<Pierre Henri> CAMI
(1884-1958)
Der grösste Humorist in the World
von Beat Mazenauer
Cami - nie gehört!
Selbst in seiner französischen Heimat ist der schwarze Humorist Pierre Henri Cami noch
immer (zu) wenig beachtet, obgleich in den letzten zwei Dekaden einige seiner gut 40
Bücher neu aufgelegt worden und zahlreiche Schriftsteller und Zeichner ihn für sich
entdeckt haben. Lieferbar aber sind heute nurmehr zwei Bücher: die erste Sammlung
camischer Kurzstücke "Pour lire sous la douche" sowie eine Auswahl unter dem
Titel "Drames de la vie courante".
Mag es sich damit wie auch immer verhalten und mochte auch André Breton aus Kleinmut
oder Ranküne keine Cami-Stücke in seine Sammlung über den schwarzen Humor aufnehmen:
Cami bleibt eine absolute Trouvaille für alle Freunde der absurden Komik und des
schwarzen Humors. Der Lyriker Jacques Prévert meinte, dass seine dialogischen Skizzen von
"einer Logik, die unerbittlich und simpel ist wie ein Piano-Ei im Hirn eines
Huhns".
Freilich rührt Camis Unbe- bzw. Verkanntheit erst seit den Vierziger Jahren her.
Nachdem er sich nach der dt. Okkupation aus Paris in seine Heimatstadt Pau und ins
Schweigen abgesetzt hatte, fand er zwar nach Paris, nicht aber aus dem Schweigen mehr an
die Öffentlichkeit zurück - trotz aller seiner Bemühungen. Ohne sichtlichen Erfolg
schrieb er bis ins hohe Alter seine launigen Geschichten. Ganz anders aber vor dem Krieg:
Zwischen 1910 und 1940 genoss Cami eine ungeheure Popularität und Wertschätzung, der
sich insbesondere auch Charles Chaplin anschloss.
Ihr Zusammentreffen stand unter einem besonderen Stern. Cami, ein Liebhaber der
Charlot-Figur, schrieb 1917 für eine Revue namens La Baçonnette den patriotisch
angehauchten Text Charlot correspondant de guerre. Als Widmung schrieb er darüber "A
Charlie Chaplin. A Charlot, Imperator des Kinos. Sein Bewunderer und Freund, Cami".
Unsicher ist, ob Cami zu der Zeit bereits mit Chaplin korrespondiert hat (in welcher
Sprache?), auf jeden Fall schien die Widmung den grossen Chaplin derart zu freuen, dass er
anlässlich seiner Paris-Reise 1921 vor allem den kleinen Camiker zu treffen hoffte.
"M. Cami seul", soll sein Sekretär vor der drängenden Journalistenschar gesagt
haben, wie der Gesuchte selbst berichtet. Erstaunlicherweise deckt sich freilich sein
Bericht von diesem Zusammentreffen weitgehend mit jenem, den Chaplin in My Wonderful Visit
(?) gegeben hat:
"Ein Journalist fragt mich (im Claridge), was ich von Paris
denke. Ich antworte, dass ich noch nie in meinem Leben so viele Franzosen gesehen hätte!
und dass ich Cami zu treffen hoffte, den berühmten Karikaturisten, mit dem zusammen ich
seit mehreren Jahren korrespondiere. Er schickte mir mehrere Zeichnungen und ich schickte
ihm Photos meiner Filme. Wir waren Freunde geworden und ich musste ihn treffen. Er ist
hier, ich sehe ihn... Er kommt auf mich zu, wir lächeln beide und fallen und einander in
die Arme.
- Cami!
- Charlot!
Wir begrüssen uns gegenseitig aus vollstem Herzen, aber dann spüre ich auf einmal, dass
irgendwas nicht rund läuft. Cami ist daran, in schwindelerregender Geschwindigkeit
französisch zu parlieren. Ich spüre mich erbleichen, dann von einer Inspiration gepackt,
mache ich mich daran, meinerseits in vollem Tempo englisch zu reden. Wir sprechen beide
zugleich und kommen sichtlich zu nichts. Dann versuche ich langsamer zu reden, so langsam
wie möglich: 'Verstehen Sie englisch?'
Und wir beide realisieren zugleich, dass unsere Unterredung ohne Hoffnung ist, angesichts
der Unmöglichkeit einer Verständigung. Wir sind traurig, doch wir lächeln über die
Absurdität der Situation. Er bleibt gleichwohl Cami, ich bleibe gleichwohl Charlot und
wir werden versuchen, gemeinsam einen guten Moment zu verbringen... Wir dinierten, dann
gingen wir in die Folies-Bergère. Paris erschien mir weniger leicht, weniger brillant als
ich mir vorgestellt hatte..."
Chaplin erachtete Cami für den grössten humoristischen
Schriftsteller, eine gute Auszeichnung von einem, der es wissen muss. Danebst verbanden
Cami auch Freundschaften mit Dichtern aus dem Umkreis der Surrealisten: Jacques Prévert,
Jean Cassou, Benjamin Péret und vor allem mit Max Jacob. Jean Cassou z. B. schrieb:
"Cami - und darin ist es Max Jacob, dem er sich auf jeden
Fall annähert - hat dazu aufgefordert, sich mit einer unerbittlichen Logik die Worte
unserer alltäglichen Sprache zu demaskieren und, indem ihre ernsten Gesichter kombiniert
werden, zu den unvorhersehbarsten Bildern und Dramen zusammenzustellen. Anderseits - und
hier geht er im Gleichschritt mit Ramon Gomez de la Serna oder Charlot - liegt es an der
Kennzeichnung der Dinge selbst, die ihn beschäftigen, und an den Objekten, die ihn
umgeben, und mit welchen wir uns vertraut glauben. Objekte und Worte, er demontiert diese
ganze Maschinerie und zeigt, zu welch enormen und monströsen Kapricen diese schlecht
gebändigte Wilde fähig ist, seitdem die groáen Personen, die wir zu sein uns einbilden,
den Rcken gekehrt haben..." (1929)
Und von Jacques Prévert ist zu Cami überliefert:
"Zwischen der tragischen Maske, der komödiantischen Maske
und jener der Schwangerschaft, gilt es die Geringste zu wählen: dies ist, was Cami
perfekt begriffen hat, wenn er seine wunderbaren Geschichten zum Aufrecht-Schlafen
schreibt, die sich den Geschichten zum Liegend-Schlafen (...) entgegenstellen lassen, mit
welchen man noch heute in den mehrbessern Häusern die unglücklichen Kinder
einschläfert. (...) Nichts Vergleichbares [d. h. mit der Langeweile didaktischer
Geschichten weder in Tausendundein Nacht noch bei Alice im Wunderland oder Gulliver, und
auch] in den Geschichten von Cami, worin ganz und gar unerwartete Personen nach ihrem
Gutdünken auftauchen und ihr kurzes Schicksal aushalten mit einer Logik, die unerbittlich
und simpel ist wie ein Piano-Ei im Hirn eines Huhns. Seit mehr als 15 Jahren übrigens
kennen und schätzen ungezählte Leser die Werke von Cami, die für die ganze Welt
geschrieben und in Le Petit Corbeillard Illustré [Das kleine Sargmagazin], Le Rire,
Le Petit Parisien publiziert und später in Büchern gesammelt worden sind. (...) Dieses
Defilé macht sie [Camis skurrile Figuren] lachen, sie machen darauf einen Knopf in ihr
Taschentuch, um sich daran zu erinnern, dass sie ihr Gedächtnis verloren haben, und
verschwinden in dem der andern. Wo sie bleiben und wohin sie weggehen, man muss an sie
denken, wie sie den Märzhasen [aus Carrolls Alice in Wonderland] imitieren,
der die Uhr nimmt, sie traurig prüft, dann in die Teetasse taucht und sie von neuem
betrachtet..."
Zum Abschluss eine jüngere Stimme, jene des Cami-Verehrers und
Meisters des schwarzen Humors Roland Topor, der Cami mit Raymond Roussel vergleicht und
ihn bezüglich seines Humors in die illustere Reihe von "Méliès und dem Zöllner
Rous Chaval" und anderen stellt.
"Es sind Werke, worin die Worte Gesetzeskraft haben. Anstatt
dasss sie Material im Dienst des Gedankens sind, sind sie zu Realitäten einer andern Welt
geworden, jener der so mächtigen SCHRIFT. (...) Die Unwürdigkeit, die auf Cami lastet,
rührt von seiner Kardinalsünde her: seiner komischen Kraft. Cami ist drollig, denn er
ist nicht ernsthaft. Nicht ernsthaft gesteht man ihm aber keinerlei Gewicht zu. Wenn
André Breton ihn in seine Anthologie des schwarzen Humors aufgenommen hätte, sein
posthumer Ruhm wäre gewiss ein anderer.
Ist es zu bedauern?
Dieser Ausschluss aus dem Trupp der guten Schüler hat Cami seine ganze Frische bewahrt.
Seine verheerende Macht ist intakt."
Breton und die seinen haben Cami also mit Missachtung gestraft,
vermutlich wegen seines schnellen und frühen (Lach- und Publikums-)Erfolgs sowie seines
launigen Humors, in dem sie ein Indiz dafür zu erkennen glaubten, dass Cami erstens
verbürgerlicht und zweitens nicht ernst zu nehmen sei. Zu Unrecht und wider die eigene
Logik war von dieser Seite kaum mehr als ein säuerliches Lächeln zu erwarten.
Camis Werdegang beginnt 1910 mit ersten Texten, von denen er in der Folge Hunderte
schreibt: Chansons, Librettos, Dramen, Erzählungen, Romane, dazu kommen noch Karikaturen,
denen häufig eine Unterzeile beigegeben ist. Cami hat schnell Erfolg. 1910 gründet er
mit Freunden "Das kleine Sargmagazin", einer ganz und gar schwarzhumorigen
Zeitschrift, die wegen der lästerlichen Art nur sieben Mal erscheinen konnte. Dies ist
das Fundament: zahlreiche Zeitschriften queren seinen Weg, humorige und ernsthafte. 1913
entsteht das erste Buch, Pour lire sous la douche, eine Sammlung kurzer Dramen; weitere
Bücher folgen, doch können sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass von den insgesamt
über 40 Bänden gar nicht alle erscheinen und noch weniger heute greifbar sind. Von den
zahllosen Buchankndigungen, die bereits im Kopf von Cami gescheitert sind, ganz zu
schweigen.
Der Erfolg brach mit dem zweiten Weltkrieg ab; Cami zog sich nach Pau und ins Schweigen
zurück; daraus ist er kaum mehr aufgetaucht. 1953 erhält er noch den Grand Prix de
L'Humour international. Zusehends kränklicher werdend, schreibt Cami bis zuletzt. 1958
verstirbt er in Paris.
Gewiss, innerhalb dieser ungeheuren Produktion ist nicht alles gelungen und wert, dass
es neu aufgelegt wird. Vieles aber bleibt, und was es auszeichnet, ist sein phantastischer
und spielerischer Humor. Obige Stimmen vermitteln einen Eindruck davon. Ausführlich mit
Cami beschäftigt sich seit Jahrzehnten Michel Laclos, sein rühriger Herausgeber. Wert,
dass es überlebt, sind für ihn vor allem die "Fantaisies":
"dialogisierte Erzählungen, in Akte zerschnitten, in denen das erfinderische
Genie Camis, sein verblüffendes Geschick, das Narrenlachen auszulösen, sich
manifestiert".
"Bei Cami wie bei Gottvater, dessen Memoiren er schreibt, wird das Wort Fleisch:
'Du bist Pierre und auf diesen pierre baue ich meine Kirche', kalauert man in der
französisch übersetzten Hl. Schrift. Kraft eines Beispiels, das von so hoch herab und
weit her kommt, autorisiert unser Humorist seine Personen, sich mit Hilfe eines der Sterne
zu erleuchten, die man wegen einer heftigen Kopfnuss sieht, sich in der Riesenwelle des
Akrobaten zu baden [frei übersetzt aus: brunir sous le 'soleil' d'un acrobate], aus einem
finstern Burgverliess zu entkommen mittels einer improvisierten Leiter aus dressierten
Schnecken, die sich zur 'Schneckentreppe' (Wendeltreppe) anordnen oder durch einfaches
Ausdrehen (tordant = urkomisch, drehend) der Gefängnisgitter (...). Im 'Univers camique'
frei wie dasjenige von Trickfilmen - eher Tex Avery als Walt Disney! - kann ein feuriger
Blick ein Kostüm explodieren lassen, welches wahrhaftig aus einem Tuch aus
Schiessbaumwolle geschneidert ist (...). Nichts stoppt, nichts hält den Schöpfer
zurück. Nicht seine Schöpfungen, deren häufigster Ausruf "Ich habe eine
Idee!" ist. Eine alberne Idee, eine verzwickte Idee, aber eine Idee von
unbezwingbarer Logik in ihrer Anwendung. (...) Gott der Tod und seine Festumzüge, die
Familie, die heiligen Bande der Ehe, die grossen und erbaulichen Figuren der
Vergangenheit, die Wissenschaft, die Sexualität, die schönen Gefühle, all das geht
durch den Fleischwolf von Cami, der die Kurbel seines Instruments mit Schwung und einem
offensichtlichen und ansteckenden Jubel dreht."
Und nicht zuletzt auch das Personal kennezichnet Camis Humor: Wilhelm Tell, Lukretia
Borgia, den Ewigen Juden oder Lot, jeweils ganz in seiner Manier gezeichnet, vor allem
aber auch linkische Verbal(l)hornungen wie Loufock-Holmès, den
Bruder-der-drei-Musketiere, die unselige Familie Rikiki oder den ewigen Schwerenöter
Baron Crac (ein geiler Münchhausen); oft steckt im Namen seiner Typen schon ihr
(einziges) Programm: z.B. le Chaste-Gentilhomme, l'Acrobate-indigent, le
Jeune-et-beau-Vilain, la Mère-
-refoulements-frénétiques, La
Belle-soeur-
-libido-posthume, le Tuteur-Machiavélique, le Conteur-Positif etc. |