......................................................................


René Crevel (1900 - 1935)
Der Narr am Hofe des Herrn Breton

 

Viel befreiter wirkt dagegen "Babylon". Crevel schrieb damit ein ungeheuer frisches Buch, ein poetisches Feuerwerk, das voll anarchischem Witz, befreiter Sinnlichkeit, schillerndem Pathos und raffinierten Bildern steckt: das reinste Kunstwerk surrealistischer Prosa. Das Fundament des Geschehens ist noch realistisch geschildert, auf ihm bauen die Phantasiefluchten des "Mädchens, das zur Frau wird" auf und führen wieder dorthin zurück.

In "Babylon" zeichnet Crevel ein lästerliches Porträt des Bürgertums. Sein sündiger Alptraum ist Babylon, der Sündenpfuhl. Crevel setzt Babylon als Gegenbild, das für Freiheit, Sinnlichkeit und Natur steht. Seine Repräsentanten sind die "Neger", die sich nicht ins Tugendkorsett der Kultur zwängen lassen. Ihnen stehen ein zwergiger Missionar und der positivistische Grossvater gegenüber, der mit seiner kruden Theorie vom "Pilzverhalten", "das der vernünftigen Gründe entbehrt wie die Pilze der Wurzeln", die Sünde aus einem "exorbitanten Freiheitsbegriff" herzuleiten versucht. Träumend macht sich das Mädchen ein wahres Bild von diesem Babylon, und wie seine jüngere Schwester Zazie durchschaut es die Unehrlichkeit und Durchtriebenheit der Erwachsenen: "ein junges Leben schwört schon, sich nie mit den alten Übereinkünften und Gesten, mit den verstaubten Geschichten abzufinden, von denen die 'Erwachsenen' leben." Seine Träume sind eine Fluchtburg und ein elementarer Triumph über das verstaubte "Reich der Erinnerun-gen", mit denen Mme Dumont-Dufour ihren Sohn drangsalierte.

Allein, "was vermag die Heuchelei gegen das wild gewachsene Rebellentum!". Die bürgerliche Tugend widersteht dem sündigen Zauber nicht länger und verfällt Babylon mit Haut und Haar. Im Sündenpfuhl Marseille, der "Stadt aus Fleisch", lassen die Frauen ihre Keuschheit fallen und verwandeln sich in wilde, groteske Nymphomaninnen. Die Männer bewahren ihre ewige Stur- und Unbedeutendheit. Nur das Mädchen bleibt sich treu und träumt. Mit einem Gran irrlichternder Hoffnung schliesst der Roman: "Eine Frau, eine Stadt kämpfen gegen die Gleichgültigkeit."

Ähnlich offen präsentiert sich auch der Schluss des nächsten Romans: "Seid ihr verrückt? Sonst...". Die "erschreckte Frage" (Mann) ist Anstoss und Provokation eines gewissen Crevel, der auf der Suche nach der verlorenen Identität persönlich auftritt. Es handelt sich aber nicht mehr um den komplexbeladenen, sondern um einen körperlich angeschlagenen Crevel, dessen Selbstvertrauen lädiert, doch nicht gebrochen ist. Er zeichnet von sich als identitätslosem "Seelenweh" das Bild eines Hanswursts in der spätbürgerlichen Gesellschaft, eines Narren unter seinesgleichen.

Im Unterschied zu den vorangegangenen Romanen fungieren hier traumlogisch wuchernde Phantasien und ungreifbare Visionen als expositorisches Fundament, das selbst realistisch geschilderte Passagen nicht mehr zu sicherm Stand kommen lässt, analog zur schwankenden Identität des Helden Crevel-Seelenweh. Alles erscheint in "Seid ihr verrückt?" hypertroph, unlogisch, absurd. Die Fülle von kuriosen Geschichten, extravaganten Metaphern und mysteriösen Metamorphosen lässt keine ordentliche Inhaltsangabe mehr zu. Ist die Wirklichkeit Traum, oder der Traum Wirklichkeit? Es bleibt offen - immerhin obsiegt die Wirklichkeit insofern, als die völlige Auflösung des Erzähler-Ichs in den Traum nicht gelingt. "Ach du weisst nur zu gut, elende Kreatur, dass deine physische Person schwieriger als andere Objekte zu vergessen ist, zu verbergen ist." Kein psychischer Automatismus kann den Triumph des physischen Organismus über die Allmacht der Träume letztlich brechen.

Nebst der Selbstfindung des leidenden Crevel als Dichter drückt diesem Buch eine polemische Kritik an der Psychoanalyse und am Sexualinstitut des Dr. Optimus Hirsch-Mayer den Stempel auf. Wollte Crevel das Engagement von Magnus Hirschfeld (er ist gemeint) gegen den Schwulenparagraphen verhöhnen? Wohl kaum. Zielscheibe seiner Kritik sind die "Räderwerke von Sinnlichkeitsmaschinerien", die gedankenlose Sexualkultur. Privat und in den Romanen verhehlte er seine Homosexualität nie, doch ist sie nichts, was Crevel kultivieren mochte. Er bestand auf einem strikten Dualismus von Natur und Kultur, weshalb die Akkulturierung der Sexualität in Form von Verwissenschaftlichung oder Geschlechtsumwandlungen skeptisch stimmte. Seinen Spott erntet, wer sich ihrer schuldig macht. Der Naturzustand genügt sich selbst, das bedeutete bereits die Idealisierung des Schwarzen in "Babylon". Dies gilt auch für die Literatur. So gesehen ist die automatische Schreibweise eine Kultivierung von ursprünglichen Emotionen und Energien - also unnötig und lächerlich.

Und nicht ungeschoren kommt dabei auch die "Dame Psychologie, die aufgeplusterte Gans" weg. Crevel vermag nichts anzufangen mit dem starren Diagnosemuster der Psychoanalyse, dem Ödipus-Komplex. In "Seid ihr verrückt?" richtet sich sein Haupteinwand, sehr modern, gegen ihren Individualismus. Zum einen sind ihm die persönlichen Komplexe "zu wertvoll, als dass ich akzeptieren würde, jemals von ihnen befreit zu werden". Wichtiger aber, was nützt es, den Einzelnen gesund zu kurieren, wenn die Welt verrückt spielt: "man müsste damit beginnen, den Tempel selbst, den Palast der Qualen ... zu schleifen." Hier ist erkennbar, wie sich Crevels Interesse kontinuierlich zu einer Verbindung von psychologischer und soziologischer Analyse hin verlagert. Eine gute Kenntnis der Schriften von Marx und Engels kam ihm dabei sehr zustatten.

Crevel lachte überhaupt über alle "Phantomschiffe der Religionen", obskuranten Wunderglauben und philosophischen Quacksalbereien, welche die widersprüchliche Welt mit Heilsbotschaften erklären wollen. Dies weist voraus auf "Les pieds dans le plat" und vor allem auf die surrealistische Reflexion über den Surrealismus "Le Clavecin de Diderot"(1932). Crevel setzt sich darin kritisch mit dessen Verbindungslinien zu Wissenschaft, Religion, Psychoanalyse und Marxismus auseinander. Besonders streicht er eine zentrale Qualität des Surrealismus heraus: "Weder der Traum der Aktion, noch die Aktion dem Traum opfern ... Er hat die dialektische Fähigkeit auf deren Synthese hinzuarbeiten". Dezidiert bekundet Crevel damit auch seine Skepsis gegenüber der poetischen Neutralität, die "das Nicht-Tolerierbare toleriere", mithin gegenüber Bretons Zögern, Reden und Handeln in Übereinstimmung zu bringen. Dessen Surrealismus-Definition gewichtet er eigenmächtig, er liest sie "nicht als Konklusion, sondern als Signal zum Aufbruch", zu politischen Ufern.

Nach "Seid ihr verrückt?" betätigte sich Crevel vermehrt politisch, er wurde Mitglied in der KPF und nutzte sein rhetorisches Talent vor Arbeiterversammlungen, bis er am 20. Juni 1935, am Vorabend der Eröffnung des "Internationalen Kongresses zur Verteidigung der Kultur" in Paris, in dessen Initiativkomitee Crevel aktiv war, überraschend Selbstmord verübte. Seine Hinter-lassenschaft bestand in der lakonischen Notiz: "Je suis dégoûte de tout". Die politischen Querelen zwischen Surrealisten und KP, zwischen Breton und Ehrenburg, aber auch die unerträglich gewordene Krankheit, die ihm nurmehr wenige Monate zu leben gab, hatten ihn an einen toten Punkt geführt.

René Crevel ist ein faszinierender Dichter, dessen Ausstrahlungskraft von seiner Verletzlichkeit ausgeht. Die Provokation bürgerlicher Gefühle und Gewohnheiten verliert bei ihm den spielerischen Charakter und jegliche bohémienhafte Gemütlichkeit und O-Wunder-Attitüde. Ungeheissen antwortet sein Romanwerk auf Benjamins Kritik am literarischen Surrealismus: "Es bringt uns nämlich nicht weiter, die rätselhafte Seite am Rätselhaften pathetisch oder fanatisch zu unterstreichen; vielmehr durchdringen wir das Geheimnis nur in dem Grade, als wir es im Alltäglichen wiederfinden, kraft einer dialektischen Optik, die das Alltägliche als undurchdringlich, das Undurchdringliche als alltäglich erkennt." Crevel stellte gewissermassen den Surrealismus wieder auf die Beine ohne seinen Kopf zu verlieren, indem er nicht einem esoterischen Wunderreich nachträumte, nicht einem künstlerisch verfeinerten, sublim(iert)en Wahnsinn sondern der realen Alptraumlogik, dem wirklichen Wahnsinn, seiner selbsterlebten Angst vor einem Identitätsverlust nachforschte. Crevel stellte das Unbewusste in den Zusammenhang des Bewusstseins, bei ihm ist der Traum "ans Konstruktive" (Benjamin) gebunden. Zudem erkannte Crevel den dünkelhaften Elitarismus der Surrealisten. Dies forderte ihn zur Kritik heraus, machte ihn zum Narren im Gefolge des Strategen Breton.

Crevels eigener Stil ist das äusserliche Signet für eine Haltung, die von Aufbegehren und antibürgerlichem Impetus ebenso wie von Nachdenklichkeit, Skepsis und Ängsten zeugt. Er war ein "Narziss am kümmerlichen Rinnsal" (Crevel über sich), dem es an Spiegeln zur blendenden Selbstbespiegelung gebrach. Zuguterletzt aber hat er sich trotz allem den Glauben an die Utopie nicht ganz wegstehlen lassen. In den Worten Manns: "Ach, dieser Dichter, der sich wie ein Clown benimmt, hat tief geblickt, und er kam zu grausamen Resultaten ...- was bleibt als Frage, als Verzweiflungsschrei, als Liebeserklärung an das unerklärliche Leben? 'Seid ihr toll?'"