Viel befreiter wirkt dagegen "Babylon". Crevel schrieb damit ein ungeheuer
frisches Buch, ein poetisches Feuerwerk, das voll anarchischem Witz, befreiter
Sinnlichkeit, schillerndem Pathos und raffinierten Bildern steckt: das reinste Kunstwerk
surrealistischer Prosa. Das Fundament des Geschehens ist noch realistisch geschildert, auf
ihm bauen die Phantasiefluchten des "Mädchens, das zur Frau wird" auf und
führen wieder dorthin zurück.
In "Babylon" zeichnet Crevel ein lästerliches Porträt des Bürgertums. Sein
sündiger Alptraum ist Babylon, der Sündenpfuhl. Crevel setzt Babylon als Gegenbild, das
für Freiheit, Sinnlichkeit und Natur steht. Seine Repräsentanten sind die
"Neger", die sich nicht ins Tugendkorsett der Kultur zwängen lassen. Ihnen
stehen ein zwergiger Missionar und der positivistische Grossvater gegenüber, der mit
seiner kruden Theorie vom "Pilzverhalten", "das der vernünftigen Gründe
entbehrt wie die Pilze der Wurzeln", die Sünde aus einem "exorbitanten
Freiheitsbegriff" herzuleiten versucht. Träumend macht sich das Mädchen ein wahres
Bild von diesem Babylon, und wie seine jüngere Schwester Zazie durchschaut es die
Unehrlichkeit und Durchtriebenheit der Erwachsenen: "ein junges Leben schwört schon,
sich nie mit den alten Übereinkünften und Gesten, mit den verstaubten Geschichten
abzufinden, von denen die 'Erwachsenen' leben." Seine Träume sind eine Fluchtburg
und ein elementarer Triumph über das verstaubte "Reich der Erinnerun-gen", mit
denen Mme Dumont-Dufour ihren Sohn drangsalierte.
Allein, "was vermag die Heuchelei gegen das wild gewachsene Rebellentum!".
Die bürgerliche Tugend widersteht dem sündigen Zauber nicht länger und verfällt
Babylon mit Haut und Haar. Im Sündenpfuhl Marseille, der "Stadt aus Fleisch",
lassen die Frauen ihre Keuschheit fallen und verwandeln sich in wilde, groteske
Nymphomaninnen. Die Männer bewahren ihre ewige Stur- und Unbedeutendheit. Nur das
Mädchen bleibt sich treu und träumt. Mit einem Gran irrlichternder Hoffnung schliesst
der Roman: "Eine Frau, eine Stadt kämpfen gegen die Gleichgültigkeit."
Ähnlich offen präsentiert sich auch der Schluss des nächsten Romans: "Seid ihr
verrückt? Sonst...". Die "erschreckte Frage" (Mann) ist Anstoss und
Provokation eines gewissen Crevel, der auf der Suche nach der verlorenen Identität
persönlich auftritt. Es handelt sich aber nicht mehr um den komplexbeladenen, sondern um
einen körperlich angeschlagenen Crevel, dessen Selbstvertrauen lädiert, doch nicht
gebrochen ist. Er zeichnet von sich als identitätslosem "Seelenweh" das Bild
eines Hanswursts in der spätbürgerlichen Gesellschaft, eines Narren unter
seinesgleichen.
Im Unterschied zu den vorangegangenen Romanen fungieren hier traumlogisch wuchernde
Phantasien und ungreifbare Visionen als expositorisches Fundament, das selbst realistisch
geschilderte Passagen nicht mehr zu sicherm Stand kommen lässt, analog zur schwankenden
Identität des Helden Crevel-Seelenweh. Alles erscheint in "Seid ihr verrückt?"
hypertroph, unlogisch, absurd. Die Fülle von kuriosen Geschichten, extravaganten
Metaphern und mysteriösen Metamorphosen lässt keine ordentliche Inhaltsangabe mehr zu.
Ist die Wirklichkeit Traum, oder der Traum Wirklichkeit? Es bleibt offen - immerhin
obsiegt die Wirklichkeit insofern, als die völlige Auflösung des Erzähler-Ichs in den
Traum nicht gelingt. "Ach du weisst nur zu gut, elende Kreatur, dass deine physische
Person schwieriger als andere Objekte zu vergessen ist, zu verbergen ist." Kein
psychischer Automatismus kann den Triumph des physischen Organismus über die Allmacht der
Träume letztlich brechen.
Nebst der Selbstfindung des leidenden Crevel als Dichter drückt diesem Buch eine
polemische Kritik an der Psychoanalyse und am Sexualinstitut des Dr. Optimus Hirsch-Mayer
den Stempel auf. Wollte Crevel das Engagement von Magnus Hirschfeld (er ist gemeint) gegen
den Schwulenparagraphen verhöhnen? Wohl kaum. Zielscheibe seiner Kritik sind die
"Räderwerke von Sinnlichkeitsmaschinerien", die gedankenlose Sexualkultur.
Privat und in den Romanen verhehlte er seine Homosexualität nie, doch ist sie nichts, was
Crevel kultivieren mochte. Er bestand auf einem strikten Dualismus von Natur und Kultur,
weshalb die Akkulturierung der Sexualität in Form von Verwissenschaftlichung oder
Geschlechtsumwandlungen skeptisch stimmte. Seinen Spott erntet, wer sich ihrer schuldig
macht. Der Naturzustand genügt sich selbst, das bedeutete bereits die Idealisierung des
Schwarzen in "Babylon". Dies gilt auch für die Literatur. So gesehen ist die
automatische Schreibweise eine Kultivierung von ursprünglichen Emotionen und Energien -
also unnötig und lächerlich.
Und nicht ungeschoren kommt dabei auch die "Dame Psychologie, die aufgeplusterte
Gans" weg. Crevel vermag nichts anzufangen mit dem starren Diagnosemuster der
Psychoanalyse, dem Ödipus-Komplex. In "Seid ihr verrückt?" richtet sich sein
Haupteinwand, sehr modern, gegen ihren Individualismus. Zum einen sind ihm die
persönlichen Komplexe "zu wertvoll, als dass ich akzeptieren würde, jemals von
ihnen befreit zu werden". Wichtiger aber, was nützt es, den Einzelnen gesund zu
kurieren, wenn die Welt verrückt spielt: "man müsste damit beginnen, den Tempel
selbst, den Palast der Qualen ... zu schleifen." Hier ist erkennbar, wie sich Crevels
Interesse kontinuierlich zu einer Verbindung von psychologischer und soziologischer
Analyse hin verlagert. Eine gute Kenntnis der Schriften von Marx und Engels kam ihm dabei
sehr zustatten.
Crevel lachte überhaupt über alle "Phantomschiffe der Religionen",
obskuranten Wunderglauben und philosophischen Quacksalbereien, welche die
widersprüchliche Welt mit Heilsbotschaften erklären wollen. Dies weist voraus auf
"Les pieds dans le plat" und vor allem auf die surrealistische Reflexion über
den Surrealismus "Le Clavecin de Diderot"(1932). Crevel setzt sich darin
kritisch mit dessen Verbindungslinien zu Wissenschaft, Religion, Psychoanalyse und
Marxismus auseinander. Besonders streicht er eine zentrale Qualität des Surrealismus
heraus: "Weder der Traum der Aktion, noch die Aktion dem Traum opfern ... Er hat die
dialektische Fähigkeit auf deren Synthese hinzuarbeiten". Dezidiert bekundet Crevel
damit auch seine Skepsis gegenüber der poetischen Neutralität, die "das
Nicht-Tolerierbare toleriere", mithin gegenüber Bretons Zögern, Reden und Handeln
in Übereinstimmung zu bringen. Dessen Surrealismus-Definition gewichtet er eigenmächtig,
er liest sie "nicht als Konklusion, sondern als Signal zum Aufbruch", zu
politischen Ufern.
Nach "Seid ihr verrückt?" betätigte sich Crevel vermehrt politisch, er
wurde Mitglied in der KPF und nutzte sein rhetorisches Talent vor Arbeiterversammlungen,
bis er am 20. Juni 1935, am Vorabend der Eröffnung des "Internationalen Kongresses
zur Verteidigung der Kultur" in Paris, in dessen Initiativkomitee Crevel aktiv war,
überraschend Selbstmord verübte. Seine Hinter-lassenschaft bestand in der lakonischen
Notiz: "Je suis dégoûte de tout". Die politischen Querelen zwischen
Surrealisten und KP, zwischen Breton und Ehrenburg, aber auch die unerträglich gewordene
Krankheit, die ihm nurmehr wenige Monate zu leben gab, hatten ihn an einen toten Punkt
geführt.
René Crevel ist ein faszinierender Dichter, dessen Ausstrahlungskraft von seiner
Verletzlichkeit ausgeht. Die Provokation bürgerlicher Gefühle und Gewohnheiten verliert
bei ihm den spielerischen Charakter und jegliche bohémienhafte Gemütlichkeit und
O-Wunder-Attitüde. Ungeheissen antwortet sein Romanwerk auf Benjamins Kritik am
literarischen Surrealismus: "Es bringt uns nämlich nicht weiter, die rätselhafte
Seite am Rätselhaften pathetisch oder fanatisch zu unterstreichen; vielmehr durchdringen
wir das Geheimnis nur in dem Grade, als wir es im Alltäglichen wiederfinden, kraft einer
dialektischen Optik, die das Alltägliche als undurchdringlich, das Undurchdringliche als
alltäglich erkennt." Crevel stellte gewissermassen den Surrealismus wieder auf die
Beine ohne seinen Kopf zu verlieren, indem er nicht einem esoterischen Wunderreich
nachträumte, nicht einem künstlerisch verfeinerten, sublim(iert)en Wahnsinn sondern der
realen Alptraumlogik, dem wirklichen Wahnsinn, seiner selbsterlebten Angst vor einem
Identitätsverlust nachforschte. Crevel stellte das Unbewusste in den Zusammenhang des
Bewusstseins, bei ihm ist der Traum "ans Konstruktive" (Benjamin) gebunden.
Zudem erkannte Crevel den dünkelhaften Elitarismus der Surrealisten. Dies forderte ihn
zur Kritik heraus, machte ihn zum Narren im Gefolge des Strategen Breton.
Crevels eigener Stil ist das äusserliche Signet für eine Haltung, die von Aufbegehren
und antibürgerlichem Impetus ebenso wie von Nachdenklichkeit, Skepsis und Ängsten zeugt.
Er war ein "Narziss am kümmerlichen Rinnsal" (Crevel über sich), dem es an
Spiegeln zur blendenden Selbstbespiegelung gebrach. Zuguterletzt aber hat er sich trotz
allem den Glauben an die Utopie nicht ganz wegstehlen lassen. In den Worten Manns:
"Ach, dieser Dichter, der sich wie ein Clown benimmt, hat tief geblickt, und er kam
zu grausamen Resultaten ...- was bleibt als Frage, als Verzweiflungsschrei, als
Liebeserklärung an das unerklärliche Leben? 'Seid ihr toll?'"