Welche "Wertschätzung" seine Werke von Pramoedya
Ananta Toer in Indonesien geniessen, lässt sich am Beispiel des 29jährigen Studenten
Bonar Tigor Naipospos ermessen. 1990 ist er einzig deswegen zu acht Jahren Haft verurteilt
worden, weil er Prams Werke gelesen und an Freunde weitergereicht hat.
Glücklich das Land, wo Bücher solche Bedeutung haben?
Ja und nein. Bis vor wenigen Jahren, als sich eine Entspannung der innenpolitischen
Lage abzeichnete, hat Pramoedya Ananta Toer seine Beliebtheit nicht geniessen können,
weil ihm Kontakte mit seiner Umwelt von der Obrigkeit systematisch eingeschränkt werden
(siehe Biographie). Seine Bücher dürfen nicht, wie es die
Absicht des Dichters wäre, öffentlich diskutiert werden. Pram ist gleichermassen geliebt
wie einsam.
Pram ist ein Nationaldichter. Kein rückwärtsgewandter Eiferer aber, sondern ein
progressiver Nationalist, der das lädierte Selbstbewusstsein der Indonesier
wiederaufrichten und deren Geschichte aufarbeiten will. Gegen die vom Kolonialismus
anerzogene Unterwürfigkeit der Einheimischen setzt er einen "universellen
Humanismus", den Pram in die indonesische Kultur hineinsenkt. Humanismus und
Tradition schliessen sich keineswegs aus, sie befruchten einander vielmehr.
Auf diesem Konzept beruht Prams bisheriges Hauptwerk, die Tetralogie "Bücher der
Insel Buru". Deren beide erste Bände "Garten der Menschheit" (Bumi
Manusia) und "Kind aller Völker" (Anak Semua Bangsa) liegen seit kurzem auf
Deutsch vor. Aus den Titeln ist das Konzept des "universellen Humanismus"
ablesbar.
Die Geschichte dieser vier Bücher entspricht jener Prams. Sie sind in Gefangenschaft
entstanden, auf der Insel Buru, einer Gefängnisinsel, auf der Pram während zehn Jahren
Zwangsarbeit leisten musste. "In den ersten Jahren habe ich in Gedanken geschrieben.
Indem ich die Geschichten meinen Freunden erzählte, behielt ich sie in Erinnerung",
um sie später dann niederschreiben zu können. Die selbsterlebte und in Indonesien bis
heute herrschende Repression veranlasste Pram, die Handlung seiner Romane in die
Vergangenheit zu verlegen. Er wählte den symbolisch bedeutsamen Zeitraum um 1900, die
Jahrhundertwende. Sein Thema ist die koloniale Unterdrückung durch die Holländer.
Oberflächlich besehen schien dieses heroisch und unverfänglich genug, dass die Bücher
überhaupt erscheinen konnten (1979-1989). Es dauerte bei allen vier Bänden jeweils
einige Monate, bis die Zensoren ihrer verborgenen Aktualität auf die Schliche kamen und
ihrer "subversiven und zersetzenden Kraft" innewurden. Die machthungrige
Offiziercliqué um General-Präsident Suharto und seine willigen Gefolgsleute erkannte
darin zurecht eine Kritik an ihrer schmutzigen Herrschaft. Gleichsam als innere
Kolonialmacht hatte sie die alten Kolonialmächte Holland und Japan abgelöst, um an deren
Stelle sich das Volk zu unterwerfen.
In den vier "Büchern der Insel Buru" zurrt Pram die Geschichte Indonesiens
exemplarisch auf wenige Jahre zusammen. Er erzählt die Jugendjahre des javanesischen
Adligen Minke. Geboren im Jahr 1880, wird ihm früh die komplexe Zwiespältigkeit
erfährt, in der gebildete "pribumis" (Einheimische) leben. Minke sieht sich
zwischen die sozialen und kulturellen Fronten gestellt. Als einer der wenigen
Einheimischen ist es ihm vergönnt, auf einer holländischen Oberschule aufgenommen zu
werden. Er lernt die Sprache der Kolonialmacht zu reden und zu schreiben. Bewusst wird ihm
seine unbequeme Mittelstellung durch seine Bekanntschaft mit der Konkubine Ontosoroh,
deren Tochter Annelies er liebt. Ontosoroh ist eine Einheimische, die an einen Europäer
verkauft wurde unter Verlust aller Rechte und sozialen Wertschätzung. Doch sie hat sich
autodidaktisch gebildet, Sprachen gelernt und die Betriebsführung des Gutshofes ihres
Mannes übernommen. Ontosoroh ist eine gescheite, gewandte und bewundernswürdige Frau,
die neben ihrem holländischen Mann Tuan Mellema ihren eigenen Weg geht.
Der erste Band der Viererfolge, "Garten der Menschheit", schildert, wie Minke
in Kontakt kommt mit Ontosoroh und ihrer Tochter und hineingezogen wird deren koloniale
Rechtlosigkeit. Denn weil Ontosoroh nur eine "gekaufte" Konkubine ist, geniesst
sie aller Tatkraft, allen Verdiensten zum Trotz keine Rechtsansprüche, auf den Besitz
ihres Mannes ebensowenig wie auf ihre Kinder. Unbarmherzig gilt das "weisse
Gesetz", das den holländischen Herrschaftsanspruch verteidigt und die rassistische
Herrenmentalität der Europäer legitimiert. Es gibt eine klare soziale Abstufung, je nach
der Menge an "weissem" Blut: Einheimische, Indo-Mischlinge, Europäer. Diesem
Gesetz hat auch der gebildete Einheimische zu huldigen. Ohne Einwilligung ihres
verstorbenen Herrn gilt auch die Heirat zwischen Annelies und Minke nicht, obwohl sie nach
islamischem ritus korrekt vorgenommen worden ist. Das weisse Recht geht vor Traditionen.
Ja mehr noch: es ist dem Sohn und Erbfolger von Tuan Mellema gestattet, in seiner
Eigenschaft als einziger Vormund Ontosorohs Tochter nach Europa zu bestellen, wo sie bis
zu ihrer Volljährigkeit zu leben habe. Ontosorohs und Minkes Kampf geht zwangsläufig
verloren. Einzig die Gewissheit: "Wir haben uns gewehrt, Nak, Nyo, so gut und so
ehrenhaft wir konnten", bleibt.
Nahtlos knüpft an dieser Stelle der Band 2: "Kind aller Völker", an. Minke
hat die Schule abgeschlossen und möchte fortan als Journalist arbeiten. Er schreibt
ausgezeichnet holländisch, doch sein Glaube an das Geschenk der Moderne, das die
Kolonialherren der einheimischen Bevölkerung machen könnten, gerät noch stärker in
Aufruhr. Annelies ist inzwischen am Gram über ihre Verpflanzung in Holland gestorben. Und
Freunde von Minke beginnen zu vorzuwerfen, dass er nicht in der Sprache der Einheimischen
schreibe, ja sein eigenes Volk gar nicht richtig kenne. In sich trägt Minke die
Gespaltenheit eines modernen "pribumi", der einerseits als Einheimischer
stigmatisiert ist, andererseits bereits Distanz zur traditionellen Unterwürfigkeit der
javanischen Sitten gewonnen hat. In sich trägt er einen ähnlichen Dünkel gegenüber den
primitiven Einheimischen wie die Europäer. Daher ist er auch überzeugt von der
Überlegenheit der modernen holländischen Sprache, von der sich zu trennen ihm
schwerfällt. Zum ersten Mal erfährt er eine journalistische Enttäuschung, als er
engagiert und wahrheitsgetreu über die Ausbeutung der javanesischen Bauern durch die
Betreiber einer Zuckerfabrik schreibt. Es ist sein bester Bericht, doch jener Redaktor,
der ihn bisher mit Lob überhäuft hat, lehnt ihn kategorisch ab. Seine Zeitung gehört
dem Zuckertrust.
Minke ist noch nicht am Ende seiner persönlichen Entwicklung, seines
Bewusstwerdungsprozesses angelangt, den die Buru-Tetralogie schildert. In Gesprächen mit
Freunden und Bekannten werden ihm die elementare Wichtigkeit der Sprache, die zentrale
Funktion des Mediums Zeitung und die ökonomischen Verhältnisse des holländischen
Kolonialismus in Ostindien bewusst. Noch versteht er nicht alles, aber er ist auf dem Wege
dazu. Schliesslich aber geht ein weiterer Kampf verloren. Der Erbe Tuan Mellemas erhält
das freie Verfügungsrecht über jenen Betrieb, den Ontosoroh jahrelang mit Erfolg
aufgebaut und geführt hat. Mit der gleichen kämpferischen Gewissheit wie der erste endet
auch der zweite Band: "wir haben uns gewehrt, wenn auch mit dem Mund".
Die weitern zwei Bände der Buru-Tetralogie, "Spur der Schritte" und
"Glashaus", die noch nicht auf deutsch vorliegen, schliessen hier an. Minke
verlässt die Landschaft der beiden ersten Bände und geht nach Bandung (Jakarta), wo er
seine Identität in seinem politischen Engagement findet, verfolgt und schliesslich ins
Exil getrieben wird. Noch immer finden sich Landsleute, welche die Herrschaft der
Kolonialmacht stabiliseren helfen.
*
Die von Pram aufgeworfene Problematik lässt sich in vier zentralen Punkten
zusammenfassen:
-die Ohnmacht vor dem "weissen Gesetz";
-die schwierige Mittlerposition zwischen europäischer und einheimischer Kultur,
zwischen kühl rechnender Kolonialherrschaft und dem traditionellen Prinzip der
Unterwerfung unter die Väter.
-die Auferweckung eines einheimischen Selbstbewusstseins, das die eigene Geschichte
reflektiert und der europäischen Kultur eigene Werte gegenüberstellt;
-die Sprache als Instrument der Macht und zugleich als zentrales Medium des Widerstands
dagegen.
Minkes grundlegendes Problem ist der Zwiespalt, in den er durch seine Bildung
hineingeraten ist. Seine dunkle Hautfarbe zeigt untrüglich, dass er nicht zur Herrenrasse
zählt, seine Bildung entfernt ihn aber zugleich von seinem Volk. Zudem fühlt er als
Zugehöriger der javanesischen Adelsklasse eine natürliche Überlegenheit, die bei den
Holländern aber keinen Wert besitzt. Symptomatisch ist Minkes Ärger, als ihm ein
einfacher Bauer nicht mit der gebührenden Achtung entgegentrat: "Ich spürte, dass
mir das Blut ins Gesicht schoss. Noch nie hatte ein Javaner gewagt, so schroff zu mir zu
sprechen und mich einfach zu duzen." Es braucht denn auch seine Zeit, bis Minke
selbst einsieht, dass dahinter eine aufrührerische Haltung steckt, die er sich eigentlich
ja von den Javanern erhoffte.
Nicht zufällig ist es ein französischer Freund Minkes, der ihm jenen Satz
einflüstert, der ihn fortan leiten sollte: "Als gebildeter Mensch musst du gerecht
sein" - im Denken wie im Handeln. Wie ein Refrain durchzieht dieses humanistische
Bekenntnis durch den zweiten Band, Minke erinnert sich seiner, wenn er sich selbst bei
Voreingenommenheiten ertappt.
Pram entwickelt hier eine eigentliche Ästhetik des antikolonialistischen Kampfes, eine
Ästhetik des Widerstands. In dieser Beziehung zeigt sich eine erstaunliche geistige
Verwandtschaft zwischen Prams Buru-Tetralogie und Peter Weiss' Romantrilogie "Die
Ästhetik des Widerstands". Für beide sind Sprache und Gespräch wesentliche Medien
der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit (und so mit der Gegenwart), beide schildern
sie einen Bildungs- und Bewusstwerdungsprozess, der an gewaltsamen Umbruchstellen und
komplexen historischen Konstellationen wächst und den sie am Beispiel einer individuellen
Lebensgeschichte reflektieren. Parallelen liessen sich noch mehr anfügen. Pram hat seinen
Ansporn zu literarischem Engagement in einem Gespräch einmal wiefolgt begründet:
"Jetzt wählte ich die Seite. Ich habe mich für Links entschieden - und da stehe ich
noch heute. Linkssein bedeutet für mich auf der Seite der arbeitenden Massen." Die
Verwandtschaft mit Weiss' 10 Arbeitspunkten wird hier manifest. Dennoch wäre es aber
verfehlt anzunehmen, Pram würde seine Gesinnung der Literatur aufoktroyieren, die
Literatur als blossen Trägersubstanz einer politischen Absicht nutzen. Pram ist davon
ebensoweit entfernt wie Weiss. Gewiss ist ihm, Weiss vergleichbar, ein
"pädagogischer" Impetus eigen, der auf einen politisch-humanistischen Diskurs
und eine daraus resultierende Bewusstseinsveränderung zielt. Politische, soziale,
kulturelle Fragen bündeln sich jedoch allein in den Erfahrungen der
"Kristallisationsfigur" Minke und die politische "Botschaft" ist ganz
und gar künstlerisch verarbeitet. Sie steckt in der ernsthaften Auseinandersetzung mit
dem Buch als ganzem, denn Pram stellt viele Fragen, beleuchtet Probleme von verschiedenen
Seiten, doch Antworten liefert er keine. Dies bleibt den lesern und Leserinnen allein
überantwortet.
"Ich habe geschrieben, um zu bilden und nicht, um die Massen aufzuwiegeln. Ich
sah, wie untätig die Masse der Indonesier damals war, dass es der Massenaktion bedurfte,
um Bewusstsein zu schaffen. (...) darum werde ich weiterscheiben. Im wesentlichen geht es
darum, indonesische Geschichte in Form von Literatur zu schreiben. Es geht mir immer noch
um die Frage der Veränderung unserer Gesellschaft. Und dazu gehört auch die Veränderung
des Geschichtsbildes."
Pram ist Indonesier, er schreibt somit aus der Sicht eines kolonisierten Volkes, aus
den Erfahrungen seiner jahrhundertelang kolonisierten Kultur. Seine literarische Arbeit
gründet im Wissen um den Analphabetismus weiter Bevölkerungskreise wie auch um die
passive Haltung seiner Landsleute. Seit Jahrhunderten hat sich ihre kulturelle
Einstellung, die die Kolonisatoren sich zunutze machen, kaum verändert. Ihre patriarchale
Struktur und ein ausgeklügeltes System der Konfliktvermeidung prägen die javanesische
Gesellschaft. Diese Tatsachen haben die Stilmittel und die Pädagogik seiner Literatur
geformt. Soll das einfache Volk sich aus der Lethargie befreien und zu neuem Bewusstsein
kommen, muss dieses einfache Volk die Bücher lesen und verstehen können. Deshalb knüpft
Pram an die volkstümlichen Traditionen der oralen Erzählung und des Theaters an.
Deutlicher als in der Buru-Tetralogie komt dies in seinem ersten Roman "Spiel mit
dem Leben" (Perburuan) zum Vorschein. Auch er spielt exakt an einer historischen
Bruchstelle, in der Nacht vor und am Tag der japanischen Kapitulation am 2. September
1945.
Der Freiheitskämpfer Hardo möchte nochmals seine Verlobte Ningsih, doch die Japaner
und ihre indonesischen Helfer sind ihm auf den Versen. Ningsihs Vater hat ihn verraten.
Mehrmals entkommt er den Schergen, weil ein Freund Hardos sie führt. Als sie ihn
schliesslich dennoch gefangen nehmen können, ist die Niederlage Japans bereits besiegelt.
Hardo kommt frei und sein Freund hat ihn als Freund nicht enttäuscht.
Auffällig ist in diesem kurzen Roman die Form, die Pram wählt. Die vier chronologisch
geordneten Kapitel - zwei für die Nacht und zwei für den darauffolgenden Tag - bilden je
eine Einheit der Zeit, des Ortes und der Handlung. Sie bestehen hauptsächlich aus
Dialogen. Deutlich erweist sich darin Prams Bemühen um Volkstümlichkeit, die sich nicht
vor Analphabeten verschliessen will. Mit wenig Aufwand kann die Prosa dramatisiert und
allgemein verständlich aufgeführt werden. Gezielt setzt der Autor damit auf die lange
kulturelle Tradition der javanischen Schatten- und Wachspuppenspiele. Rein von formalen
Gesichtspunkten her betrachtet ist "Spiel mit dem Leben" ein leichtgewichtiger
Roman, eine nicht gefestigte Prosa, doch eben mit Kalkül so geschaffen.
Die Elemente der Volkstümlichkeit sind in der Buru-Tetralogie weniger ausgeprägt.
Pram bedient sich darin einer subtilen Montagetechnik aus der Perspektive seines Helden
Minke, dessen Lebensweg wohl demjenigen des Autors verwandt sein dürfte. Minke ist es,
der dieses Buch schreibt und die einzelnen Episoden und Materialien aneinanderreiht. Mal
rapportiert Minke soeben Erlebtes, mal fügt er in seine Aufzeichnungen Dokumente, Briefe
und Schilderungen dritter ein, zuweilen lässt ihn der Autor den innern Monolog bedienen
oder aufgrund späterer Erfahrungen und späteren Wissens frühere Ereignisse sichten.
Stets wird dabei festgemacht, aus welcher Perspektive geschildert ist. "Diesen Brief
schreibe ich...", "Das sind meine Aufzeichnungen von...", immer wieder
finden sich solche Formeln, die den Charakter der Montage deutlich machen.
Minke ist das Zentrum der Romane. Und wo er etwas noch nicht ganz begreifen kann,
erhalten auch seine Aufzeichnungen dementsprechend bruchstückhaften Charakter.
Diesbezüglich schliesst die Buru-Tetralogie an die europäische Tradition des
Bildungsromans an.
Prams Figuren sind nicht typisiert, sondern immer auch in sich selbst widersprüchlich.
Dies gilt besonders für Ontosoroh. Trotz ihrer idealtypischen Eigenschaften verliert sie
nie menschliches Mass. Sie ist gleichsam das Herz der beiden Romane "Garten der
Menschheit" und "Kind aller Völker", die Antriebsquelle für Minkes
Widerstand, Verkörperung von Prams Glaube an die Kraft der Veränderung: "das ist
Menschenwerk. Das haben Menschen in ihrem Gehirn, in ihren kaltblütigen Herzen
ausgebrütet. Und Menschen müssen wir unsere Worte entgegenhalten. Gott ist nie auf der
Seite der Verlierer."
Und Ontosoroh repräsentiert zudem die javanesische Tradition, die Volkstümlichkeit,
der sich auch Pram trotz verwirrendem Handlungsgefüge und ungeheurem Materialreichtum
befleissigt. Es kennzeichnet die hohe Meisterschaft des Autors, dass er Geschichte am
Beispiel einer exemplarischen Lebensgeschichte lebendig zu reflektieren vermag und dass
seine komplexe Prosa jegliche ästhetische Gekünsteltheit vermissen lässt. Pramoedya
Ananta Toer verliert kaum je sein Publikum aus den Augen. Er bemüht sich, stärker als
etwa Weiss, um Verständlichkeit und um einen Handlungsaufbau, der mit von der Spannung
der Geschichte zehrt. Melodramatische, pathetische oder besonders anrührende Passagen
spart er nicht aus. Die Handlung ist spannend, doch geht es nicht bloss um die Erlösung
von einem Plot, der am Ende alle Fragen löst. Wo Peter Weiss die Sinnlichkeit fast
gänzlich fallen lässt, zieht Pram die Register der Emotionen und regt an zu einer
identifikatorischen Lektüre. Plump freilich agiert er dabei nie!
Pramoedya Ananta Toer erzählt, damit die Geschichte nicht vergessen geht. Und weil es
zu dieser Geschichte, dem Kolonialismus zwei Parteien braucht, sind auch wir von diesen
Romanen angesprochen. Pram setzt Stacheln ins Bewusstsein. In den ersten beiden Bänden
der Buru-Tetralogie ist ihm beispielhaft die Synthese von oraler und dramatischer
Erzählpraxis und moderner Montageform gelungen. Die Besinnung auf die kulturelle
javanesische Tradition mischt sich mit einem differenzierten "Diskurs mit der
Moderne".
Kurzum. Pramoedya Ananta Toer hat mit der Buru-Tetralogie ein literarisches
Schlüsselwerk zur Kolonialgeschichte geschrieben, das zum unverzichtbaren Schatz der
Weltliteratur zu zählen ist. Es ist ein Buch der Hoffnung, nicht so sehr, weil der Kampf
um Unabhängigkeit gelingen würde, sondern weil es die Erfahrungen der Niederlage und das
Wissen um ihre Hintergründe weiterträgt und damit die Mauern der Unwissenheit einreisst.
Es ist ein Spiegel der Macht, explizit der kolonialen und insgeheim der nachkolonialen
durch die Herrschaft Suhartos - und seienr Nachfolger. Bis Prams Bücher freilich in der
indonesischen Innenpolitik Resonanz erhalten, dürfte noch einige Zeit vergehen.