqué um General-Präsident Suharto und seine willigen Gefolgsleute erkannte darin zurecht eine Kritik an ihrer schmutzigen Herrschaft. Gleichsam als innere Kolonialmacht hatte sie die alten Kolonialmächte Holland und Japan abgelöst, um an deren Stelle sich das Volk zu unterwerfen.

In den vier "Büchern der Insel Buru" zurrt Pram die Geschichte Indonesiens exemplarisch auf wenige Jahre zusammen. Er erzählt die Jugendjahre des javanesischen Adligen Minke. Geboren im Jahr 1880, wird ihm früh die komplexe Zwiespältigkeit erfährt, in der gebildete "pribumis" (Einheimische) leben. Minke sieht sich zwischen die sozialen und kulturellen Fronten gestellt. Als einer der wenigen Einheimischen ist es ihm vergönnt, auf einer holländischen Oberschule aufgenommen zu werden. Er lernt die Sprache der Kolonialmacht zu reden und zu schreiben. Bewusst wird ihm seine unbequeme Mittelstellung durch seine Bekanntschaft mit der Konkubine Ontosoroh, deren Tochter Annelies er liebt. Ontosoroh ist eine Einheimische, die an einen Europäer verkauft wurde unter Verlust aller Rechte und sozialen Wertschätzung. Doch sie hat sich autodidaktisch gebildet, Sprachen gelernt und die Betriebsführung des Gutshofes ihres Mannes übernommen. Ontosoroh ist eine gescheite, gewandte und bewundernswürdige Frau, die neben ihrem holländischen Mann Tuan Mellema ihren eigenen Weg geht.

Der erste Band der Viererfolge, "Garten der Menschheit", schildert, wie Minke in Kontakt kommt mit Ontosoroh und ihrer Tochter und hineingezogen wird deren koloniale Rechtlosigkeit. Denn weil Ontosoroh nur eine "gekaufte" Konkubine ist, geniesst sie aller Tatkraft, allen Verdiensten zum Trotz keine Rechtsansprüche, auf den Besitz ihres Mannes ebensowenig wie auf ihre Kinder. Unbarmherzig gilt das "weisse Gesetz", das den holländischen Herrschaftsanspruch verteidigt und die rassistische Herrenmentalität der Europäer legitimiert. Es gibt eine klare soziale Abstufung, je nach der Menge an "weissem" Blut: Einheimische, Indo-Mischlinge, Europäer. Diesem Gesetz hat auch der gebildete Einheimische zu huldigen. Ohne Einwilligung ihres verstorbenen Herrn gilt auch die Heirat zwischen Annelies und Minke nicht, obwohl sie nach islamischem ritus korrekt vorgenommen worden ist. Das weisse Recht geht vor Traditionen. Ja mehr noch: es ist dem Sohn und Erbfolger von Tuan Mellema gestattet, in seiner Eigenschaft als einziger Vormund Ontosorohs Tochter nach Europa zu bestellen, wo sie bis zu ihrer Volljährigkeit zu leben habe. Ontosorohs und Minkes Kampf geht zwangsläufig verloren. Einzig die Gewissheit: "Wir haben uns gewehrt, Nak, Nyo, so gut und so ehrenhaft wir konnten", bleibt.

Nahtlos knüpft an dieser Stelle der Band 2: "Kind aller Völker", an. Minke hat die Schule abgeschlossen und möchte fortan als Journalist arbeiten. Er schreibt ausgezeichnet holländisch, doch sein Glaube an das Geschenk der Moderne, das die Kolonialherren der einheimischen Bevölkerung machen könnten, gerät noch stärker in Aufruhr. Annelies ist inzwischen am Gram über ihre Verpflanzung in Holland gestorben. Und Freunde von Minke beginnen zu vorzuwerfen, dass er nicht in der Sprache der Einheimischen schreibe, ja sein eigenes Volk gar nicht richtig kenne. In sich trägt Minke die Gespaltenheit eines modernen "pribumi", der einerseits als Einheimischer stigmatisiert ist, andererseits bereits Distanz zur traditionellen Unterwürfigkeit der javanischen Sitten gewonnen hat. In sich trägt er einen ähnlichen Dünkel gegenüber den primitiven Einheimischen wie die Europäer. Daher ist er auch überzeugt von der Überlegenheit der modernen holländischen Sprache, von der sich zu trennen ihm schwerfällt. Zum ersten Mal erfährt er eine journalistische Enttäuschung, als er engagiert und wahrheitsgetreu über die Ausbeutung der javanesischen Bauern durch die Betreiber einer Zuckerfabrik schreibt. Es ist sein bester Bericht, doch jener Redaktor, der ihn bisher mit Lob überhäuft hat, lehnt ihn kategorisch ab. Seine Zeitung gehört dem Zuckertrust.

Minke ist noch nicht am Ende seiner persönlichen Entwicklung, seines Bewusstwerdungsprozesses angelangt, den die Buru-Tetralogie schildert. In Gesprächen mit Freunden und Bekannten werden ihm die elementare Wichtigkeit der Sprache, die zentrale Funktion des Mediums Zeitung und die ökonomischen Verhältnisse des holländischen Kolonialismus in Ostindien bewusst. Noch versteht er nicht alles, aber er ist auf dem Wege dazu. Schliesslich aber geht ein weiterer Kampf verloren. Der Erbe Tuan Mellemas erhält das freie Verfügungsrecht über jenen Betrieb, den Ontosoroh jahrelang mit Erfolg aufgebaut und geführt hat. Mit der gleichen kämpferischen Gewissheit wie der erste endet auch der zweite Band: "wir haben uns gewehrt, wenn auch mit dem Mund".

Die weitern zwei Bände der Buru-Tetralogie, "Spur der Schritte" und "Glashaus", die noch nicht auf deutsch vorliegen, schliessen hier an. Minke verlässt die Landschaft der beiden ersten Bände und geht nach Bandung (Jakarta), wo er seine Identität in seinem politischen Engagement findet, verfolgt und schliesslich ins Exil getrieben wird. Noch immer finden sich Landsleute, welche die Herrschaft der Kolonialmacht stabiliseren helfen.

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Die von Pram aufgeworfene Problematik lässt sich in vier zentralen Punkten zusammenfassen:

-die Ohnmacht vor dem "weissen Gesetz";

-die schwierige Mittlerposition zwischen europäischer und einheimischer Kultur, zwischen kühl rechnender Kolonialherrschaft und dem traditionellen Prinzip der Unterwerfung unter die Väter.

-die Auferweckung eines einheimischen Selbstbewusstseins, das die eigene Geschichte reflektiert und der europäischen Kultur eigene Werte gegenüberstellt;

-die Sprache als Instrument der Macht und zugleich als zentrales Medium des Widerstands dagegen.

Minkes grundlegendes Problem ist der Zwiespalt, in den er durch seine Bildung hineingeraten ist. Seine dunkle Hautfarbe zeigt untrüglich, dass er nicht zur Herrenrasse zählt, seine Bildung entfernt ihn aber zugleich von seinem Volk. Zudem fühlt er als Zugehöriger der javanesischen Adelsklasse eine natürliche Überlegenheit, die bei den Holländern aber keinen Wert besitzt. Symptomatisch ist Minkes Ärger, als ihm ein einfacher Bauer nicht mit der gebührenden Achtung entgegentrat: "Ich spürte, dass mir das Blut ins Gesicht schoss. Noch nie hatte ein Javaner gewagt, so schroff zu mir zu sprechen und mich einfach zu duzen." Es braucht denn auch seine Zeit, bis Minke selbst einsieht, dass dahinter eine aufrührerische Haltung steckt, die er sich eigentlich ja von den Javanern erhoffte.

Nicht zufällig ist es ein französischer Freund Minkes, der ihm jenen Satz einflüstert, der ihn fortan leiten sollte: "Als gebildeter Mensch musst du gerecht sein" - im Denken wie im Handeln. Wie ein Refrain durchzieht dieses humanistische Bekenntnis durch den zweiten Band, Minke erinnert sich seiner, wenn er sich selbst bei Voreingenommenheiten ertappt.

Pram entwickelt hier eine eigentliche Ästhetik des antikolonialistischen Kampfes, eine Ästhetik des Widerstands. In dieser Beziehung zeigt sich eine erstaunliche geistige Verwandtschaft zwischen Prams Buru-Tetralogie und Peter Weiss' Romantrilogie "Die Ästhetik des Widerstands". Für beide sind Sprache und Gespräch wesentliche Medien der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit (und so mit der Gegenwart), beide schildern sie einen Bildungs- und Bewusstwerdungsprozess, der an gewaltsamen Umbruchstellen und komplexen historischen Konstellationen wächst und den sie am Beispiel einer individuellen Lebensgeschichte reflektieren. Parallelen liessen sich noch mehr anfügen. Pram hat seinen Ansporn zu literarischem Engagement in einem Gespräch einmal wiefolgt begründet: "Jetzt wählte ich die Seite. Ich habe mich für Links entschieden - und da stehe ich noch heute. Linkssein bedeutet für mich auf der Seite der arbeitenden Massen." Die Verwandtschaft mit Weiss' 10 Arbeitspunkten wird hier manifest. Dennoch wäre es aber verfehlt anzunehmen, Pram würde seine Gesinnung der Literatur aufoktroyieren, die Literatur als blossen Trägersubstanz einer politischen Absicht nutzen. Pram ist davon ebensoweit entfernt wie Weiss. Gewiss ist ihm, Weiss vergleichbar, ein "pädagogischer" Impetus eigen, der auf einen politisch-humanistischen Diskurs und eine daraus resultierende Bewusstseinsveränderung zielt. Politische, soziale, kulturelle Fragen bündeln sich jedoch allein in den Erfahrungen der "Kristallisationsfigur" Minke und die politische "Botschaft" ist ganz und gar künstlerisch verarbeitet. Sie steckt in der ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Buch als ganzem, denn Pram stellt viele Fragen, beleuchtet Probleme von verschiedenen Seiten, doch Antworten liefert er keine. Dies bleibt den lesern und Leserinnen allein überantwortet.

"Ich habe geschrieben, um zu bilden und nicht, um die Massen aufzuwiegeln. Ich sah, wie untätig die Masse der Indonesier damals war, dass es der Massenaktion bedurfte, um Bewusstsein zu schaffen. (...) darum werde ich weiterscheiben. Im wesentlichen geht es darum, indonesische Geschichte in Form von Literatur zu schreiben. Es geht mir immer noch um die Frage der Veränderung unserer Gesellschaft. Und dazu gehört auch die Veränderung des Geschichtsbildes."

Pram ist Indonesier, er schreibt somit aus der Sicht eines kolonisierten Volkes, aus den Erfahrungen seiner jahrhundertelang kolonisierten Kultur. Seine literarische Arbeit gründet im Wissen um den Analphabetismus weiter Bevölkerungskreise wie auch um die passive Haltung seiner Landsleute. Seit Jahrhunderten hat sich ihre kulturelle Einstellung, die die Kolonisatoren sich zunutze machen, kaum verändert. Ihre patriarchale Struktur und ein ausgeklügeltes System der Konfliktvermeidung prägen die javanesische Gesellschaft. Diese Tatsachen haben die Stilmittel und die Pädagogik seiner Literatur geformt. Soll das einfache Volk sich aus der Lethargie befreien und zu neuem Bewusstsein kommen, muss dieses einfache Volk die Bücher lesen und verstehen können. Deshalb knüpft Pram an die volkstümlichen Traditionen der oralen Erzählung und des Theaters an.

Deutlicher als in der Buru-Tetralogie komt dies in seinem ersten Roman "Spiel mit dem Leben" (Perburuan) zum Vorschein. Auch er spielt exakt an einer historischen Bruchstelle, in der Nacht vor und am Tag der japanischen Kapitulation am 2. September 1945.

Der Freiheitskämpfer Hardo möchte nochmals seine Verlobte Ningsih, doch die Japaner und ihre indonesischen Helfer sind ihm auf den Versen. Ningsihs Vater hat ihn verraten. Mehrmals entkommt er den Schergen, weil ein Freund Hardos sie führt. Als sie ihn schliesslich dennoch gefangen nehmen können, ist die Niederlage Japans bereits besiegelt. Hardo kommt frei und sein Freund hat ihn als Freund nicht enttäuscht.

Auffällig ist in diesem kurzen Roman die Form, die Pram wählt. Die vier chronologisch geordneten Kapitel - zwei für die Nacht und zwei für den darauffolgenden Tag - bilden je eine Einheit der Zeit, des Ortes und der Handlung. Sie bestehen hauptsächlich aus Dialogen. Deutlich erweist sich darin Prams Bemühen um Volkstümlichkeit, die sich nicht vor Analphabeten verschliessen will. Mit wenig Aufwand kann die Prosa dramatisiert und allgemein verständlich aufgeführt werden. Gezielt setzt der Autor damit auf die lange kulturelle Tradition der javanischen Schatten- und Wachspuppenspiele. Rein von formalen Gesichtspunkten her betrachtet ist "Spiel mit dem Leben" ein leichtgewichtiger Roman, eine nicht gefestigte Prosa, doch eben mit Kalkül so geschaffen.

Die Elemente der Volkstümlichkeit sind in der Buru-Tetralogie weniger ausgeprägt. Pram bedient sich darin einer subtilen Montagetechnik aus der Perspektive seines Helden Minke, dessen Lebensweg wohl demjenigen des Autors verwandt sein dürfte. Minke ist es, der dieses Buch schreibt und die einzelnen Episoden und Materialien aneinanderreiht. Mal rapportiert Minke soeben Erlebtes, mal fügt er in seine Aufzeichnungen Dokumente, Briefe und Schilderungen dritter ein, zuweilen lässt ihn der Autor den innern Monolog bedienen oder aufgrund späterer Erfahrungen und späteren Wissens frühere Ereignisse sichten. Stets wird dabei festgemacht, aus welcher Perspektive geschildert ist. "Diesen Brief schreibe ich...", "Das sind meine Aufzeichnungen von...", immer wieder finden sich solche Formeln, die den Charakter der Montage deutlich machen.

Minke ist das Zentrum der Romane. Und wo er etwas noch nicht ganz begreifen kann, erhalten auch seine Aufzeichnungen dementsprechend bruchstückhaften Charakter. Diesbezüglich schliesst die Buru-Tetralogie an die europäische Tradition des Bildungsromans an.

Prams Figuren sind nicht typisiert, sondern immer auch in sich selbst widersprüchlich. Dies gilt besonders für Ontosoroh. Trotz ihrer idealtypischen Eigenschaften verliert sie nie menschliches Mass. Sie ist gleichsam das Herz der beiden Romane "Garten der Menschheit" und "Kind aller Völker", die Antriebsquelle für Minkes Widerstand, Verkörperung von Prams Glaube an die Kraft der Veränderung: "das ist Menschenwerk. Das haben Menschen in ihrem Gehirn, in ihren kaltblütigen Herzen ausgebrütet. Und Menschen müssen wir unsere Worte entgegenhalten. Gott ist nie auf der Seite der Verlierer."

Und Ontosoroh repräsentiert zudem die javanesische Tradition, die Volkstümlichkeit, der sich auch Pram trotz verwirrendem Handlungsgefüge und ungeheurem Materialreichtum befleissigt. Es kennzeichnet die hohe Meisterschaft des Autors, dass er Geschichte am Beispiel einer exemplarischen Lebensgeschichte lebendig zu reflektieren vermag und dass seine komplexe Prosa jegliche ästhetische Gekünsteltheit vermissen lässt. Pramoedya Ananta Toer verliert kaum je sein Publikum aus den Augen. Er bemüht sich, stärker als etwa Weiss, um Verständlichkeit und um einen Handlungsaufbau, der mit von der Spannung der Geschichte zehrt. Melodramatische, pathetische oder besonders anrührende Passagen spart er nicht aus. Die Handlung ist spannend, doch geht es nicht bloss um die Erlösung von einem Plot, der am Ende alle Fragen löst. Wo Peter Weiss die Sinnlichkeit fast gänzlich fallen lässt, zieht Pram die Register der Emotionen und regt an zu einer identifikatorischen Lektüre. Plump freilich agiert er dabei nie!

Pramoedya Ananta Toer erzählt, damit die Geschichte nicht vergessen geht. Und weil es zu dieser Geschichte, dem Kolonialismus zwei Parteien braucht, sind auch wir von diesen Romanen angesprochen. Pram setzt Stacheln ins Bewusstsein. In den ersten beiden Bänden der Buru-Tetralogie ist ihm beispielhaft die Synthese von oraler und dramatischer Erzählpraxis und moderner Montageform gelungen. Die Besinnung auf die kulturelle javanesische Tradition mischt sich mit einem differenzierten "Diskurs mit der Moderne".

Kurzum. Pramoedya Ananta Toer hat mit der Buru-Tetralogie ein literarisches Schlüsselwerk zur Kolonialgeschichte geschrieben, das zum unverzichtbaren Schatz der Weltliteratur zu zählen ist. Es ist ein Buch der Hoffnung, nicht so sehr, weil der Kampf um Unabhängigkeit gelingen würde, sondern weil es die Erfahrungen der Niederlage und das Wissen um ihre Hintergründe weiterträgt und damit die Mauern der Unwissenheit einreisst. Es ist ein Spiegel der Macht, explizit der kolonialen und insgeheim der nachkolonialen durch die Herrschaft Suhartos - und seienr Nachfolger. Bis Prams Bücher freilich in der indonesischen Innenpolitik Resonanz erhalten, dürfte noch einige Zeit vergehen.

 

 

 

Bücher:

Die Buru-Tetralogie

  • Garten der Menschheit (Bumi Manusia). Roman, Bd. 1. Aus dem Indones. von Brigitte Schneebeli. 2. Aufl., rororo Taschenbuch 1990
  • Kind aller Völker (Anak Semua Bangsa). Roman. Aus dem Indones. von Brigitte Schneebeli. Strom-Verlag Luzern 1990
  • Spur der Schritte (Jejak Langkah). Roman. Aus dem Indones. von Giok Hinag-Gornik. Horlemann, Bad Honnef 1998
  • House of Glass Rumah kaca).Translated by Max Lane. Penguin Pocket, Australia 1992

Weitere Werke:

  • Spiel mit dem Leben. Roman. Aus dem Indones. von Doris Jedamski und Thomas Rieger, rororo Taschenbuch 1990.
  • Die Familie der Partisanen. Aus dem Indones. von Diethelm Hofstra, Verlag Horlemann
  • Die Braut des Bendero. Aus dem Indones. von Diethelm Hofstra, Verlag Horlemann
  • Mensch für Mensch. Aus dem Indones. von Diethelm Hofstra, Verlag Horlemann
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