Stig Dagerman (1923 - 1954)
Der untröstliche Glückssucher
von Beat Mazenauer
"Ich habe keinen Glauben und kann daher nie ein glücklicher
Mensch werden, denn ein glücklicher Mensch darf nie fürchten müssen, dass sein Leben
ein absurdes Irren auf einen gewissen Tod hin sei. Ich habe weder einen Gott geerbt noch
einen festen Punkt auf dieser Erde, von wo aus ich die Aufmerksamkeit eines Gottes auf
mich lenken könnte. Ebensowenig aber habe ich auch die wohlverhüllte Wut des Skeptikers,
die indianische Schlauheit des Rationalisten oder die brennende Unschuld des Atheisten
geerbt. Ich getraue mich daher nicht, Steine zu werfen nach ihr, die an Dinge
glaubt, die mich zweifeln machen, noch nach ihm, der einem Zweifel huldigt, als ob nicht
auch dieser von Dunkel umgeben sei. Der Stein würde mich selbst treffen - denn von einem
bin ich fest überzeugt: dass das Bedürfnis des Menschen nach Trost unersättlich ist.
Ich selbst jage nach Trost wie ein Jäger nach dem Wild."
1952 waren diese Sätze in der schwedischen Illustrierten
"Husmodern" (Die Hausfrau) zu lesen. Sie waren Teil eines ungewöhnlichen Textes
mit dem Titel "Unser Bedürfnis nach Trost ist unersättlich...", und ihr Autor
war der Dichter Stig Dagerman. Nicht Zuspruch oder Rat in Koch- und Kinderfragen erwartete
in diesem Text die LeserInnen, sondern ein philosophisches Vermächtnis. Es mag uns heute
erstaunen oder gar befremdlich anmuten, dass ein solcher Essay in einer
Hausfrauenzeitschrift publiziert werden konnte, allein bei genauerem Hinsehen erscheint er
gerade hier vortrefflich aufgehoben. Denn selten wohl ist die Lebensphilosophie eines
Dichters der undankbaren und zuweilen trostlosen Wirklichkeit der Hausfrau derart nahe
gekommen.
Wer aber verbirgt sich denn hinter diesem ungeduldigen, verzweifelten Trostsucher? Wer war
dieser Jäger nach einem Vergessen, dieser "Mann des Tageslichts", wie sein Name
übersetzt lautet, den es zeitlebens hinab drängte in die "finsterste Finsternis, wo
es kaum mehr finsterer wird"?
Von seinen Freunden und Bekannten wird Stig Dagerman als ein scheuer, unsicherer Mensch
geschildert, dem die Welt keine Heimat und die Zeit ein Gefängnis war; als ein Mensch mit
zwei Seelen in der Brust, der weder zu sich selbst noch zu seiner vielgepriesenen
Künstlerschaft kaum je echtes Vertrauen zu gewinnen vermochte. Er war ein Gefangener
seiner existentiellen Ängste und seines radikalen Zweifels. Nur wenigen Freunden wagte er
sich zu offenbaren. Fotografien von ihm zeigen ein überaus feines Antlitz mit einem
klaren, doch stets etwas abwesend wirkenden Blick, den rechten Mundwinkel meist skeptisch
hochgezogen, als spotte er über sich selbst.
Damit freilich ist nur die eine Seite charakterisiert, der eine Teil seines
widersprüchlichen Wesens. Dagerman war ein finsterer Pessimist, brennend ungeduldig,
unsicher, hart, ja oftmals geradezu selbstquälerisch, aber er war zugleich auch ein
"ganz normaler, umgänglicher Mensch", wie sich seine Frau Anita Björk
erinnert, "geistreich, lustig, liebevoll mitmenschlich" gegenüber seiner Umwelt
(Olof Lagercrantz). Sein Freund, der Dichter Werner Aspenström nennt zu seiner
Charakterisierung so widersprüchliche Eigenschaften wie "Anhänglichkeit,
Treulosigkeit, Leutseligkeit, exklusiven Individualismus, permanente Gegensätze", in
denen Dagerman unrettbar gefangen gewesen sei. Diese elende Dualität in seinem Wesen war
das Fundament für ein bemerkenswertes literarisches Schaffen, die bewegende Stärke eines
Schwachen, weil Zweifelnden.
Stig Dagerman war Schwede,ein Kind der nordischen Mittwinternacht, von Beruf Journalist
und Schriftsteller, aus Überzeugung Existentialist und Anarchosyndikalist. Sein kurzes
Leben zwischen 1923 und 1954 fiel in eine Zeit des Umbruchs und des finstern Pessimismus.
Auch im neutralen Schweden war der Krieg nicht spurlos vorübergegangen. Gefühle der
Verzweiflung und Ohnmacht griffen um sich. Insbesondere in intellektuellen, linken Kreisen
trug man schwer daran, dass Schweden während des Krieges von Nazideutschland erpresst
worden und die Befreiung Europas ohne ihr Zutun geschehen war. "Die Ideen des
Absurden und des Existentialismus schwebten wie Pollen in der Atmosphäre"
(Aspenström). Die schwedische Luft um 1945 war gleichsam imprägniert von jenem Gedanken
Strindbergs, dass die Hölle nichts sei, was uns bevorstünde - sondern das Leben hier und
jetzt, das jetzt Gegebene. Dieser Strindbergsche Gedanke hatte viele Anhänger, vor allem
unter den Dichtern und Künstlern, welche jene Pollen begierig in sich aufsogen.
Bereits 1943 hatte sich um die Zeitschrift 40-Tal ein lockerer Kreis von Dichtern
gebildet: die Fyrtiotalisten (Vierziger). Vielfach der anarchosyndikalistischen Bewegung
Schwedens nahestehend, polemisierten sie vehement gegen Anpassertum und politische
Blindheit des schwedischen Bürgertums. Mit ihren Werken suchten sie einen politischen und
sozialen Reinigungsprozess in Gang zu setzen, indem sie sich selbst und die sie umgebende
schwedische Gesellschaft schonungslos analysierten. Um zu klareren Perspektiven zu
gelangen, forderte eine ihrer geistigen Leitfiguren, der Dichter und Literaturkritiker
Karl Vennberg, die "Aufgabe des perspektivischen Mittelpunktes" zugunsten von
Parteilichkeit und kämpferischem Engagement. Dagerman war einer der glühendsten
Vertreter dieser Fyrtiotalisten.
Das Leben war für ein "absurdes Irren auf einen gewissen Tod hin", ein
amoralischer Kampf ums eigene Überleben, in dem der Mensch fortwährend Schuld auf sich
lade, wie es im Roman "Die Insel der Verdammten" heisst: "Verfluchte Welt,
in der irgend jemand, sobald man den Fuss hebt, einen Tritt bekommt und in der, wenn man
ihn niedersetzt, irgend jemand zertreten wird." Eine solche "perfekte
Frevelhaftigkeit der Welt" rief bei Dagerman nach zweierlei Haltungen hervor:
soziales Engagement und politischen Widerstand zum einen, die Suche nach einem
unheroischen, menschlichen Trost zum anderen.
Ebenso uneinheitlich wie der Mensch Dagerman präsentiert sich auch seine Philosophie.
Aus eigenem Erleben der Angst und Einsamkeit hat er einen existenzphilosophischen Gedanken
entwickelt, der in vielem den Philosophien Kierkegaards, Sartres oder Camus ähnlich sieht
- aber eben nur ähnlich! Seine Absurdität der Existenz ist keine abstrakt gedachte,
sondern eine selbst erfahrene, in seiner Kindheit und Jugend begierlich in sich
aufgesogene. Seine Auffassung von der Absurdität erinnert am ehesten an Camus und seinen
"Mythos von Sisyphos", dessen letztes Kapitel er im Oktober 1946 in der
Zeitschrift 40-Tal mit brennendem Interesse gelesen hatte. Camus' "zum Trotz"
kehrt bei ihm 1947 in seinem Roman "Die Insel der Verdammten" wieder.
Dagermans philosophischer Gedanke ist weniger rigoros und abgeschlossen als jener der
französischen Existentialisten, dafür zerbrechlicher, denn Dagerman kennt keine heroisch
ausgehaltene Trostlosigkeit, vielmehr akzeptiert er das Bedürfnis nach Trost. Dieser ist
für ihn notwendig, sei es jener falsche Trost in Form reinen Vergnügens, sei es jener
"wahre" Trost, der sich in der Bewusstheit und im Schreiben findet. Trost aber
auf jeden Fall. "Ich habe keine Philosophie, in welcher ich mich bewegen könnte wie
der Vogel in den Lüften und der Fisch im Wasser. Alles was ich besitze ist ein Zweikampf,
und in jedem Augenblick meines Lebens tobt dieser Zweikampf zwischen den falschen
Tröstungen, die sich bloss die Ohnmacht steigern und meine Verzweiflung vertiefen, und
diesen echten Tröstungen, die mich hinführen zu einer flüchtigen Befreiung"; einer
Befreiung im Wissen darum, "dass ich ein freier Mensch, ein unantastbares Individuum
bin, eine innerhalb meiner Grenzen souveräne Person".
Stig Halvard Jansson, wie sein richtiger Name lautete, kam am 5. Oktober 1923 in
Älvkarleby, einem Dorf im uppländischen Kleinbauernland, zur Welt - dem Milieu vieler
seiner Geschichten. Seine Nachbarn waren Kleinbauern, die kaum vom Ertrag ihrer
Gütchen leben konnten, Knechte und Mägde, die kaum je Hoffnung auf eine
Verheiratung hegen durften, müde, abgehärmte Landstreicher. Unter all diesen Menschen
verbrachte der junge Dagerman eine glückliche Kindheit, die einzige glückliche Zeit, wie
er später meinte. Doch schon diese Zeit hatte einen Makel, zeigte einen ersten feinen
Riss im Lebensgefüge: "Alle andern in der Welt haben Eltern. Ich habe nur
Grosseltern." Stig Dagerman hatte seine Mutter nie gesehen. Unmittelbar nach der
Geburt hatte sie sich in die Stadt davongemacht und war für den kleinen Stig zeitlebens
verschollen geblieben: lediglich Gegenstand einer ungestillten Sehnsucht. Auch seinen
Vater kannte er vorerst nicht, er lebte fernab in der Hauptstadt.
Doch die glückliche, noch unbeschwerte Kindheit auf dem Lande fand bald ihr Ende. Der
Bildung auf einem Gymnasium hatte er sein Landleben zu opfern. Er musste in die Stadt,
Stockholm, umziehen, zu seinem Vater. Eindrücklicher noch wurde der Verlust seiner
glücklichen Kindheit durch ein anderes Geschehen markiert: seine frühe Konfrontation mit
dem Tode. 1940 stach ein Wahnsinniger den von ihm verehrten Grossvater nieder. Und zwei
Jahre später starb einer seiner Freunde, als er während der gemeinsamen Winterferien in
eine Lawine geriet. Stig Dagerman glaubte sich mitschuldig am Tode dieser beiden Menschen.
Er fühlte sich verantwortlich, dass "so viele in meiner Nähe unglücklich werden
oder getötet". Er versuchte sich darüber hinwegzutrösten und entdeckte das
Schreiben. Aus dem Schmerz wurde ein neues Verlangen geboren, nämlich "Dichter zu
werden, das heisst, aussprechen zu können, was es bedeutet: zu trauern, geliebt worden zu
sein, einsam zu werden." Schreiben also als Trost. In "Unser Bedürfnis nach
Trost ist unersättlich..." heisst es dazu:
"Ich kann alle meine weissen Blättern mit den schönsten
Wortkombinationen füllen, die sich in meinem Hirn entzünden. Da es mich doch nach einer
Bestätigung sehnt, dass mein Leben nicht sinnlos sei, und ich nicht allein auf der Erde,
sammle ich Worte zu einem Buch und schenke es der Welt. Zum Lohn dafür schenkt mir die
Welt Geld und Ruhm und Schweigen, aber was frage ich nach Geld, und was frage ich nach
meinem Beitrag zum literarischen Fortschritt - ich frage einzig nach dem, was ich nie
erlangen werde: nach einer Bestätigung dafür, dass meine Worte ans Herz der Welt
gerührt haben. Was bleibt mein Talent da anderes als ein Trost dafür, dass ich allein
bin - doch welch fürchterlicher Trost, der mich nur die Einsamkeit in fünffacher
Heftigkeit erleben macht!"
"Im besten Falle habe ich gedichtet, um etwas Befreiung von
mir selbst zu gewinnen", schrieb Dagerman 1952, und seine beste Erzählung sei jene
gewesen, "die während des Schreibens mich selbst am meisten vergessen machte".
Jener Trost also, der im Schreiben innewohnte, war ihm mehr als nur blosse Flucht aus der
Einsamkeit. Schreiben bedeutete für Stig Dagerman ganz wesentlich Distanz zu gewinnen,
Distanz zu seiner Weltanschauung, seinen Schuldgefühlen, vor allem jedoch Distanz zur
Rigorosität sich selbst gegenüber, zu seiner "teuflischen Krankheit, die sich in
einem ewigen Hass gegen mich selbst äussert". Im Schreiben konnte Dagerman vergessen
und sich aus dem Gefühl der Ohnmacht in die unvoreingenommene Schau des Lebens retten, in
die Analyse der Ohnmacht der andern. Schreibend ersetzte er die Selbstpeinigung durch
Barmherzigkeit und Liebenswürdigkeit. Immer wieder versuchte er so auszubrechen aus
seinem Gefühl des Bedrängtseins in eine analytische Schilderung der konkreten Gegenwart,
der materiellen und psychischen Nöte der Aussenseiter und Unterdrückten, der verlassenen
Mütter und einsamen Kinder.
In der mitleidsvollen Schilderung dieser Menschen erbarmte er sich für einen Moment
auch seiner selbst. Noch im literarischen Schaffensprozess jedoch offenbart sich die
Selbstpeinigung. In seinen Erinnerungen berichtet Werner Aspenström über die Entstehung
des Romans "Die Insel der Verdammten" im Sommer 1946: Dagerman weilte auf der
Schäreninsel Kymmendö in der Nähe von Stockholm. Die Arbeit am Roman wollte nicht recht
vorankommen. "Eines Tages verschwand Dagerman und kam am nächsten wieder, bleich,
schlaff, in sich hineinlächelnd, nachdem er in einer 14stündigen Sitzung den letzten
Teil seines Romans in einem Zug vollendet hatte, ohne Schlaf und wahrscheinlich auch ohne
Essen; gedruckt mussten es mindestens 60 Seiten gewesen sein. Als wir uns begegneten,
bemerkte er nur: 'Man braucht nicht zu ruhen'." Dieser Schaffensweise gleichen seine
Texte: hektisch, sprühend, rauschhaft, unter grosser Anspannung hingeworfen, von Angst
erfüllt, ohne jedoch an Präzision zu verlieren. Wie Lothar Baier 1986 in einer Rezension
zum Roman "Die Schlange" äusserte, hatte ein solches Schreiben |