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Friedrich Glauser (1896-1938)

Ein Leben am Rande

von Beat Mazenauer

 

„Die Zahl der Internierungen, der Entwöhnungskuren, der verschiedenen Katastrophen in meinem Leben, deren Dauer und Daten aufzuzählen, ist unwichtig. Notwendiger scheint es mir zu sein, kurz anzudeuten, was ich noch erhoffe."

Mit diesen Worten leitete Friedrich Glauser im März 1934 einen kurzen Lebenslauf zuhanden seiner opulenten Krankengeschichte ein. Seit zwei Jahren hielt man ihn schon in psychiatrischen Kliniken und Strafanstalten fest und eben erst war ein Antrag auf Entlassung abgelehnt und dafür die unbefristete Internierung bestätigt worden. Dennoch bekundete Glauser mit scheuer Zuversicht, dass er die „Frage der Anpassung" wohl lösen werde, wenn es ihm nur gelinge, konzentriert zu schreiben und seine vielfältigen Erfahrungen zu „verwerten".

Im Jahr 1934 blickt der 38jährige Glauser auf ein unstetes Leben zwischen „adminstrativer Versorgung" und zivilem Ungemach zurück: in Wien geboren und ohne früh verstorbene Mutter aufgewachsen, in der Schweiz für drei Jahre ins Landerziehungsheim Glarisegg gesteckt, dann Rausschmiss und Matura in einer Privatschule sind die ersten Stationen eines schwierigen Lebens, das bald in die „Liederlichkeit" abrutschte. Früh schon geriet Glauser in die verhängnisvolle Spirale von Flucht, Sucht, Diebstahl, Haft und neuerlicher Flucht und wurde deshalb 1918 auf Betreiben des eigenen Vaters entmündigt.

Seiner Herkunft wohnt die Heimatlosigkeit inne. Die seltenen Tondokumente, die es von Glauser gibt, lassen eine eigenwillige Sprache hören: einen wienerisch gefärbten Schweizer Dialekt, der bei französischen Wendungen keine Mühe kennt. Von Vaters Seite her war er bilingue; ein Talent, das er auch seinem knorrigen Wachtmeister Studer mitgab. Diese hörbare Eigenheit verkörpert das gebrochene Verhältnis zu seiner Heimat. Glauser wunderte sich einmal, warum gerade er „als Schweizer auf die Welt gekommen" sei und „nun ‘Schweizer’ Romane schreibe, die gar nicht schweizerisch sind, weil alles von aussen gesehen ist und ich eigentlich wenig innere Beziehung habe zu den Menschen, von denen ich schreibe".

Einen wesentlichen Grund besass diese Heimatlosigkeit im frühen Tod der Mutter. „Weisst, das einzige, worüber ich mich manchmal beklagen möchte, ist, dass meine Mutter gestorben ist, wie ich vier Jahre alt war." Mit diesen Worten beschrieb Glauser der Freundin Berthe Bendel seine „empfindliche Stelle". Neben der Prinzipienstrenge des Vaters und all seiner amtlichen Stellvertreter gerann die vermisste Mutter zum Idealbild, das seinen Schatten gleichsam auf alle Frauen warf. Sie linderten die ungestillte Sehnsucht und das „ewige Alleinsein".

Allem Anschein nach hat der sensible, kluge Aussenseiter Glauser auf Frauen durchaus Eindruck gemacht. Im Kreise von Kunst-Bohemiens und Anthroposophen lernte er 1919 in Ascona die faszinierende Tänzerin Mary Wigman kennen. Wenig später trat an ihre Stelle Liso Ruckteschell, dann kreuzten Trix Gutekunst, Miggi Senn oder die mütterliche Martha Ringier seinen Lebensweg.

Keine von ihnen konnte Glauser jedoch weder von der Sucht noch von seinem Mutterideal wegbringen. Glauser selbst sperrte sich dagegen, denn kaum nahm eine Beziehung ernsthaftere Formen an, reagierte er mit ängstlichem Zaudern, als ob seine Treue zur Mutter dadurch gefährdet wäre. Ihrem Ideal am nächsten kam wohl die ehemalige Pflegerin Berthe Bendel. 1933 lernte sie Glauser in der Anstalt Münsingen kennen, weswegen sie später den Dienst quittieren musste. Die Beziehung aber hielt stand.

In seiner Zeit mit Berthe hat Glauser den grössten Teil seiner Werke geschrieben. In ihr erkannte er einen „sicheren Punkt in meinem unsicherem Leben". Berthe verstand und akzeptierte seine Launen, doch zur geplanten Hochzeit am 7. Dezember 1938 sollte es nicht kommen. Am Abend zuvor brach Glauser unter ungeklärten Umständen zusammen und verstarb kurz danach. Eine Flucht im letzten Moment, um der Mutter die Treue zu bewahren?

Selbst Berthes Fürsorglichkeit vermochte letztlich also Glauser nicht zu „retten". Seine Versuche, vom Morphium loszukommen, scheiterten schon deshalb, weil Glauser die Droge brauchte, um der seit Mitte der dreissiger Jahre gestiegenen Nachfrage nach seinen Texten gerecht zu werden. Einen Grossteil seiner 150 Erzählungen und sieben Romane rang er sich in phasenweise hektischer und ungeordneter Produktivität innert weniger Jahre ab.

Vor allem die fünf Kriminalromane um den rührigen Wachtmeister Studer begründeten in dieser Zeit auch seinen Ruhm, der bis heute vorhält. Mit gutem Recht. Allerdings überzeugen sie weniger durch ihren kriminalen Plot als durch ihre eigentümliche Schreibweise. Zudem darf ihretwegen nicht vergessen werden, dass Glauser anderes mehr: „das Wichtigste" wie er sagt, geschrieben hat. Zum Beispiel den grossen Roman "Gourrama" (1928-29), in dem er seine Jahre in der Fremdenlegion (1921-23) schildert. "Gourrama" ist eine bedrückende, packende Studie über Randexistenzen, die ihrem alten Leben den Rücken kehren und im Trupp der Trostlosen Zuflucht suchen. Eine grell vibrierende Parabel für eine Existenz, in dem die Grenzen zwischen Überdruss, Erschöpfung und Gewaltausbruch versengen und zerfliessen.

Erlebnisse aus der Legion hat Glauser auch in Erzählungen beschrieben („Kif"). Direkter als die Romane vermitteln uns diese kürzern Arbeiten das Bild eines Autors, der auf erzählerischem wie autobiographischem Feld suchte und die beiden Felder miteinander verknüpfte. Das literarische Werk spiegelt eigenes Erleben, ist gleichsam lebensgeschichtliche Inventur, und sucht dafür nach Stilformen, die ihr gerecht werden können. "Damals in Wien" schildert die Jugendjahre und gibt ein Bild des Vaters, der seinen Sohn nur als Versager wahrnahm; "Dada" und "Ascona" schildern die wilden Zehnerjahre, als Glauser mit Dadaisten und Anthroposophen Bekanntschaft schloss. "Morphium" befasst sich mit der Sucht, und "Störenfriede" reflektiert die fürsorgliche Unterwerfung unter Psychiatrie und Vormundschaft.

Zwei Schlüsselerzählungen - „Im Dunkel", „Unten" - versuchen schliesslich die eigene kriminelle Biographie näher zu begründen. Diese beiden Texte ragen heraus, weil sie das Aussenseitertum definieren und dessen Selbstbild entwickeln. Der "unten" lebt, misstraut denen oben: den Stützen der Gesellschaft, den autoritären Statthaltern der väterlichen Macht, an denen nie eine Schuld kleben bleibt. Diese pragmatische Skepsis teilt auch der Wachtmeister Studer. Er bringt zwar Ordnung in die Verhältnisse, doch heisst dies nicht, dass er die Täter um jeden Preis der Justiz ausliefert. Aus eigenem Erleben kennt er die Biegsamkeit der Gesetze im Vollzug. Deshalb hört er bei seinen Ermittlungen lieber auf sein untrügliches "Gspüri" und zeigt hin und wieder sehr viel Verständnis für lässliche Rechtsbrüche von seiten der „armen Cheiben", die ohnehin verstossen, ausgenutzt und verdächtigt werden, ob sie schuldig sind oder nicht.

Nirgends lässt Glauser seine künstlerische Meisterschaft heller aufblitzen, als wenn er mit wenigen Worten und knappen Gesten ihre Charaktere und ihr Lebensumfeld skizziert. In solchen Momenten wird die schwindelnde, klamme existentielle Angst, die allenthalben umgeht und die „armen Cheiben" zur „Dummheit" verführt, fast handgreiflich spürbar. Auch der ausgestossene Bürgersohn Glauser erfuhr sie, doch im Unterschied zu jenen vermochte er sie zu beschreiben und so ein Stück weit von sich wegzuschreiben. Was blieb, war seine Solidarität mit jenen, die dem bürgerlichen Ordnungssinn mit ihrer subproletarischen Widersetzlichkeit trotzten.

Allein wie soll dies geschildert werden? Anders gefragt: „Dürfen wir vom Schicksal nur dann sprechen, wenn es glattgebügelt aussieht wie eine Hose? " Glauser gab in seinen Geschichten die Antwort gleich selbst: inhaltlich wie formal. Sie demonstrieren das Ringen um Formulierungen und Dramaturgien, das durchaus nicht immer gelingen wollte. Oft steckt viel "Knorz" und Unausgegorenes in diesen Texten. Gerade ihr sperriger, erdiger, dialektgefärbter Stil aber weist Glauser als grossartigen, vollendeten Erzähler aus, dem ungeheuer dichte und wunderbar exakte Beobachtungen gelingen; als einen, der, wie Bichsel schreibt, immer das Erzählen selbst erzählt und "als einziger so erzählen kann, wie die schlechten Erzähler erzählen". Ihre Lektüre vermittelt so stets auch Einblicke in einen zähen Produktionsprozess.

Gerade darin liegt ein Stück jener "Vermenschlichung" der Literatur, die Glauser einmal gefordert hatte. Wie anders hätte der bevormundete, immer wieder internierte, sensible, morphiumsüchtige, intellektuell unterschätzte Dichter seine Geschichten aus der Untiefe des verpfuschten Lebens heraufholen sollen, wenn nicht stockend, ohne Pathos und falschen Glanz? So brilliert dieser sonderliche Schriftsteller Friedrich Glauser gerade durch sein anrührendes, spannendes Scheitern.

 

 

 

Bücher:

  • Friedrich Glauser: Romane in sieben Bänden, hg. v. Bernhard Echte. 1995-97.
  • Friedrich Glauser: Das erzählerische Werk in vier Bänden, hg. v. Bernhard Echte u. Manfred Papst. 1992-93
  • Friedrich Glauser. Erinnerungen von Emmy Ball-Hennings et al., hg. v. H. Spiess und P. E. Erismann. 1996. Alle Limmat Verlag, Zürich.