von Severin Perrig und Beat Mazenauer
>> Eine Archäologie der
Märchen, literatursoziologisch
>> Beat Mazenauer / Severin Perrig: Wie Dornröschen seine Unschuld gewann. dtv 1995
... und schlüpfte unter die
Decke zur Jungfrau, die dort ganz nackt war, weiß und zart. Sobald als Troylus hohe
Freude empfand, sagte er sich selbst, daß noch nie ein Mann so glücklich gewesen sei,
wie er sei, aber wenn die Jungfrau doch nur sprechen möge, was sie nämlich nicht tat,
denn die Zeit dafür war noch nicht gekommen. Und so sehr diese Widrigkeit ihm die Freude
schmälerte, er konnte unter dem Zuspruch der Venus nicht mehr an sich halten, so daß er
seinem Willen so sehr nachgab, daß die schöne Zellandine mit gutem Recht den Namen
Jungfrau verlor und dies geschah, während sie schlief und ohne daß sie sich im
geringsten bewegte, so sehr und so lange, daß sie am Ende einen tiefen Seufzer ausstieß.
Es war einmal ein Königspaar, dem ein lange gehegter
Kinderwunsch in Erfüllung ging. Aus Dankbarkeit lädt es zwölf Feen zum Freudenfest ein,
damit sie das Kind reich beschenken. Allein, die dreizehnte Fee geht vergessen, worüber
sie heftig ergrimmt und einen Fluch ausstößt. Seinetwegen sticht sich genau am
fünfzehnten Geburtstag die wunderschöne Prinzessin mit einer Spindel und fällt
augenblicklich mitsamt dem königlichen Hofstaat in einen hundertjährigen, todähnlichen
Schlaf, bis ein mutiger Prinz sie wachküßt und ehelicht.
In dieser Form, wie es die Brüder Grimm als Nummer 50 in ihre vielgelesene Sammlung
der Kinder- und Hausmärchen aufgenommen haben, kennen wir das zauberhafte Märchen
von Dornröschen nur allzu gut. Das Schicksal erfüllt sich im Schlechten wie im
Guten, berichtet es uns.
Betrachten wir das Märchen indes genauer unter dem Aspekt der Realitätsnähe
beziehungsweise Realitätsferne, so lassen sich in ihm zwei einander scheinbar
ausschließende Dimensionen unterscheiden. Augenfällig ist eine übersinnliche, magische
Sphäre, der die Motive Fee, Begabung, Fluch, Stillstand der Zeit und Erlîsung zuzuordnen
sind. Doch dieses Walten des Wunderbaren steht in krassem Widerspruch zu den
Wirklichkeitsbezügen, wie sie in den Motiven Kinderwunsch, Scheintod, Schloßleben oder
Heirat ausgemalt werden. Mit ihnen verbinden sich realistisch geschilderte Erfahrungs- und
Problembereiche, welche die Menschen speziell in früheren Zeiten ganz direkt
beschäftigten und ihr Lebensgefühl mitunter erheblich belasteten. Selbst wenn die
Brüder Grimm das Dornröschen-Märchen in eine kinderfreundliche literarische Form
brachten und es in märchenhaft unbestimmten Zeiten spielen ließen, vermittelten sie
damit wesentlich auch ein Bild ihrer eigenen Epoche, des 19. Jahrhunderts.
Doch Märchen sind eben nicht Geschichten, die in der Gegenwart spielen. Deshalb
unterstützten die Brüder Grimm den Eindruck einer zeitlosen Märchenlese mit der
diffusen Herkunftsbezeichnung »mündliche Überlieferung« die generell für die meisten
ihrer Märchen gelten sollte. »Aus Hessen steht in den Anmerkungen zu Dornröschen
präzisierend, unmittelbar gefolgt allerdings von Hinweisen auf fremdländische,
schriftliche Quellen etwa von Giambattista Basile und Charles Perrault. Entsprechend
widersprüchlich heißt es schon in einer ersten Dornröschen-Notiz in der
sogenannten Ölenberger Handschrift von 1810 abschließend: »Mündlich - Dies scheint
g[an]z aus Perrault's Belle au bois dormant« Was denn nun? Ist die Geschichte mündlich
aus deutschen Quellen überliefert oder literarischen Vorbildern aus Italien und
Frankreich entwendet worden?» Blenden wir in der Überlieferungsgeschichte etwas weiter
zurück.
Erstmals begegnen wir dem Märchen vom Dornröschen um 1330 im französischen Epos Le
Roman de Perceforest. Eingebettet in einen spätmittelalterlichen Fürstenspiegel, in
dem ein unbekannt gebliebener Verfasser in der idealisierten Person des Königs
Perceforest die höfische Ordnung und die starke Monarchie verherrlicht, wird episodisch
auch die Geschichte vom Ritter Troylus und der schönen Zellandine erzählt. In ihr
verweben sich ritterliches Abenteurertum mit märchenhaft phantastischen Elementen.
Wie ein Fluch der Schicksalsgöttin Themis prophezeit, sticht sich die Prinzessin
Zellandine mit einer Flachsfaser und fällt unvermittelt in einen Schlaf, aus dem sie
nicht mehr aufwacht. Sie wird in einem unzugänglichen Schloßturm aufgebahrt, doch mit
einem Zauber bewaffnet dringt räuberisch der Prinz Troylus ins Schlafgemach der adligen
Jungfrau ein, wo er angesichts der rosigen Frische und der erotischen Reize der nackt
Daliegenden nicht länger an sich zu halten vermag. Zuerst zögert er zwar noch, dann aber
versagt die Kontrolle über seinen ritterlichen Triebhaushalt »unter dem Zuspruch der
Venus« so daß »die schöne Zellandine mit gutem Recht den Namen Jungfrau verlor und
dieses geschah, während sie schlief und ohne daß sie sich im geringsten bewegte« Sie
wird schwanger und gebiert im Schlaf einen Knaben, der sie erweckt, indem er ihr die
verhängnisvolle Flachsfaser aus dem Finger lutscht. Nach etwelchen Verwirrungen gewinnt
Troylus schließlich Zellandine, indem er seine Vaterschaft bezeugt.» Das ganz und gar
unritterliche Verhalten von Troylus gewinnt an Interesse dadurch, daß er sich im
Widerstreit zwischen zwei inneren Stimmen gefangen sieht. Die Göttin der Liebe lockt ihn
das zu tun, was ihm Weisheit und Anstand verbieten: Während der Ritter sich in Schmerzen
verzehrte, betrachtete er die Jungfrau angestrengt, worüber es ihm widerfuhr, daß er
sich nicht zurückhalten konnte, sie mehrmals zu küssen, ihrer Schönheit wegen. In dem
Augenblick, als er die Küsse raubte, befand sich die Göttin Venus neben ihm, ohne daß
er diese sah, und sagte ihm zur Beherzigung: >Du bist wohl feige, Ritter, da du allein
bist neben einer so schönen Jungfrau, die du über alle andern liebst, wenn du nicht mit
ihr schläfst.< Und wie der Ritter diese Worte vernahm mit dem guten Willen, den er
wohl hatte, sie in die Tat umzusetzen dank der Ermunterung der Venus, die durch ihre
Flamme sein Herz entflammte, wollte er sich entkleiden, doch der Anstand gebot ihm, durch
den Rat des Liebesgottes, daß es ein großer Verrat wäre, dies zu tun, denn derjenige,
der seiner Freundin öbles antut, kann keinesfalls als Freund mehr gelten. Als Troylus
über diesen Rat nachgedacht hatte, nahm er Abstand von seinem schändlichen Vorhaben, und
wie Venus den Ritter aufgeben sah, war sie darob sehr erbost, weswegen sie ihre Fackel
ergriff, mit der sie Troylus so sehr zum Erglühen gebracht, daß er ob der Hitze beinahe
von Sinnen wurde...«
Um denselben Erzählkern rankt sich auch die wenig später entstandene katalanische
Versnovelle Frayre de Joy e Sor de Plaser. Beide Dornröschen-Geschichten
zeichnet ihr ausgeprägt höfischer Charakter aus und Texte wie diese gehörten zur
beliebten Unterhaltung der Aristokratie. So spiegelt sich denn in ihnen eine hîfische
Kultur wider, die geprägt ist von rituellem Respekt vor dem Ranghîheren, sorgsamem
Betragen und Sprechen sowie einer formal gebändigten Beziehung zwischen Dame und Ritter.
Die Literatur, speziell der Minnesang, war wesentlich Ausdruck dieser Lebenskultur.
Demgemäß mußte die Vergewaltigung einer ungeschützt Schlafenden durch einen Ritter
schwer wiegen und nach einer angemessenen Wiedergutmachung verlangen: der ehelichen
Legitimierung der Untat. Auch wenn damit im 14. Jahrhundert das Unrecht in der Regel
gesühnt und juristisch als abgegolten erscheinen konnte, waren für das damalige Hör-
und Lesepublikum längst nicht alle Fragen gelöst. Insbesondere jene nicht, wie eine
Scheintote ein Kind austragen und zur Welt bringen kann. Was uns nach modernen
Erkenntnissen natürlich und biologisch erscheint, war damals von merkwürdigen
Geheimnissen umfangen. Bis ins 19. Jahrhundert mußten die Menschen in bezug auf
Empfängnis mit einer Vielzahl von medizinisch widersprüchlichen Erklärungen
vorliebnehmen. Eine der wichtigsten besagte, daß der Orgasmus während des
Geschlechtsakts die vollzogene Empfängnis signalisiert. Mit anderen Worten: ohne Orgasmus
kann es gar keine Empfängnis geben. Umgekehrt sollen gemäß dieser antiken Lehre von
Aetios von Amida, einer für Jahrhunderte maßgeblichen medizinischen Autorität, alle
Frauen nicht empfangen können, die kein orgastisches Beben spüren, also tot
beziehungsweise schlafend sind oder zum Beischlaf gezwungen werden. Was aber, wenn Frauen
ungeachtet von Schlaf-, Ohnmachts- oder Komazuständen schwanger wurden? Dieses mit
Sicherheit häufig vorkommende Ereignis provozierte eine Reihe von Geschichten. Derart
ließe sich schließlich der Kern des Dornröschen-Stoffes auf Irritationen über
die Differenz von medizinischen Ansichten und tatsächlichen Erfahrungen zurückführen.
Sie zu überbrücken, bemüht sich der anonym gebliebene Autor des Perceforest-Romans
zusätzlich, indem er Zellandine schließlich einen tiefen Seufzer ausstoßen und
so der herrschenden medizinischen Anschauung Rechnung tragen läßt. Damit rettet er den
Wirklichkeitsbezug. Wie beharrlich sich dieses Problem im Verlauf der Jahrhunderte immer
wieder stellte, zeigt unter anderem auch das medizinische Fallbeispiel von Jacques-Jean
Bruhier, einem französischen Arzt des 18. Jahrhunderts. In seiner Dissertation über
die unsicheren Anzeichen des Todes beschreibt er den Kasus eines scheinbar plötzlich
verstorbenen Mädchens, bei dem ein zufällig anwesender junger Aristokrat und Mînch die
nächtliche Totenwache hielt. Angestachelt durch die rosige Frische und die »liebreizende
Beseeltheit der angeblich Verstorbenen legte er alle Hemmungen ab und nahm sich dieselben
Freiheiten mit der Toten, die das Sakrament der Ehe ihm mit der Lebenden gestattet
hätte« Beim Begräbnis aber erwachte die Frau wieder und gebar neun Monate später ein
Kind, ohne zu wissen, wie und was ihr geschehen war. Diese von Bruhier als wirklich
bezeugte Begebenheit endete schließlich mit der Heirat und der Legitimierung der Untat
»ie des gemeinsamen Kindes.
Der sachlich abgefaßte Bericht ist ein spätes Zeugnis für den Realitätsgehalt
dessen, was das Dornröschen-Märchen in seinen frühen Versionen thematisiert: die
von der Medizin für unmöglich erachtete Zeugung eines Kindes im Leib einer scheintoten
Frau. Aber wie der Titel seiner Schrift besagt, wollte Bruhier darin eigentlich ein
anderes medizinisches Problem beschreiben, nämlich die unzulässigen Diagnosemethoden
angesichts des Phänomens Scheintod. Eine weitere Beunruhigung, von welcher
zahllose, weit verbreitete Geschichten zeugen - auch jene von der schlafenden Schönen.
In der beschriebenen Form gelangte sie vermutlich bereits ein Jahrhundert früher auch
in das von den Spaniern beherrschte Neapel des 17. Jahrhunderts. Jedenfalls erzählt uns
der neapolitanische Dichter Giambattista Basile unter dem Titel Sonne, Mond und Talia
ein täuschend ähnliches Märchen. Die inhaltlichen Entsprechungen sowie die
Editionsgeschichte des Perceforest-Romans und der katalanischen Versnovelle
erlauben, von einer mehr oder minder direkten Beeinflussung durch sie auszugehen. Allein
Basile zentriert die überlieferten Motive nicht mehr erstrangig um medizinische Fragen,
ihn fesselt viel stärker das erotische Moment. Aus dem Epos im höfischen Stil wird eine
flotte, schlüpfrige Männergeschichte.
Gleich zu Beginn stellt Basile sein Märchen unzweideutig in die eigene Barockepoche
hinein. Talias Vater bezeichnet er als »vornehmen Herrn« was ihn als Adligen
städtischer Herkunft ausweist, der das künftige Geschick seiner Tochter von Wahrsagern
statt Göttinnen erfahren will. So verheißt nicht mehr ein göttlicher Fluch, sondern das
Horoskop Unheil. Als dieses wirklich in Erfüllung geht, »läßt der Vater die plötzlich
entschlafene Tochter in einem unbefestigten Lustschlößchen aufbahren, um sie ohne
weiteres Zutun sich selbst zu überlassen. Wo eine Jungfrau einsam schutzlos weilt, findet
sich nur allzu schnell ein männlicher Beistand ein. Im Unterschied zu den früheren
Bearbeitungen präsentiert sich der Retter / Täter jetzt aber als reife Persönlichkeit
und verheirateter Ehemann, der bei Gelegenheit die Jagd, eine der wichtigsten
Beschäftigungen der Hocharistokratie in den Märchen Basiles, mit dem erotischen
Abenteuer aufs angelegentlichste zu verbinden weiß. Haben die jugendlichen Helden im Perceforest
und selbst noch bei Perrault und den Brüdern Grimm einen dornenvollen Widerstand zu
überwinden, so braucht der erfahrene Lebemann nur über eine Winzerleiter ins ihm
offenstehende Lustschloß zur bezauberten Prinzessin einzusteigen, um genußvoll
die Rose der Liebe zu pfücken und anschließend ohne Skrupel zu seiner Ehefrau
zurückzukehren und die ganze Affäre zu vergessen. Für ihn bedeutet eine solche Episode
keine entscheidende Wegmarke im Leben, im Gegensatz zu den jugendlichen Suchern, die darin
eine Art Initiation erfahren. Von da aus lassen sich Rückschlüsse auf den leichtherzigen
Erzähler ziehen. In der Renaissance-Literatur treten gehäuft erotische Phantasien auf,
in denen sich Männer im Zweifel darüber befinden, ob sie den Schlaf einer Frau sexuell
mißbrauchen sollen oder nicht. Wenn Troylus im Perceforest-Roman in eine ähnliche
Situation gerät, läßt sich darin aber zugleich die Differenz zu Basile ermessen. Ist
jener zwischen den Einflüsterungen der Venus und den Einwänden der gesellschaftlichen
Moral hin und her gerissen, so hat Basiles König kaum mehr mit inneren Widerständen zu
kämpfen. Infolgedessen zwingt er seinen Autor auch nicht zu den feinen
Psychologisierungen des Perceforest-Verfassers.
Wäre der König so vergeßlich wie Talias Vater geblieben, so fände das Märchen
bereits hier sein Ende. Die Geschichte gliche eher einem erotischen Schwank, einer
Männerphantasie, und da schließlich auch das Opfer den Täter nicht kennt, wäre ein
Happy-End kaum mehr zu erwarten. Allein, dies ergäbe keine Geschichte, weshalb der König
sich seines Abenteuers erinnern und an den Ort des Geschehens zurückkehren muß, wo er
seine Geliebte mit zwei Kindern wiederfindet. Er nennt sie Sonne und Mond
und verspricht mit gleich tatkräftigem Mut eine Bereinigung der heiklen
gesellschaftlichen Situation.
Basiles Märchen, eingebettet in die höfische Rahmenhandlung seiner Sammlung Das
Pentamerone (1634-36), in dem zehn alte häßliche Frauen in grobianischem Dialekt je
fünf Geschichten erzählen, richtete sich augenscheinlich nicht an Kinder. Literarisch
raffiniert und mit vielen Anspielungen aus dem Fundus der Renaissance-Novellistik gespickt
suchte Basile vielmehr ein überwiegend männliches Adelspublikum mit geistreichen und
zugleich derb erotischen Späßen zu ergötzen. Weckte bei diesem schon der erste Teil von
Sonne, Mond und Talia Gefallen und allerlei Vorstellungen, umso mehr mußte es sich
wohl durch den zweiten, letztlich wichtigeren Teil der Geschichte angesprochen fühlen.
Der Autor gesellte der Vergewaltigung noch das Thema des Ehebruchs hinzu. Die Gemahlin des
Königs schöpft plötzlich Verdacht. öber ihren Geheimschreiber versucht sie hinter das
Geheimnis ihres Mannes zu kommen, und als dies gelingt, lockt sie sowohl Geliebte wie
Kinder zu sich, um sie umzubringen und letztere ihrem Gemahl als Speise vorzusetzen: »Als
nun der König kam und mit vielem Wohlbehagen zu essen begann, wobei er einmal über das
andere sagte: >Das schmeckt ja herrlich, bei meiner Seele! Das schmeckt ja köstlich,
so wahr ich lebe!< entgegnete seine Frau immer: >Iß, denn du issest von dem
Deinen.< Der König ließ dies Gerede zwei- oder dreimal unbeachtet; da er jedoch sah,
daß sie gar nicht aufhören wollte, rief er endlich aus: >Ich weiß, daß ich von dem
meinigen esse; denn du hast mir nichts ins Haus gebracht!< Worauf er zornig aufsprang
und sich auf ein nicht weit entferntes Landhaus begab, um dort seinen Ärger verfliegen zu
lassen.«
Doch Sonne, Mond und Talia hätte auf Basiles Publikum nicht unterhaltend
gewirkt, obsiegte nicht der Mann über das grausame, eheunwürdige »Medea-Herz seiner
Ehefrau. Gerade als diese mit Talia abzurechnen gedenkt, erscheint wie ein Retter ex
machina der König auf der Bühne und löst das Gewebe der Bosheit auf. Er gewinnt nicht
bloß Klarheit über die Machenschaften seiner Frau und ihres Geheimsekretärs, sondern
auch über die dienstfertige List des Kochs, der in einer geradezu erstaunlichen
rhetorischen Versiertheit die Errettung der Kinder beschreibt. Gänzlich unerwartet löst
sich damit für den Ehemann eine heikle Bewährungsprobe, die er ohne äußeres Zutun wohl
kaum dermaßen souverän bestanden hätte: die Ehefrau endet als eine Art Hexe auf dem
Scheiterhaufen, so daß ohne lange Witwertrauer ein außereheliches Verhältnis mit Gottes
Segen legalisiert werden kann. Das Glück kommt im Schlaf, wenn alles so läuft, wie es
sich ein Vergewaltiger erhofft, stellt die Schlußmoral klar. So wird zuletzt nicht nur
die Vergewaltigung legitimiert, viel wichtiger ist, daß die unerquicklichen
Eheverhältnisse des Königs ein Ende finden. Ein feiner Zynismus liegt über dem adligen
Freudenlächeln.
Ein Schluß, den der französische Gelehrte und Höfling Charles Perrault in seinen
moralischen Geschichten oder Märchen aus vergangener Zeit (1792-97) seinen adligen
Hofdamen so nicht mehr zumuten konnte. Ebenfalls ganz zeitgemäß schlägt auch er einen
neuen Ton an, den der höfischen Galanterie des späten 17. Jahrhunderts. Er klingt schon
im französischen Originaltitel an: Die schlafende Schöne im Walde. Bewußt dem
Zivilisatorischen entrückt und dem kulturellen Kontext enthoben, scheint ihre
Lokalisierung im Walde statt im Lustschloß zwar den Männerphantasien mehr Raum zu
verschaffen, doch wird dies umgehend durch die Gattungsbezeichnung Märchen im
Sinne einer an sich harmlosen Phantasiegeschichte wieder relativiert. Der Wald als
heraufbeschworener wilder Naturschild liegt außerhalb der künstlich von Menschenhand
geformten Natur, der großen Allee, die auf das Schloß zuführt, und ist dergestalt eher
mit Gefahr und Schutzlosigkeit assoziierbar. Allein, die Schöne schläft nicht auf dem
grünen Moos des Waldbodens, sondern in einem hocharistokratisch funktionalisierten
Gemach, das lediglich von Naturgestrüpp umflort ist. Und darin herrscht der höfische
Stil Ludwig XIV., des Grand Siècle, in dem persönliche Gefühle und Stimmungen
mit kompliziert künstlichen Verhaltensweisen verhüllt werden. So läßt der König die
entschlafene Prinzessin »in das schönste Zimmer des Palastes bringen und auf ein Bett
mit Stickereien aus Gold und Silber legen. Man hätte sie für einen Engel halten können,
so schön war sie; denn die Ohnmacht hatte nicht die leuchtenden Farben von ihrem Gesicht
genommen: ihre Wangen waren strahlend rot und ihre Lippen wie Korallen; lediglich die
Augen waren geschlossen, doch ihr sanftes Atmen zeigte, daß sie nicht tot war. Und zur
absoluten Sicherheit läßt die gute Fee denn im Zeitraum von einer Viertelstunde rings um
den Park solche Mengen von großen und kleinen Bäumen, von Brombeersträuchern und
Dornengestrüpp wachsen, die so ineinander verschlungen sind, daß weder Mensch noch Tier
hätten hindurchdringen können; so hoch wuchsen sie, daß man nicht mehr die höchsten
Turmspitzen des Schlosses sehen konnte, es sei denn aus weiter Entfernung. Es bestand kein
Zweifel, daß die Fee auch hier noch ihren Zauber hatte walten lassen, damit die
Prinzessin während ihres Schlafes nichts von der Neugierde anderer zu befürchten habe.«
Bemerkenswert ist, daß Perrault das ursprüngliche Motiv der Schwangerschaft einer
vergewaltigten Jungfrau aus religiösen wie pädagogischen Überlegungen in den
Kinderwunsch ihrer Eltern verschiebt. Gleichwohl nimmt auch hier das von guten und einer
bösen Fee prophezeite Schicksal unerbittlich seinen Lauf. Allen Abwehrmaßnahmen zum
Trotz fällt die mit adligen Tugenden begabte Jungfrau in einen hundertjährigen Schlaf,
von dem sie schließlich durch einen verliebten und demnach besonders tapferen Prinzen
erlöst wird: »Er durchquert einen großen, mit Marmor gepflasterten Hof, steigt die
Treppe hinauf, betritt die Wachstube ... Er kommt durch mehrere Zimmer voller Edelleute
und Damen ... Er betritt ein ganz und gar mit Gold ausgekleidetes Gemach, wo sich ihm auf
einem Bett, dessen Vorhänge nach allen Seiten hin geöffnet sind, der allerschönste
Anblick bietet: eine Prinzessin ... Nun aber, da das Ende des Zaubers gekommen war,
erwachte die Prinzessin und betrachtete ihn mit weit zärtlicheren Augen, als dies eine
erste Begegnung gestatten sollte ... Sie traten in einen Spiegelsaal und speisten dort zu
Abend; die Kammerdiener der Prinzessin trugen das Mahl auf. Geigen und Oboen spielten alte
Stücke ... Unverzüglich nach dem Essen traute sie der Schloßkaplan in der Kapelle des
Palastes, und die Ehrendame zog den Vorhang vor ihrem Bett zu.«
Der zeitgemäße Charakter von Perraults Erzählung äußert sich in zahlreichen
Motiven, die für die Epoche Ludwig XIV. typisch sind. Im Moment, wo der Schlafzauber
endet, scheint die Prinzessin keineswegs aus einem tiefen Koma zu erwachen, vielmehr aus
einer mittlerweile in Mode gekommenen weiblichen Ohnmacht, die es ihr erlaubt,
sogleich eine unbefangene Koketterie, ein preziöses Liebesgespräch mit ihrem lange
erwarteten Traumprinzen zu beginnen. Zugleich kennzeichnet der Erzähler ihre äußere
Erscheinung als unzeitgemäß, entstammen doch ihre Kleider einer Zeit vor hundert Jahren
Schlaf. Vor allem aber äußert sich Perraults ausgeprägter Märchenrealismus in der von
Basile entlehnten, doch abgewandelten, konfliktträchtigen Nebenhandlung. Die Ehe der
Eltern des Prinzen scheint eine reine Zweckheirat gewesen zu sein, wobei die Mutter einer
Menschenfresserfamilie entstammt, was Assoziationen an die Medea-Anspielung Basiles weckt.
Kannibalismus ist nicht nur ein äußerst beliebtes Motiv in den Märchen Perraults,
sondern verbindet hier auch den Volksglauben an den im Wald hausenden bösen,
unchristlichen, räuberischen Unhold in Gestalt eines Riesen, einer Hexe oder eines Wolfs
mit exotischen Ö la mode-Vorstellungen von den Wilden in öbersee. Seit der
Philosoph Montaigne seinen berühmten Kannibalen-Essay (1572/79) verfaßt hatte, galten
sie als Verkörperungen eines naiven, ungekünstelten Urzustandes, was sich auch auf die
Menschenfresserei der Prinzenmutter beziehen läßt, wenn sie von ihrem Sohn eine
Vereinfachung und Klarlegung seiner schwierig zu verbergenden Beziehung fordert oder
einfach nur dem frischen Fleischgeruch nachstreift, was wiederum die höfische
Gerüchteküche anfacht. Erst der Tod des Vaters bewirkt eine momentane Normalisierung im
Verhältnis von Mutter und Sohn, das ihn sogar ihr Menschenfressertum vergessen läßt.
Im allgemeinen bedeutete der väterliche Tod den Übergang der politischen Macht an den
ältesten Sohn, den Prinzen. War ihm allerdings wegen seiner Jugendlichkeit die Ausübung
der Macht noch nicht zuzumuten, erhielt er einen zeitweiligen Vormund. Gerade hierin
eröffnete sich die einzigartige Chance, daß auch legitimierte Frauen, die königlichen
Mütter, in die männliche Machtpolitik einbezogen wurden, beziehungsweise als Regentinnen
sich einmischten. Für die französische Geschichte der frühen Neuzeit ist diese
politische Frauenrolle mehrfach belegt, insbesondere im Falle von Anna von Österreich,
der spanischen Mutter von Ludwig XIV., deren Vormundschaft allerdings in dem Moment zum
Konflikt führte, als sie dem jungen König eine Heirat aufzwingen und seine
Mätressenwirtschaft austreiben wollte. Doch so wie sie daraufhin von Ludwig XIV.
politisch kaltgestellt wurde, so muß auch im Märchen Perraults die Mutter am Schluß in
den tödlichen Schlangentrog springen. Nur geringfügig und für seine Zeit offensichtlich
verhüllt der Autor damit seine Anspielungen auf die Verhältnisse am Hof von Versailles.
Durch diese geistreiche Verschlüsselung zum einen, zum andern durch ihre Schlichtheit
erlangten Perraults Märchen schnell ungeahnte Popularität und lösten in Europa einen
ersten Märchenboom aus. Weit bis ins 18. Jahrhundert hinein galt es als chic, Feerien
und Märchen im ausgesucht fürstlichen oder orientalischen Ambiente zu erfinden. Feen und
Adlige verkörperten darin die damals gültigen, modischen Tugendideale, derweil Bauern
und Bürger eher Mitleid erregten. Dieser bisweilen langweilige Schematismus machte diese
Märchen für Erwachsene allerdings bald einmal uninteressant.
Um die Erwartungen des Publikums zu erfüllen, hatte Basile die erotische
Anzüglichkeit betont und Perrault politisch anspielungsreich die höfische Galanterie
seiner Epoche abgebildet. Für beides stand den Brüdern Grimm freilich nicht der Sinn.
Die angestrebte Pädagogik ihrer Märchen ebenso wie das heraufdämmernde bürgerliche
Zeitalter verlangten einen neuen Akzent. Deshalb beschränkten sie die Geschichte von der
verlockend schönen Schlafenden auf einen einfachen Handlungsstrang und formten daraus das
nette, jugendfreie Kindermärchen mit dem neuen Titel Dornröschen. Was ihnen die
20jährige Marie Hassenpflug, die mütterlicherseits aus einer französischen
Hugenottenfamilie stammte, 1810 erzählte, konnten die beiden Sprachwissenschaftler Grimm
schnell einmal als Nachahmung des Perraultschen Stoffes erkennen. Doch schon in der ersten
Druckfassung von 1812 verschleierten sie diese Tatsache, indem sie den Kern des Märchens
mit der nordischen Heldensage von der schlafenden Brunhild in Verbindung brachten, den
zweiten Erzählteil von der bösen Schwiegermutter abtrennten und als ein eigenes Märchen
behandelten. Den verbliebenen Text bearbeitete speziell Wilhelm Grimm zusätzlich für die
nachfolgenden Buchausgaben. Der Krebs, der zuerst der Königin im Bade eine Tochter
prophezeit, verwandelt sich in einen Frosch, aus Prinzessin und Prinz werden
Königstochter und Königssohn, und die schlichten, unbeholfenen Sätze verdichten sich zu
einem ausgefeilten literarischen Stil. In der Erstauflage der Kinder- und Hausmärchen
von 1812 etwa beginnt das Märchen wie folgt: »Ein König und eine Königin kriegten gar
keine Kinder, und hätten so gern eins gehabt. 45 Jahre später, in der Ausgabe letzter
Hand, lautet der gleiche Anfangssatz dramaturgisch effektvoller: Vorzeiten war ein König
und eine Königin, die sprachen jeden Tag: >Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!<,
und kriegten immer keins.«
So minimal diese Bearbeitungen mitunter erscheinen, wohnt ihnen - verglichen mit den
Fassungen Basiles und Perraults - vor allem die Tendenz inne, das Märchen verstärkt in
einen bürgerlichen Kontext einzubetten. So entspricht etwa die Zahl der zwölf Gedecke
für die Feen der damaligen bürgerlichen Aussteuer und ist in ihrer überschaubaren
Bescheidenheit für die dargestellte höfische Welt höchst untypisch. Folglich wirkt denn
auch der glänzende Hofstaat eher wie ein prosperierender Gutshof: »Als der Königssohn
sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter große schöne Blumen, die taten sich von
selbst auseinander und ließen ihn unbeschädigt hindurch, und hinter ihm taten sie sich
wieder als eine Hecke zusammen. Im Schloßhof sah er die Pferde und scheckigen Jagdhunde
liegen und schlafen, auf dem Dache saßen die Tauben und hatten das Köpfchen unter den
Flügel gesteckt. Und als er ins Haus kam, schliefen die Fliegen an der Wand, der Koch in
der Küche hielt noch die Hand, als wollte er den Jungen anpacken, und die Magd saß vor
dem schwarzen Huhn, das sollte gerupft werden. Da ging er weiter und sah im Saale den
ganzen Hofstaat liegen und schlafen, und oben bei dem Throne lag der König und die
Königin. Da ging er noch weiter, und alles war so still, daß einer seinen Atem hören
konnte, und endlich kam er zu dem Turm und öffnete die Türe zu der kleinen Stube, in
welcher Dornröschen schlief. Da lag es und war so schön, daß er die Augen nicht
abwenden konnte, und er bückte sich und gab ihm einen Kuß.«
Statt Lüstern und Sälen findet der Erlöserprinz ein biedermeierliches,
stübchenhaftes Ambiente vor, in dem der Arbeitsalltag mit der Präzision einer Stechuhr
gestoppt und hernach wieder in Gang gesetzt wird. In der Zwischenzeit arbeitet nur die
Dornenhecke, ihr Leistungsausweis sind die toten Jünglinge. Doch wie der Auserwählte
auftaucht, gibt sie den Weg ungefragt frei. Mit dem zarten Kuß nach getaner
Erlöserarbeit und der so besiegelten Ehe jenseits aller Standesunterschiede endet
schließlich das Märchen. Der niedliche Titel verbirgt züchtig selbst die zarteste
Anspielung auf den Dorn, der das Röschen bricht. Allfällige weitergehende
Komplikationen im Sinne Basiles oder Perraults bleiben erst recht ausgespart. Die
bürgerlich-kapitalistische Leistungsgesellschaft, die hiermit inthronisiert wird, fordert
ganz andere Anstrengungen.
Ein in sich widersprüchliches Unterfangen, gegen dessen Anspruch die anderen,
zurückliegenden Märchenformen zwangsläufig verstoßen mußten. Damit gerät die
eigentliche Kerngeschichte aus dem 14. Jahrhundert vollends aus dem Blickfeld, und an ihre
Stelle setzt sich eine neue Märchenlesart für ein kindliches Publikum. Allerdings
versuchten die Brüder Grimm ihr Dornröschen nicht nur zu verbürgerlichen,
sondern auch als einfaches deutsches Volksmärchen von allen ausländischen Vorlagen zu
isolieren und seinen eigentlichen Ursprung im germanischen Mythos anzunehmen. Aus
demselben Grunde vergaßen sie ebenfalls zu betonen, daß ihnen nicht Bäuerinnen und
Ammen eine Vielzahl der wichtigsten Märchen erzählt hatten, sondern vorwiegend gebildete
und gutsituierte Bürgersfrauen aus ihrem Bekanntenkreis in Kassel, die vielfach
familiäre wie kulturelle Beziehungen zu Frankreich besaßen. Gerade auch angesichts der
Zeitumstände - Deutschland war bis 1815 von französischen Truppen besetzt - sollten ihre
Märchen rein deutsch und nirgendher erborgt sein. Mit den Kinder- und
Hausmärchen setzten die Brüder Grimm eine neue, fortan maßgebliche Märchennorm,
die im Verlaufe des 19. Jahrhunderts immer stärker an Einfluß und Verbindlichkeit
gewann. Doch vorerst blieb der Durchbruch noch aus. Das romantische Unterfangen, die alte
deutsche Poesie und Sprache wieder zu erwecken und als Volksüberlieferung
wissenschaftlich zu bewahren, schien anfänglich kaum den vorherrschenden pädagogischen
Vorstellungen von einer bürgerlichen Kleinfamilie und ihrem kindlichen Märchenpublikum
zu entsprechen. Erst weitere öberarbeitungen der meist schriftlich vorliegenden Quellen
machten den Mißerfolgen ein Ende. Vor allem unter der Hand Wilhelm Grimms entstand so
mittels Weglassungen, Zufügungen und Veränderungen ein »nachgebesserter«
kunstvoll gestaltelter Märchenstil, die Gattung Grimm: im Ton naiv und volkstümlich, im
Stil flüssig und poetisch, inhaltlich losgelöst von Zeit und Raum, im Unterhaltungswert
durch zielorientiertes Erzählen sowie anschauliche populäre Sprachelemente erhöht und
in ihrer Moral bieder verbürgerlicht. In dieser überarbeiteten, literarisierten Form
wirkten die Kinder- und Hausmärchen, als wären sie tatsächlich dem deutschen
Volksmund abgelauscht worden. Die Brüder Grimm nahmen sich jedoch nicht nur aus
Verbundenheit mit ihrer hessischen Heimat der Märchen an, sondern auch, weil sie in einer
Zeit, »wo Geldgier und die schnurrenden Räder der Maschinen jeden andern Gedanken
betäuben« die Fähigkeit zu erzählen für gefährdet hielten. Gerade noch
rechtzeitig wollten sie die vom Aussterben bedrohte Gattung für das »geliebte
Vaterland« retten. Dafür schufen sie eine Textform, welcher bürgerlich
pädagogische Kernbegriffe wie Kindheit, Elternliebe, Tüchtigkeit, Wohlanstand und das
Gute im Menschen einbeschrieben sind. Ihr Erfolg provozierte eine eigentliche
Märchenschwemme in ganz Europa. Die Märchenforschung nahm einen ungeahnten Aufschwung.
Scharenweise schwärmten Märchensammler aus, um getragen vom Wunsch nach »einer aus
europäischem Volksgut stets neu schöpfenden Nationalkunst« selbst ähnliche
Geschichten für ihr eigenes Vaterland zu suchen. Kaum von Interesse schienen dabei exakte
Nachweise des Gehörten, das heißt Fragen nach Herkunft und Inhalt der Geschichten, den
Umständen ihrer Überlieferung sowie der Identität der Erzählenden. Solche
Nachläßigkeit förderte den Mythos vom Märchen. Deutsche Märchen etwa
galten in der Nachfolge der Brüder Grimm wesensmäßig als Abkömmlinge germanischer
Mythen und infolgedessen als kulturelles Fundament einer nationalen Wesensart, die sich
seit Jahrtausenden organisch von Mund zu Mund überliefert hat. Deshalb waren sie gegen
undeutsche Anfechtungen und Vereinnahmungen zu verteidigen. Bis hin zum Faschismus im 20.
Jahrhundert ist diese Lesart immer wieder als einzig lautere hingestellt und propagiert
worden.
Auch wenn Märchen nach heutigen Erkenntnissen weniger in mythischen Ursprüngen als im
kulturellen und sozialen Umfeld ihrer Erzählzeit gründen, bewahren sie gleichwohl im
Überlieferungsprozeß stets eine gewisse Offenheit. Sie lassen sich somit nicht
abschließend auf eine fixe Interpretation verpflichten. Vielmehr müssen Erklärungen und
Deutungen ihnen ihre angestammte Vielfalt und Lebendigkeit zurückgeben. Märchen
unterhalten und irritieren in gleichem Maße. Nicht zuletzt darin besteht wohl auch ihre
ungebrochene Überlebenskraft.