Stig Dagerman (1923 - 1954)
Der untröstliche Glückssucher
Es wäre aber falsch, Dagermans Schreiben nur als eine verzweifelte Selbsttherapie und
Flucht vor sich selbst begreifen zu wollen. Zwischen 1943 und 1946 war Dagerman Mitglied
eines regen anarchosyndikalistischen Zirkels in Stockholm. Dessen Zentrum, das
Klara-Volkshaus, war gleichsam seine Wohnstatt, und die "Arbeiterzeitung", als
deren Kulturredaktor er 1945 zeichnete, nannte er seinen "geistigen Geburtsort".
Dagerman war in jejen Jahren beseelt vom sozialen Kampf: er reaktivierte einen Jugendklub,
begründete eine Schülerzeitung, verfasste und klebte Flugblätter und organisierte
Demonstrationen.
In seinen ersten zwei Romanen trug dieses Engagement auch literarische Früchte. Die
Energie reichte noch aus, seine Sicht der Welt als einem von Angst bestimmten, absurden
Treiben um die Dimensionen des Sozialen und Politischen zu erweitern. Es fand sich noch
Platz in ihnen für die Diskussion von politischen Fragen, für ein anarchistisches
Bekenntnis, etwa im fulminanten Debutroman "Die Schlange": "Der
Sicherheitsgewährer [der Staat, bm] aber ist partiell eine Bedrohung meiner persönlichen
Sicherheit, eine physische Gefahr. Kommt hinzu, dass der Sicherheitsgewährer meine
persönliche Würde verletzt, weil er meinem Willen die Integrität raubt. In den Augen
des Sicherheitsgewährers ist mein Wille nichts anderes als eine Gummiblase, die an
Nationalfeiertagen huldvoll aufgeblasen wird, um mir die Illusion zu vermitteln, es sei
mein Wille, dem da Ausdruck gegeben wird." Mit der Stimme seiner Protagonisten ruft
er auf zum anarchistischen Widerstand gegen den Staat. Er gewinnt die Einsicht, dass die
Menschen durch die Angst paralysiert und so handlungsunfähig seien: "Es ist die
Tragik des Menschen von heute, dass er es nicht mehr wagt, Angst zu haben. Das ist
unheilvoll, weil er infolgedessen auch aufhört zu denken" - und stattdessen zu
wohlfeilen Sündenböcken und Ersatzreligionen greift.
Ebenso geben auch jene Reportagen, die Stig Dagerman von einer Deutschlandreise 1946
mitbrachte, und die im Buch "Deutscher Herbst" gesammelt sind, beeindruckendes
Zeugnis seines unabhängigen, anarchistischen Denkens. Vergleichbar der Position von
Andersch und Richter in "Der Ruf" verurteilt er nicht bloss die alten Zustände,
sondern auch das selbstherrliche Gebahren der alliierten Staaten. Er wird Zeuge, wie die
Ruder dieses Landes von neuem in "zittrige Altmännerhände" geraten, die das
Schiff zaudernd und zögernd in nationalistische und ideologisch dominierte Bahnen lenken,
anstatt unter verstärktem Einbezug des deutschen Widerstandes eine internationalistische,
sozial gerechte Perspektive zu eröffnen. Wiederum schien eine Chance vertan.
Die an Kafka (zu dessen Propagandisten Dagerman in Schweden zählte) und Faulkner
geschulte Sprachkünstlerschaft, und die Diskussion politischer Ideen manifestierten sich
ausgeprägter noch in seinem zweiten Roman "Die Insel der Verdammten" (1947).
Die darin angelegte Konfrontation zwischen einem faschistoiden Hauptmann und einem
existentialistischen Trostsucher macht ihn zum politischen Ideenroman. Der Hauptmann
träumt von egoistisch-elitärer Einsamkeit und mystischer Einheit mit dem Kosmos, vor dem
alle geschundenen Menschen unerheblich, ja gar verachtenswert erscheinen. Der Trostsucher
und Angstseher dagegen akzeptiert auf der gottverlassenen Insel die existentielle
Absurdität. Dem Credo seines Autors folgend, erkennt er zugleich, dass einzig Bewusstheit
und Analyse diese Absurdität erträglich zu machen vermögen, gleichsam als eine höhere
Form des Trostes. Bewusstheit und Analyse müssen Weg und Ziel zugleich sein, "die
geöffneten Augen, die unerschrocken ihre entsetzliche Lage betrachten, müssen der Stern
des Ichs sein, unser einziger Kompass." Obgleich das Ende nahe ist, vermag er sich
als einziger noch einmal aufzuraffen zu einem "sinnlosen Widerstand gegen die
Sinnlosigkeit der Welt" und so der Gewissheit der Todes für einen Augenblick zu
trotzen.
"Die Insel der Verdammten" war Dagermans literarischer Durchbruch, bei der
Kritik ebenso wie beim Publikum. Auf einmal war er zur grossen literarischen
Hoffnung avanciert. Er wurde mit Geld und Ruhm und Ehren überhäuft. Niemand erahnte,
dass dieser neue Stern am schwedischen Literaturhimmel bloss eine kurz und heftig
aufflackernde Sternschnuppe sein sollte. Denn gerade Ruhm und Reichtum erregten die
Skepsis des Skeptikers. In dem erst posthum erschienenen Aufsatz über sich selbst,
"Stig Dagerman, der Dichter und der Mensch", bezichtigte er sich des Mangels an
Aufrichtigkeit: "Für wichtiger als die Wahrung eines moralischen Standards, einer
streng fixierten ideologischen Position, erachtete er die Aufrechterhaltung seines
ökonomischen Standards. Furcht vor zwei Dingen hat ihn dazu getrieben (...): die Furcht,
einem literarischen Prestige zu schaden, just als ob nicht Aufrichtigkeit, ja
Rücksichtlosigkeit die Voraussetzung sei für ein solches Prestige, sowie die Furcht,
finanzielle Erträge versäumt zu haben, als ob es wichtiger sei gut denn recht zu
leben". Dagerman schien erkannt zu haben, dass er fortan für Geld, um fixe Verträge
und gegen die Erwartungen seines Lesepublikums anzuschreiben habe. In solcher Bedrängnis
verpufften jedoch seine Kräfte. Sie reichten nicht mehr für eine engagierte, politische
Dimension in seinen Büchern, für ein letztes Stück hart abgerungener Utopie, für ein
Stückchen Zukunft trotzalledem. Sachte glitt er ab in eine Lebenskrise, die aber noch
einmal bemerkenswerte Texte hervorbrachte.
Schreibend kehrte Stig Dagerman zurück zum Ort seiner Kindheit, dem uppländischen
Kleinbauernland und wurde zum barmherzigen Schilderer des unbarmherzigen Lebens. Ins
Zentrum rückten die nackte Lebensangst und die verfluchte tödliche Resignation.
"Man nimmt, was man hat" lautet das traurige Motto im Roman "Schwedische
Hochzeitsnacht". Wenn es überhaupt je einen Gott gegeben hat, so hat er spätestens
hierin die Welt verlassen. Angst, Vereinsamung und Trostlosigkeit halten Herrschaft. Die
Zwänge der Erziehung schütten das Gute in den Kindern zu und impfen ihnen stattdessen
"die Angst in kleinen Dosen ein". Tief im Hals würgt der "Stein
Esistegal", derselbe Stein, den Dagerman selbst zunehmends würgte. Beinahe hektisch
enstanden die Romane "Gebranntes Kind" (1948), "Schwedische
Hochzeitsnacht" (1949) sowie der Erzählband "Spiele der Nacht" (1947),
unter ihnen einige der wohl traurigsten und illusionslosesten literarischen Texte
überhaupt.
Ironie und Humor blitzen in Dagermans Texten nur selten auf. Beim Schreiben war es ihm
kaum je ums Spassen zu tun. Die Versuche zur Errettung vor sich selber wurden zur Flucht.
Er war sich sehr klar bewusst, dass er die Trostlosigkeit nicht heroisch aushalten konnte,
sondern angewiesen war auf Trost und Vergessen. Doch je stärker der Druck von aussen
wurde, desto weniger gelang diese Flucht in die Literatur, desto weniger vermochte er
seine eigenen Ängste von sich wegzuschreiben. Die Lebensparalyse seiner literarischen
Protagonisten begann auf ihren Autor überzugreifen. Das Leben entglitt ihm. Wohl wollte
er schreiben, sich ausdrücken, Befreiung erlangen für einen Augenblick, doch es gelang
kaum mehr. Das stets labile Vertrauen in seine Künstlerschaft schien zerbrochen. Der
Schreibkrampf zog seine Seele zusammen. Die Realisierung seiner Ideen stockte. Sein
literarisches Vermächtnis aus der Zeit zwischen 1950 und 1954 umfasst nur noch wenige
grössere Texte, Aufarbeitungen alter Stoffe sowie Fragmente, unter ihnen gleichwohl aber
immer noch eine Trouvaille wie "Gott besucht Newton".
"Und wenn zuletzt die Depression kommt, werde ich auch ihr
zum Sklaven. Sie zu behaupten wird mein höchstes Streben, meine grösste Lust zu
empfinden, dass mein einziger Wert in dem verloren Geglaubten liege: in der Fähigkeit,
selbst aus meiner Verzweiflung, aus meiner Unlust und meinen Schwächen Schönheit
herauszupressen. Mit bitterer Wonne will ich mein Haus in Trümmer fallen sehen und mich
selbst eingeschneit ins Vergessen" - heisst es in "Unser Bedürfnis nach Trost
ist unersättlich".
Die steten Selbstbezichtigungen und der verzweifelt stereotyp
wiederholte Satz vom Leben als einem aufgeschobenen Selbstmord wiesen bereits aufs Ende
hin. "Wenn jeder Trost verbraucht ist, muss man eine neue Art von Trost finden",
schrieb er 1947 in einer Reportage über das verwüstete Nachkriegsdeutschland. Nun hatte
er selbst von dieser Einsicht zu zehren. Autos, Spiel und Spannung, alte Leidenschaften
aus früherer Zeit, traten an die Stelle des Schreibens: herkömmliche Mittel der
Vertröstung also, wie sie seit je her zu "onanistischer Selbstgenügsamkeit"
dienten. Pokerkarten gehörten ebenso zu seinem Anzug wie Hemd und Hose. Und noch am Tag
vor seinem Tode hatte er die aktuellen Fussballresultate in sein Tagebuch eingetragen.
Insbesondere aber das Auto hatte es ihm angetan. Stets standen die neuesten Modelle
in seiner Garage - ungeachtet ihres Preises. Rasante Spritztouren gehörten zu Dagermans
Bedürfnis nach suspens. Wie sehr er gerade darin aufleben konnte, bezeugt eine
Begebenheit, die uns Olof Lagercrantz überlieferte: auf schneenasser Strasse kollidierten
sie einst beinahe mit einem entgegenkommenden Wagen. "Stig Dagerman wurde darob so
ausgelassen, so vergnügt, als ob ihm irgendetwas Anmutiges und Wunderbares geschehen sei.
Vorher war er mürrisch und stumm dagesessen. Aber plötzlich, wie die Katastrophe an uns
rührte, verwandelte er sich, als wenn sich zwischen seinem innern Leben und dem Unfall
eine Kongruenz aufgetan hätte, die er als etwas Befreiendes erlebte." Autofahren
also als ein Spiel mit der Gefahr, aber auch als ein Ausdruck von "männlicher
Kraft" und Sicherheit gegenüber dem fremden "Weibe".
Das Bedürfnis nach Spannung führte ihn auch ins Kino. Dagerman war ein Filmnarr, der
zuweilen täglich ins Kino ging. Mit Vorliebe schaute er sich Thriller, Filme von
Hitchcock an.
Wie in seinem Roman "Die Insel der Verdammten" schien die Endzeit, die Zeit
der Abrechnung gekommen, nur diesmal persönlicher, ihn allein betreffend. Werner
Aspenström schrieb über diese unruhige Zeit: "Ich habe nie jemanden die Post mit so
nervösen Händen öffnen sehen, als erwarte er, dass der Gott, an den er nicht glaubte,
ihm gleichwohl eines Tages einen Brief mit einer unerhörten und befreienden Botschaft
schicken würde." Vergebens. Das Leben entglitt ihm immer mehr. Die finanziellen
Angelegenheiten gerieten durcheinander. Auch seine Ehe mit der Schauspielerin Anita Björk
zerbrach. In einem nie abgeschickten Abschiedsbrief an sie finden sich die Zeilen:
"Ich bitte dich einzig mir zu glauben, wenn ich sage, dass ich alles nur tue, um dich
von einer Bürde zu befreien, die dein Leben nur beschwert und dich in deiner wunderbaren
Blütezeit erstickt haben würde. (...) Ich war nicht einen Augenblick deiner wert."
Spiel und Spannung als Flucht ins kurze Vergessen. Dagermans Einsätze stiegen
kontinuierlich, die Dosen wurden betäubender. "Ich ende, indem ich ein Sklave all
dieser Werkzeuge des Todes werde. Wie Hunde folgen sie mir, oder ich ihnen. Und ich glaube
zu verstehen, dass der Selbstmord der einzige Beweis für die Freiheit des Menschen
ist." Wie um die Grenzen seines Seins zu erproben, beging er mehrere
Selbstmordversuche - gleichsam eine Versuchsreihe -, einmal aber musste die glückliche
Rettung misslingen. Am 4. November 1954 wurde Stig Dagerman tot in seiner Garage
aufgefunden, an den Abgasen seines Wagens erstickt. Wohl hatte er noch den Automotor
abstellen können, doch die Luft war schon zu sehr mit Giften gesättigt.
Dagermans Schicksal ist bemerkenswert. Literatur war bei ihm nie blosse Attitüde, nie
Koketterie, sondern getragen von verzweifeltem Lebensernst. In ihr hat er sich verausgabt
und seine Selbstanalyse vorangetrieben. Seine Texte waren Mittel zur Errettung vor sich
selbst, zugleich immer auch beharrlicher Kampf um Bewusstheit und gegen träge Sattheit:
"Das Schlimmste am Leben ist, dass der Mensch damit zufrieden ist", heisst es in
"Gebranntes Kind". Darin liegt sein Vermächtnis des Zweifels: sich regen,
anstatt die Dinge nur beharrlich aussitzen zu wollen.
Stig Dagerman wollte leben wie die andern auch, aber er musste dieser Versuchung trotzen.
Stattdessen legte er sich schon drei Jahre vor seinem Tod die eigene Grabsteininschrift
ins Herz:
Hier ruht
ein schwedischer Schriftsteller
gefallen für das Nichts
sein Verbrechen war die Unschuld
vergesst ihn oft.
Im Jahre 1952 übrigens sah Stig Dagerman in einem Stockholmer
Kino den Film "Ein Kind töten", einen Film, den der Regisseur Gösta Werner
nach Dagermans gleichnamiger Erzählung gedreht hatte. Aufs Minutiöseste wird darin die
Entstehung eines Autounfalles geschildert. Wie gewöhnlich war Stig Dagerman mit dem Wagen
gekommen, doch wie er nach diesem Film aus dem Kino trat, liess er für einmal seinen
Wagen stehen, und er kehrte zu Fuss nach Hause zurück. Für einen Moment hatte ihm die
eigene Erzählung sein gefährliches Spiel bewusst gemacht.
Auch wenn Stig Dagerman zuletzt noch versucht hatte, sich einen triftigen "Grund
zu leben" auszudenken und an sich und seine menschliche wie künstlerische Bestimmung
zu glauben, so war dies lediglich eine Idealisierung dessen, was ihm fern und unerreichbar
erschien: eine besonders ausgefallene Form des Trostes, mehr nicht. Bereits 1948 notierte
er dazu: "Je unfreier und armseliger das Leben ist (...), desto stärker werden
unsere Vorstellungen von einem anderen Dasein, vom Leben in Freiheit und Ehre". |