Lies, um zu leben!
Die Schreib- und Lesekultur im
Wandel der Zeit
von Beat Mazenauer
Das Lesen ist in der Krise, wird gesagt. Fernsehen und Fax, weit mehr noch aber
die digitale Hypertextkultur drängen das Lesen aus seinen angestammten Funktionen. Immer
mehr alltägliche Aufgaben werden zum einen mündlich, zum anderen elektronisch erledigt
mit dem Effekt, dass der schriftliche Ausdruck im Alltagsleben verkümmert. Die Grammatik
gerinnt zur Beliebigkeit, die Hochsprache wird trivialisiert. Ob die mehr als 500-jährige
Geschichte der Gutenberg-Galaxis damit aber ein jähes Ende nimmt, darf bezweifelt werden.
Alle Jahre wieder erheben sich an der Frankfurter Buchmesse die Papiertürme. Es sind
dies Leuchtfeuer der Gutenberg-Galaxis. Noch wird gelesen, besagen sie uns, auch wenn ein
Kultur-Apokalyptiker wie Sven Birkerts die Verflüchtigung der Lesekultur im Kosmos der
digitalen Codes beschwört. Düsteren Sinnes sieht er die Stunde der letzten Schlacht
gekommen, "nach deren Ende alles, was mit dem Lesen und Schreiben und Verlegen von
Büchern zu tun hat, nicht mehr wie früher sein wird". In Anbetracht dessen, dass
Birkerts afu seiner Gutenberg-Galaxis nur die "schöne", also kulturrelevante
Literatur für den gehobenen Geschmack duldet, ist ihm sogar Recht zu geben. Unleugbar
wächst der Anteil von praktischen Ratgebern für Intimität und Computer und Sport am
Lesevolumen.
Eine Bemerkung des Schöngeists und grossen Lesers Marcel Proust trifft indessen
präziser ins Herz der beschworenen Lesekrise: "...dann also, da man keine Besuche
machen kann, da man keine empfangen will, da die Telephonfräulein uns keinen Anschluss
vermitteln, resigniert man und schweigt, man liest." Man liest, wenn die Alternativen
verstummen, doch Langeweile und Einsamkeit finden in immer mehr und vielfältigeren
Vergnügungen Entlastung. Die Erlebnisgesellschaft produziert tägliche neue erregende
Alternativen zum Lesen. Die nachhaltige Prägung durch die alphabetische Schriftkultur
werden wir damit allerdings nicht los.
Geschichte des Lesens
Die Wurzen ihrer Herrschaft reichen rund 3000 Jahre zurück. In grauer Vorzeit muss sie
das mythische Bilderdenken abgelöst und die Menschen allmählich dazu befähigt haben,
die " Gedanken zu richten" und sie an anderen "auszurichten", wie
Vilém Flusser, ein notorischer "Papierbewohner" schrieb. Etymologisch rührt
schreiben vom lateinischen "scribere" (=ritzen) her, bezeichnet also die
Inschrift mit einem keilförmigen Werkzeug (stilus) in einer steinernen Hardware. Aus
einritzen wurde bald aufpinseln / aufschreiben, womit bereits jener Prozess angeschoben
war, der über die Verbesserung der Schreib-, Druck- und Textverarbeitungstechniken die
wachsende strukturelle Komplexität mit funktionaler Vereinfachung verband. Das
"zeilenförmige Aneinanderreihen von Zeichen" und (implizit auch ihre Lektüre),
vollendet Flusser seinen Gedanken, ist von nachhaltigem Einfluss auf unser individuelles
Selbstbewusstsein wie unser kollektives Gedächtnis gewesen, es "macht überhaupt
erst das Geschichtsbewusstsein möglich. Erst wenn man Zeilen schreibt kann man logisch
denken, kalkulieren, kritisieren, Wissenschaft treiben, philosophieren - und entsprechend
handeln".
Begibt sich Flusser auf philosophisch-spekulative Denkwege, um die Geschichte der
Schrift und des Lesens zu entdecken, suchen Geschichtsforscher wie Roger Chartier oder
Robert Darnton eher nach historischen Zeugen und Belegen dafür. "Da unsere Vorfahren
in anderen mentalen Welten gelebt haben, müssen sie auch anders gelesen haben, und die
Geschichte des Lesens könnte ebenso komplex sein wie die Geschichte des Denkens",
mutmasst dieser. Die praktische Überprüfung dieser These erweist sich dies allerdings
als knifflige Aufgabe, weil die stille Beschäftigung des Lesens in der Regel kaum
sichtbare Spuren hinterlässt.
Dennoch lassen sich einige Erkenntnisse sichern. Vor allem drei Umwälzungen haben die
Lesekultur der letzten tausend Jahre entscheidend geprägt. Wohlbekannt ist die Erfindung
der Buchdrucktechnik (bewegliche Bleilettern und Druckerpresse) durch Johannes Gutenberg
um 1450, womit eine eigentliche Medienrevolution freigesetzt wurde. Bereits ein
Jahrhundert zuvor schon hatte der Wechsel vom elitären Kirchenlatein hin zur
geschriebenen Volkssprache eingesetzt und eine Öffnung der Schriftkultur hin zu breiteren
Volksschichten vollzogen. Im Zuge dessen entwickelten sich, notwendigerweise,
orthographische und grammatikalische Regeln, aufgrund deren regional eigenständige
Sprachen entstanden, an denen sich nach und nach nationale Identitäten kristallisierten.
In enger Beziehung mit diesen beiden Entwicklungen steht die Massenalphabetisierung,
die immer mehr Menschen das Lesen und Schreiben lehrte. Bis ins 18. Jahrhundert wurden sie
allerdings meist getrennt gelehrt, da es der Obrigkeit genügend schien, dass einer
entweder schreiben oder lesen konnte. Dennoch öffneten selbst bescheidene Fähigkeiten
darin das Tor zum kollektiven Wissen.
Über diese drei Umwälzungen hinaus ist eine weitere nicht gering zu schätzen: die
Modalität des lauten respektive leisen Lesens. Lange Zeit wurde vornehmlich laut gelesen,
weil griechische wie lateinische Schrift die "scriptio continua" kannten, in der
die einzelnen Worte nicht sichtbar voneinander abgetrennt sind. Ihre hörbare Lektüre
erlaubte ein schnelleres, zweifelfreies Verständnis, zudem konnten ihr auch Analphabeten
folgen.
Die Schrift hebt auf, was der Mund ausplaudert. Die laut vernehmliche Lektüre verlieh
dem Lesen öffentlichen Charakter. Demgegenüber verstärkte die durch den Buchdruck
angeregte leise Lektüre einen Rückzug ins Private, was freilich mit Argwohn beobachtet
wurde, weil das individuelle Lesen "den Geschichten der fiktionalen Texte eine nie
gekannte Überzeugungskraft verlieh ... einen gefährlichen Zauber" (Roger Chartier).
Solches ging weit über das ritualisierte Einpauken von Glaubenssätzen und schriftlichen
Verordnungen hinaus in Richtung eines wirklichem Textverständnisses. Nicht minder
umstritten war das Schreiben, weil es sich noch weniger kontrollieren liess und ihm ein
ausgeprägtes emanzipatorisches Potenzial unterstellt wurde. "Totgeschlagen, wer
lesen und schreiben kann!", heisst es in Büchners "Dantons Tod".
Diese Demokratisierung des Lesens brachte eine Profanierung der Lesestoffe mit sich.
Religiöse Publikationen wurden immer mehr von Ratgebern-, Reise- und
Unterhaltungsbüchern verdrängt, die in steigender Zahl die steigende Nachfrage
befriedigten. Kalender förderten die Alphabetisierung zusätzlich und festigten den
Stellenwert der Schriftkultur im Alltag, indem sie religiöse Erbaulichkeiten mit
astrologischen, medizinischen und alltagspraktischen Tipps verbanden und mit
Spruchweisheiten würzten. Die Schrift war fortan präsent auch für die, die nicht lesen
konnten, sie avancierte spätestens in der bürglichen Kultur zur dominierenden,
unentbehrlichen Kulturtechnik. Daran hat sich auch an der Schwelle zum digitalen Zeitalter
grundlegend nichts geändert.
Lese- Geschichten
Von Kindheit an haben wir alle die Lektion vom "richtigen Leben" eingeimpft
erhalten, von jenem Leben, in dem wir uns zu bewähren haben. Auch wenn sich dahinter kaum
mehr als eine pädagogische Formel verbirgt, hat sie sich zum allgemein gültigen Credo
verfestigt. Ob Spielplatz, Stammbeiz oder Supermarkt, das «wirkliche wilde Leben» wird
eher solchen Örtlichkeiten zugewiesen als der lesenden Konzentration - in völliger
Verkennung dessen, dass sich durch Lektüren durchaus unbekannte, überraschende
Einsichten auftun können, die uns im zeitlich wie örtlich beschränkten wirklichen Leben
verwehrt blieben. Bücher erweitern die Erfahrungswelt und Lesen eröffnet Wahrnehmungs-
und Reflexionsräume. In diesem Sinne hat Peter Weiss seine «Ästhetik des Widerstands»
gerade auch verstanden: geschärfte sinnliche Wachsamkeit widersetzt sich unkritischer
Vereinnahmung. Auch wenn lesend erworbene Erfahrungen nur sekundär sind, aus zweiter Hand
erworben, gehören sie dennoch zum persönlichen Erfahrungsschatz. Lesende kennen mehr,
als ein einziges Leben zu bieten vermag. "Wer hatte, in seinem ganzen Leben, auch nur
zehn Tigersekunden?", fragt Henri Michaux.
So steckt im Lesen eine geheime Leidenschaft, eine Freiheit und eine Lust, die nicht
zuletzt auch über die Einsamkeit hinweg hebt, wie Proust gewusst hat. Wer diese Lust
nicht empfindet beim Lesen, liest nicht. Keine vorgebahnten Pfade führen durch den Text,
dieser gleicht vielmehr einem weit offenen Gelände, das ahndungsvoll erkundet wird. In
der Lektüre konstituiert dieser Text sich als Gesamtheit von Möglichkeiten. Deshalb gibt
es keine Lese-Norm, vielmehr ist Lesen immer poetisch, zerstreut, schweifend. Frei nach
Heraklit kann dasselbe Buch nie zweimal gelesen werden, weil wir nie dieselben sind, wenn
wir es tun.
Lesen bereitet ein ästhetisches Vergnügen, das nach der Lektüre weiterwirkt.
Gleichsam schattenhaft, ähnlich den Erinnerungen, kehren die konzentrierten
Lese-Erfahrungen im "wirklichen" Leben zurück. "Lies, um zu leben!",
heisst es bei Flaubert. "Wir alle lesen in uns und der uns umgebenden Welt, um zu
begreifen, wer wir sind und wo wir sind", schreibt Alberto Manguel. Und Sven Birkerts
ergänzt, dass wir "aus dem ungebundenen Umherschweifen ausserhalb unserer gewohnten
Ich-Grenzen" lernen und so behutsam dazu verführt werden, "auf unseren gesamten
Bestand an vorgefestigten Einstellungen und vorgefassten Meinungen" zu verzichten.
Antriebsquelle dafür ist nach Peter Bichsel der Konjunktiv "Was wäre wenn?".
In der Literatur eröffnet sich eine Spielform des Lebens, sie erweckt den
Möglichkeitssinn. Aber: "Literatur verkündet nicht, sie erkundet", hat es
Hans-Jost Frey auf die kurze Formel gebracht. Die Welt lesen heisst demnach die Welt
befragen, nicht sie beantworten.
Dergestalt besitzt die stille, konzentrierte Lektüre etwas Magisches, einen Reiz, dem
sich auch Aussenstehende oft nicht entziehen können. Wer selbst nicht liest, mag durch
einen innigst in die Lektüre vertieften Menschen sogar provoziert werden. Seine
Versunkenheit, die jeder hausbackenen Nützlichkeit und käuflichen Zerstreuung spottet,
immunisiert Lesende für Augenblicke gegenüber äusserlichen Anfechtungen. Stattdessen
verleiben sie sich fremde Erfahrungen ein, verwandeln sie sich sinnlich an. So kann Pjotr
(aus Tolstois "Krieg und Frieden") die eigene Lebensrolle inspirieren und
Natascha sich zum weiblichen Idealbild formen. Dies ist Teil des kreativen Aktes.
Gefährlich wird das Lesen allenfalls da, schreibt Proust, wo "die Wahrheit nicht
mehr als ein Ideal erscheint", das wir selbst erlangen müssen, sondern "als
etwas Materielles, das auf den Seiten der Bücher abgelagert ist wie ein fertig
zubereitetet Honig". Dann wird der Realitätssinn betrogen, verwischen die Grenzen
zwischen Leben und Fiktion. Doch darin äussert sich nur die Kehrseite ihrer
provozierenden Kraft. "Man sieht also, dass die Lust am Text skandalös ist: nicht
weil sie unmoralisch, sondern weil sie atopisch ist." (Roland Barthes)
Eingedenk all dessen überrascht es nicht, dass insbesondere in totalitären Regimes
Bücher und andere Lesestoffe stets auch mit Argwohn betrachtet werden. Zensurinstanzen
und im übelsten Fall Bücherverbrennungen sollen daher das ungebundene Lesen in staatlich
verordnete Bahnen lenken. Doch in der "subversiven" persönlichen Lektüre haben
sich Lesende zu allen Zeiten und Kulturen einen Teil ihrer Freiheit und Unabhängigkeit
bewahrt.
Die Angst vor dem Lesen
Seneca weist der Lektüre drei für ihn elementare Funktionen zu: "erstens, um
mich nicht mit mir allein begnügen zu müssen, zweitens, um mit den Erkenntnissen anderer
bekannt zu werden, drittens, damit ich mir über das, was sie herausgefunden haben, ein
Urteil bilden und über die noch zu lösenden Fragen nachdenken kann." Viertens,
lässt sich ergänzen, um das Gedachte mit anderen auszutauschen; ohne jemanden, mit dem
sich darüber diskutieren lässt, glaubt Peter Bichsel, lohnt sich keine Lektüre.
Im Lesen steckt so eine hohe rhetorische Schule mit emanzipativem Charakter, es
schärft die begriffliche Differenzierung im Sinne von Karl Kraus: "Gedanken hat, der
das Wort dafür hat, in das der Gedanke hineinwächst". Bei näherem Hinhören
bestätigt sich der Satz leider allenthalben und öfter, als einem lieb sein kann.
Mitunter mutet es geradezu tragisch an, wie die Sprache in der Öffentlichkeit, zum
Beispiel in der politischen Diskussion, offensichtlich an grammatikalischer Auszehrung
leidet, womit wiederum begriffliche Unschärfe, logische Disharmonie, konzeptionelle
Phantasielosigkeit und Mangel an Erfahrung einhergehen.
In Frank Capras Film "Lady für einen Tag" äussert der Butler den
grossartigen Satz: "Wenn ich die Wahl der Waffen hätte, würde ich die Grammatik
wählen." Tatsächlich lässt sich mit der Grammatik heute ein schöner Teil des
politischen Diskurses spielend ad absurdum führen. In unserem Zusammenhang berechtigt
dies zur Vermutung, dass in den entsprechenden Kreisen wohl kaum gelesen wird und nicht
zuletzt deshalb eine bloss rudimentäre Beziehung zur Sprache besteht.
Den Lesemuffeln im öffentlichen Leben sei mit Nachdruck ein Satz von Jean Paul
vorgehalten, den er auf die Lektüre von "gelehrten Zeitungen" münzte:
"eine fremde Anschauung gibt der eignen mehr Sprache, also mehr feste Klarheit; und
reifet uns, nicht nur wie wiederholtes Lesen oder steigende Jahre, sondern zieht uns nach
wie ja das Werk selber." Dann würden vielleicht auch die Diskussionen gehaltvoller.
Dieser zugegebenermassen summarische Befund eines fehlerhaften Sprachgebrauchs ist
weder belanglos noch wirklich neu. Er erhält aber neue Brisanz angesichts des Vorwurfs,
die PC-Revolution treibe unserer Kultur die Sprache aus. Dabei haben schon anfangs der
Achtzigerjahre die pädagogischen Rekrutenprüfungen Anlass zu Klagen gegeben, was das
allgemeine Leseverständnis betrifft. Mehr noch, solche Klagen kehren seit Jahrzehnten
regelmässig wieder, weil die pädagogische Praxis nie vor dem Ideal der Puristen, was die
Korrektheit der Grammatik und die Qualität der Lektüre betrifft, zu bestehen vermag.
Unter dieser Perspektive erweist sich der elegische Abgesang auf die Gutenberg-Kultur,
den Sven Birkerts im Geiste Postmans anstimmt, als altbacken. Seinem faszinierenden
Plädoyer für die intime, erfahrungsgesättigte Lektüre lässt er eine grobschlächtige
Jeremiade über die Verflachung des Geistes und die Zerstörung der Lesekultur im Zeichen
der neuen elektronischen Medien folgen, ohne von diesen neuen Medien allzu viel zu
verstehen. In seinem Verständnis wird dadurch eine alte Ordnung, die in der Druckzeile
sowie in Begriffen wie Logik und Nachvollziehbarkeit ihren einprägendsten Ausdruck
gefunden hat, gestört, ja zerstört. Den Wechsel von der materiellen Drucktype zum
binären Signalcode deutet er als Verlust der sinnlichen Materialität zugunsten
elektromagnetischer Verflüchtigung.
Dies ist ja nicht grundlegend falsch, nur stören an der Analyse das monokausale
Erklärungsmuster und die pessimistische Ablehnung, die jegliche Differenzierung
verunmöglichen. Indem Birkerts den Prestigeverfall des Autors beklagt und die
Flüchtigkeit des Schreibens am Computer gegen die «Sinndichte» der Handschrift
ausspielt, demonstriert er vor allem, dass er durch die bildungsbürgerliche Brille nicht
wahrhaben will, dass erstens das Ideal des genialen Dichters der romantischen
Vergangenheit angehört und dass möglicherweise noch andere Faktoren - soziale,
politische und ökonomische - an diesem Prozess massgeblich mitwirken.
Darüber hinaus verrät er das Lesen an sich. Ausnahmslos jedes Lesen von längeren
Texten erfordert Konzentration und regt zur sinnlichen Verinnerlichung und emotionalen
Verarbeitung des Gelesenen an. Auch die Bücher von Barbara Cartland oder Johannes Mario
Simmel erlauben da keine Ausnahme.
Zur Aufrechterhaltung des gehobenen Geschmacks als Ausdruck von sozialem Prestige und
politischer Macht wurde im Rahmen des bildungsbürgerlichen Kanons diese "low
culture" forsch banalisiert. Mit einer Fundamentalkritik scheint also nichts
gewonnen, weil sie defensiv auf diesem veralteten, idealisierten Kulturkanon beharrt und
ihm negativ die digitale Vermassung in der Technokultur entgegenhält. Kaum überraschend
liegt demnach das eigentliche Problem gar nicht da, wo Birkerts es zu orten glaubt. Im
Internet-Zeitalter sind an die Stelle der anonymen "Massen-Eremiten" (Günter
Anders) längst die Home-Worker und Net-Surfer getreten, die sich gerade nicht abkoppeln,
sondern sich aktiv in die weltumspannende Kommunikation einwählen. Internet ist für sie
weder teuflisch noch schicksalshaft, sondern ein, auch spielerisches, Arbeitsmittel, das
sie bewusst und aktiv einsetzen.
In der Kritik der Kulturapokalyptiker - wie mit umgekehrten Vorzeichen auch bei den
Technofreaks - wird scharf zwischen analoger Buchkultur und digitaler Cybertechnik
unterschieden. Die einen lesen, die anderen surfen. Die einen kritisieren die Verflachung,
Amoralität und Beliebigkeit, die anderen die Verfestigung und Normierung. Brücken über
diese argumentativ streng befestigte Grenze hinweg gibt es kaum.
Beide Seiten fühlen sich im Recht und sind sich in keiner Weise bewusst, dass sie im
Grunde bloss alte Schützengräben neu besetzen und alte Argumente austauschen. Schon im
im 15. Jahrhundert wurde gegen den Buchdruck ("das edelste trojanische Pferd, das die
Welt je gesehen") ins Feld geführt, dass Ketzer die neue Technologie missbrauchen
könnten, damit die biblische Botschaft trivialisiert werde und so nur die
Informationsflut überhandnehme. Letztes Argument prägte auch die leidenschaftliche
Debatte, die sich ums Jahr 1690 zum Thema "Zeitungs Lust und Nutz" entspann. Das
Informationsmonopol der alten Herrschaft wurde unterwandert, zugleich bildete sich eine
neue Form der politischen Öffentlichkeit heraus, indem Zeitungen zu Sprachrohren und
Meinungsführern des Bürgertums avancierten.
Die aufkeimende Lesewut, die mit den empfindsamen Briefromanen "Pamela" und
Clarissa" von Samuel Richardson um 1750 einen Höhepunkt fand, entfachte vehemente
Kritik. Verdirbt Lesen die Sitten und untergräbt es die bürgerliche Moral, lautete die
Frage der Gegner. Ja gefährdet das viele Sitzen nicht sogar die Gesundheit? Gotthard
Heidegger wetterte 1698: "So ist es mit dem Romanlesen sauber nicht beschaffen. Denn
die Romans setzen das Gemüth mit ihren gemachten Revolutionen / freyen Vorstellung /
feurigen Aussdruckungen / und andren bunden Händeln in Sehnen / Unruh / Lüsternheit und
Brunst / nehmen den Kopff gantz als in Arrest" und so weiter, denn "(raisoniert
man) ist das ohne Zweifel ein gar wichtig zu bedencken / dass wer Romans list / der list
Lügen."
Dennoch liess sich das Lesen nicht aufhalten, im Gegenteil, durch Goethes
"Werther" (der zahlreiche Selbstmorde nach sich zog) oder Rousseaus
"Nouvelle Héloïse" (anstelle der Bibel im Haus) wurde es nur noch weiter
angefacht und allmählich in den andelbaren literarischen Kanon aufgenommen. Allerdings
gaben die Gegner des neuen Mediums nicht einfach klein bei. Zum ersten suchten sie in
anderen Medien (Film, Comic, TV) Ersatz für ihre kulturkritischen Einwände, zum zweiten
bekämpften sie aus dem Schatten der Zensurinstanzen die Gefährlichkeit des Lesens und
drängten es in den Untergrund ab.
Geschärfter Sinn für Möglichkeiten
Wie wenig die klassische Leseforschung mit den neuen Medien anzufangen weiss und wie
unbeholfen sie dieser Herausforderung begegnet, demonstriert der Paläograph Armando
Petrucci im Band "Die Welt des Lesens". Wo afroasiatische Crossover-Texte,
"wilde" Lektüren und "anarchische Leser" überhand nehmen, hört für
ihn scheinbar der Spass auf. Zwecks Unterhaltung werde vieles konsumiert, "das man
als Schund bezeichnen kann", also Krimis, Science Fiction und
dergleichen. Trotz der mildernden Anführungszeichen wird diese mindere Ware in Gegensatz
zu den hochkulturellen Schöpfungen gesetzt, die eine vom Fernsehen antrainierte
"zapping"-Lektüre rundweg verunmöglichen. Petrucci lässt so durchblicken,
dass er auch für Hypertexturen kaum Verständnis aufbringt. Sie werden von ihm
geflissentlich ignoriert, um mit Foucault abschliessend darauf hinzuweisen, dass
Leseförderung noch immer einem ideologischen Kalkül unterliege. Diskurse würden
normiert, kontrolliert und kanalisiert, um praktische kognitive Fähigkeiten zu fördern.
Dass er gleich selbst in diese Falle tritt, entgeht ihm aber offensichtlich.
Diese Schnittstelle, die Petrucci frei lässt, versucht Walter Grond mit seinem Essay
"Der Erzähler und der Cyberspace" zu schliessen. Er steckt das ästhetische
Feld durch die zwei, einander verwandten Pole Avantgarde und Hypertext, zwischen denen
eine vielgestaltige Literatur (und Kunst) vermittelt, die unter Begriffe wie Pop oder
"postkoloniale" Postmodene subsummiert werden kann. Die Zusammenführung von
Hypertext und Avantgarde ist insofern interessant, als diese bezüglich des Leseprozesses
mannigfache Gemeinsamkeiten verraten. Marianne Karbe hat in einem Beitrag über die
"Literatur im Netz" (Basler Magazin Nr. 27 vom 17. Juli 1999) hingewiesen auf
die strukturelle Verwandtschaft von nicht-linearen Erzählmustern in der experimentellen
Literatur (z. B. von Georges Perec oder Julio Cortázar) und in der virtuellen Literatur
auf dem Internet. Beide verbindet der Verzicht auf das logisch folgerichtige,
abgeschlossene Werk zugunsten eines in alle Richtungen wuchernden Textgebildes, durch den
die Lesenden sich je eigene Wege bahnen. Damit verändert sich natürlich auch der Akt des
Lesens. Aus der emotional einfühlenden Verinnerlichung wird eine gebrochene, operationale
Anregung. Es wird nicht mehr ein epischer Strom mit homogenen Figuren, die zur
Identifikation einladen, verschlungen, sondern aus chaotisch angeordneten Einzelteilen
eine immer wieder neue Textur zusammengestückelt, die andeutet und Räume öffnet, ohne
sie auszumalen. Diese zweite Lesart kommt durchaus dem Bildschirm entgegen, dessen
Strahlen die Konzentration behindert, das Lesen verlangsamt und zum visuellen wie
gedanklichen Abschweifen animiert. Demgegenüber lädt das gedruckte Buch stärker zur
Geduld, das heisst zur Lektüre Wort für Wort ein (vgl.
www.useit.com/alertbox/9710a.html: How Users Read on the Web).
Im neuen Medium wird Lesen recht eigentlich zum Mit-Schreiben, zumal die digitale
Textgestalt mit Leichtigkeit zertrennt und neu zusammengesetzt werden kann. Walter Grond
betont für die Avantgarde wie den Hypertext einen generellen "Vorrang des
Schreibaktes gegenüber dem Lesevorgang". Die Gemeinsamkeit endet allerdings da, wo
die Avantgarde anerkannte Wahrheiten gesellschaftlich herausfordert, der Hypertext sie
aber förmlich zerstückelt. Anders gesagt: Erheben die experimentierenden Avantgarden
noch literarische Ansprüche, legen Schreibende im Cyberspace ihr Privileg für
Sprachkompetenz ab. Die Partizipation ist (noch) wichtiger als die literarische Qualität.
Das World Wide Web offeriert ein gehäuftes Angebot an Lektüren, in überwiegender
Zahl "klassische" Texte zum Herunterladen (Gutenberg-Bibliothek). Daneben aber
tauchen immer mehr Hypertextexperimente auf, begleitet von einer mittlerweile
erklecklichen Zahl von theoretischen Auslassungen dazu. Vieles davon klingt spannend,
eröffnet neue Leseräume, gibt Anstösse zu veränderten Leseweisen und schliesst auch
den Rückschluss auf die Buchkultur nicht aus. Rainald Goetz Internet-Tagebuch
"Abfall für alle" erscheint (wenngleich unnötig) auch in gedruckter Form. Und
Matthias Politycki wird seinen Web-Zettelkasten zum vierten Teil des
"Weiberromans" zu einem Buch mit dem Titel "Ein Mann von vierzig
Jahren" ausbauen / umschreiben.
All dies kann freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Hypertextliteratur
noch tief im Stadium des Experimentierens steckt und bis auf weiteres keine Alternative
zum herkömmlichen Lesen darstellt. Vieles daran ist hochgetriebene Theorie, spielerisches
Erkunden und formale Erweiterung des literarischen Konjunktivs. Darin folgt diese
virtuelle Literatur dem zentralen Faszinosum von Literatur: nämlich Spielform des Lebens,
der Wirklichkeit zu sein und den Möglichkeitssinn zu wecken. "Die Lust am Text, das
ist jener Moment, wo mein Körper seinen eigenen Ideen folgt - denn mein Körper hat nicht
dieselben Ideen wie ich", steht bei Roland Barthes. Die schweifende, kurzatmige,
"verlinkte" Aufmerksamkeit in textuellen Räumen wird durch das Internet
zusätzlich akzentuiert. Allein deshalb besteht aber ebensowenig Grund zur
überschiessenden Euphorie wie zur Angst, wie sie Neil Postman oder Sven Birkerts
kultivieren. Netzliteratur ist eine faszinierende experimentelle Ergänzung (vergleichbar
der Avantgarde), doch weder ein Epitaph auf die Schriftkultur noch ein Ersatz derselben,
die unsere Kultur seit Jahrtausenden nachhaltig geprägt und sich uns eingeprägt hat. So
schnell wird diese gewiss nicht hinfällig werden und ihre Reize wie ihre Macht
preisgeben. Auch für das elektronische Buch (das Rocket eBook) stellt das Schreib- und
Lesevermögen vorderhand eine "Schlüsselqualifikation" dar.
Das Lesen ist unter Druck geraten, tot aber ist es längst nicht, und sei es nur
deshalb, weil das Erzählen seinen Stellenwert bis auf weiteres bewahren wird. Und wo
jemand erzählt, muss es Lesende geben - oder Zuhörende. Mag sein, dass unter neuen
Voraussetzungen (Handy) das Mündliche gestärkt wird, doch wie die Vergangenheit zeigt,
ist dies nur ein wiederkehrendes Kapitel in einer unendlichen Geschichte.
(erschienen in: Basler Zeitung Magazin, 24.12.1999)
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