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Dankrede von Imre Kertész anlässlich der Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung 1997

Nobelpreis 2002 an Imre Kertész ! > "Die Zeit der Entscheidung" Ein Essay.

 

Leben im Grunde genommen 

"Roman eines Schicksallosen" von Imre Kertész

 

von Beat Mazenauer

 

Erinnerungen an Auschwitz provozieren, weil sie das Unausdenkliche bezeugen. Ein Buch fällt dabei besonders auf: Imre Kertész’ "Roman eines Schicksallosen", der in einer überzeugenden neuen Übersetzung von Christina Viragh vorliegt. Ein Meisterstreich, der erstaunliche Einsichten vermittelt in ein Thema, das uns in gefährlicher Weise vielleicht schon geläufig geworden ist.

Als der nach Schweden exilierte Autor Peter Weiss 1964 gebeten wurde, über einen ihn prägenden Ort zu schreiben, entschied er sich für Auschwitz. "Es ist eine Ortschaft, für die ich bestimmt war und der ich entkam." Gerade die Tatsache, dass er noch nie da gewesen war, verlieh dem Ort Bedeutung. Ein wesentlicher Grund, weshalb Weiss in seiner frühen Prosa eindringliche, schneidende Bilder der Verfolgung und Tortur zu entwerfen. Auschwitz bedrängte, aber erdrückte ihn nicht.

Dennoch gibt es Zeugnisse, die darüber aus unmittelbarem Erleben berichten. Von Primo Levi und Jean Améry. Von Jorge Semprun, Ruth Klüger, Cordelia Edvardsson. Und eben von Imre Kertész.

1944, das Leben in Budapest ging seinen Gang. Die Juden trugen gelbe Sterne, die "hübscher" wirkten, wenn der Stoff nicht schludrig verschnitten, sondern straff über die Zacken gespannt war. Warum auch der 15jährige György Köves, der Ich-Erzähler, einen solchen Stern trug, war diesem nicht klar. Was hiess denn: Jude sein, für einen, der weder die Gebete kannte noch jiddisch sprach? Der Hass traf ihn kaum, ja "im Grunde genommen" konnte er ihn sogar verstehen. Ebenso wie auch die Tatsache, dass zuerst sein Vater und danach auch er mit vielen anderen zum "Arbeitsdienst" nach Deutschland aufgeboten wurden. Sein unerschütterliches Vertrauen und sein Glücksstreben liessen sich davon nicht erschüttern. "Gehen müssen wir ja, oder?"

Eng in einen Viehwaggon gepfercht verliess er so mit vielen andern Leidensgenossen die Heimatstadt. Als er Tage später einen Blick durch die vergitterte Wagenluke warf, erblickte er im zartrosenen Zwielicht des Morgens einen schmucken Bahnhof: "Auschwitz-Birkenau - stand dort, in der spitzen, schnörkeligen Schrift der Deutschen".

Kertész schildert dies mit lakonischem Gleichmut. Die morgendliche Dämmerung als Ankündigung eines Tages, der neue Erfahrungen bringt! Für György abermals kein Grund zur Skepsis. Leidenschaftslos staunend gewahrte er, wie "echte Sträflinge" die Neuankömmlinge mit einer "komischen fuchsartigen Emsigkeit" aus dem Waggon auf die Verladerampe trieben. Und zum Arzt, der die Selektion vornahm, fasste er "gleich Vertrauen, weil er so angenehmer Erscheinung war". Schliesslich freute er sich lachend und feixend mit seinen Freunden, nach links zu den Tauglichen aussortiert worden zu sein. Solch frivole, empörende Ungerührtheit mutete zynisch an, lägen ihr nicht Naivität und Selbstschutz zugrunde.

Im "Roman eines Schicksallosen" klaffen (unser) Wissen und Erzählung auseinander. Indem Kertesz die grammatischen Zeiten durcheinanderrührt, bricht er die chronologische Struktur des Textes immer wieder auf. Subtil signalisiert er so die Anwesenheit des Erzählers, der mehr weiss als das im Text gegenwärtige Ich: "Wie gesagt, das alles habe ich wahrgenommen, aber eben nicht so, wie ich es dann nachträglich - wenn ich darüber nachdachte - zusammenfassen, gewissermassen vor mir abrollen lassen konnte".

Dieses gebrochene Verhältnis zwischen erzähltem und erzählendem Ich lässt die Ungeheuerlichkeit des Erinnerungsberichts erst recht zutage treten. Wider alle Vernunft wird die empörende Anständigkeit des Jungen noch im nachhinein für gültig erachtet. Zudem eröffnen die dadurch entstehenden Risse in der Textur Raum für verblüffende Einsichten und Folgerungen.

Dann folgten die Stationen Buchenwald und Zeitz. György übte sich ins Unumgängliche ein, ohne sich die Unmöglichkeit eigenen Handelns einzugestehen. Weiterhin wirkte die beobachtende Distanz als Schutz vor dem Erlebten, doch allmählich forderten Hunger und Schläge ihren Tribut. György erkrankte an eitrigen Entzündungen, wurde nach Buchenwald zurückgeschafft und fiel dem Tod im wahrsten Sinn des Wortes vom Karren. In einer Atmosphäre erstaunlicher Ruhe konnte er hier wieder genesen und endlich die Vertreibung der SS-Schergen, die Befreiung des Lagers erleben.

Nach einem Jahr kehrte György nach Budapest zurück. Wie sollte er nun mit jenen über die erlittenen Torturen sprechen, die zuhause das Kriegsende erlebten und sich ebenfalls als Opfer fühlten? Mit jenen, die ihn nicht verstehen konnten, da die "Hölle" Auschwitz für sie eine unglaubliche Abstraktion blieb. Aber: L’Enfer, c’est la banalité, hatte György erfahren. Unwillkürlich "Stufe um Stufe" gerät man hinein, "schon erledigt man die neuen Dinge, man lebt, man handelt, man bewegt sich, erfüllt die immer neuen Forderungen einer jeden neuen Stufe". So sei nichts einfach ‘gekommen’, weder Hitler noch der Krieg: "wir sind auch gegangen. Nur jetzt wirkt alles so fertig, so abgeschlossen, unveränderlich, endgültig, so ungeheuer schnell und so fürchterlich verschwommen, so, als sei es ‘gekommen’: nur jetzt, wen wir es im nachhinein, von hinten her sehen."

Indem Imre Kertesz seinen tumben Toren erzählen lässt, lotet er diesen Prozess Stufe um Stufe aus. Die ungeheuerliche Naivität und Unerschütterlichkeit seines Helden provozieren einen Widerstand, den die Lesenden von sich aus nicht aufbrächten. Niemand von ihnen würde ernsthaft die Verbrechen anzweifeln, die in Auschwitz begangen wurden. Allein dieser Roman nimmt sie nicht als unerschütterliche Gewissheit hin, sondern versucht aus der Perspektive eines Betroffenen ihr Funktionieren zu demonstrieren. Der Autor gibt die traumatische Erinnerung nicht einfach preis, um Erwartungen und Gewissheiten seiner Leserschaft einzulösen; vielmehr bestätigt er mit seinem Bericht von neuem die eigene Existenz.

Im Grunde genommen geht es aber noch um etwas Wesentlicheres: um die Absurdität eben dieser Existenz, gegen die nichts auszurichten, die nur auszuhalten ist. György kann das erlittene Schicksal ebensowenig hinnehmen wie die "dumme Bitternis..., einfach nur unschuldig zu sein". Er spricht sich daher selbst schuldig um der Freiheit willen: denn Schicksal und Freiheit widersprechen sich. Wenn es "die Freiheit gibt, dann gibt es kein Schicksal, das heisst also... wir selbst sind das Schicksal".

Für diese Selbstbehauptung zahlen Imre Kertesz und sein Held einen hohen Preis. Selten sind die literarischen Zeugnisse, in denen diese existentielle Freiheit mit solch ernüchternder Klarheit und schmerzhafter Leidenschaft verteidigt werden! Sie machen den "Roman eines Schicksallosen" zum grossartigen, radikalen Dokument einer finstern Epoche.

 

Imre Kertész. Roman eines Schicksallosen. Aus dem Ungar. v. Christina Viragh. Rowohlt Berlin, 1996. Im Original erschienen 1976.

 

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Auf der Galeere der "neuen" Freiheit

Aufzeichnungen von Imre Kertész aus den Jahren 1991-1995

 

"Je est un autre". Rimbauds Formel, die Lacan psychoanalytisch gespiegelt hat, ist längst zum postmodernen Gemeinplatz avanciert. Alle Welt spricht von zersprengter Identität und multiplen Persönlichkeiten, so daß es fast schon komisch klingt, wenn auch Imre Kertész im Titel seiner neuen Aufzeichnungen auf diese Formel zurückgreift. Doch für das frivole Gerede kann er nichts. Sein Leben sei nur in Schwung gekommen, "indem ich mich zu einem andern machte, als ich bin". Dies sagt freilich nicht Kertész selbst, sondern "K., der Schriftsteller", mit dem er permanent im Gespräch ist. Der fährt fort: "Nie vermochte ich mit meiner Lage, mit meinem wirklichen Leben identisch zu sein".

Wie ein roter Faden durchzieht diese Ich-Spaltung die Aufzeichnungen "Ich - ein anderer" aus den Jahren 1991-95. Kertész scheint durchaus eines Sinnes mit K., wenn er diesem an anderer Stelle beipflichtet: "’Ich’ ist bestenfalls eine Fiktion, bei der wir Miturheber sind." Unmittelbar darauf folgt: "Ich ist ein anderer."

Im Spiegel von Kertész’ "Lebens-Entwicklungsroman", den er im "Roman eines Schicksallosen" auf grandiose Weise verarbeitet hat, verrät das Rimbaud-Zitat kontextuell eine tragische Ironie. Im zweiten "Seherbrief" schrieb der 17jährige Rimbaud in jugendlich-genialischem Überschwang: "Wenn die alten Dösköpfe nicht vom ICH immer nur die falsche Bezeichnung gefunden hätten, bräuchten wir nicht diese Millionen von Skeletten wegzufegen, die seit endloser Zeit die Produkte ihres Scheuklappen=Verstands aufgehäuft haben, indem sie sich als Au=Toren davon ausriefen!" Statt der poetischen hatte Kertész aber wirkliche Skelette aus seiner Erinnerung wegzufegen, an welchen er selbst im KZ zum Mit=Urheber geworden war. Ohne es zu begreifen, beschreibt er im "Roman eines Schicksallosen", sind dem 15Jährigen in Auschwitz und Buchenwald die Sinne entregelt worden, daß er das Unvorstellbare als Normalität akzeptieren lernte. L’enfer, c’est la banalité.

Auch fünfzig Jahre später haben ihn diese Erinnerungen nicht losgelassen. Sie sind, notiert er 1994, "wie verwahrloste herrenlose Hunde, sie umringen und starren einen an, sie hecheln und heulen zum Mond, du möchtest sie verscheuchen, aber sie weichen nicht... und hast du sie im Rücken, beißen sie zu".

Daran hat die "Wende" nichts geändert. Dennoch: die neue Epoche, die Kertész in "Ich - ein anderer" mit Beobachtungen, Reflexionen und Selbstzweifeln begleitet, unterscheidet sich von der Abgeschiedenheit, die sein kärgliches Leben im kommunistischen Ungarn geprägt hat. Jetzt ist er viel unterwegs: auf Lese- und andern Reisen zwischen Hamburg, Cannes und Wien. Wie zum Beweis notiert Kertész alle diese Stationen, ohne aber in eine schematischen Aufreihung zu verfallen. Ein Stichwort, eine Begebenheit, ein Gedanke ordnen ihnen jeweils präzise einen Platz in der Aufmerksamkeit des Reisenden zu. Am Ende folgt Kertész sogar einer Einladung nach Israel, wo ihn eine neue Erfahrung erwartet: umgeben zu sein von lauter Juden. Auch hier aber bleibt er anders: "Ein Keinerlei-Jude. Schon seit langem suche ich weder Heimat noch Identität. Ich bin anders als sie, anders als die andern, anders als ich."

Imre Kertész schreibt hier das "Galeerentagebuch" fort. Im Unterschied zu diesem aber ist "Ich - ein anderer" weniger ein werkbegleitendes Journal denn eine Flaschenpost von der Galeere der "neuen" Freiheit. Zentrale Themen allerdings lassen ihn nicht los: die Erinnerung, das Schreiben, der Tod - die Fremdheit, das Judentum, Auschwitz.

Wie der "Roman eines Schicksallosen" beeindrucken diese Aufzeichnungen durch ihre luzide Trostlosigkeit, mit welcher Kertész sein Schicksal reflektiert, sein Ich bezweifelt und dabei doch stets eine erstaunliche, mitunter selbstironische Gelassenheit zu bewahren scheint. "Das Glück - mein Glück - ist die Leichtigkeit der Last". Und: "Mein Gebrandmarktsein ist meine Krankheit, zugleich aber der Garant, das Dopingmittel meiner Vitalität, daraus beziehe ich meine Inspiration." Kertész will nicht verstehen, was ihm widerfahren ist, weil verstehen nicht zu den Aufgaben hienieden gehört. Diese passive Gleichgültigkeit, der nach eigenen Worten eine "Abscheu vor aktivem Widerstand" innewohnt, täuscht über den ungeheuren Lebenswillen hinweg, den er immer wieder beweist. Ich ist ein anderer - aber: Der andere ist auch Ich und beide haben menschliche Grunderfahrungen dieses Jahrhunderts durchgemacht: die "Schule der Erfahrung des Ausgeliefertseins, des modernen Elends, der Ausgrenzung", wie es im "Galeerentagebuch" heißt.

Die schmale Grenze zwischen Ernst und Ironie demonstriert eine Episode, die Kertész Ende 1992 in Leipzig widerfahren ist. Zu einer Lesung eingeladen, wähnte er sich alleine im Gästehaus des Bürgermeisters. Auf einmal aber hörte er eine furchterregend tobende Männerstimme. Ängstlich lugte Kertész ins Treppenhaus hinaus und wurde, prompt gewahrt, vom zornerfüllt angeschrien: "Komm, komm! Komm runter, du Gauner, komm mal, los, komm!" Erschreckt floh Kertész das Haus, in dem sich Schauerliches zuzutragen schien. Noch gleichen Abends löste sich dann das Rätsel: ein Professor M. (mutmaßlich Hans Mayer), "zuckerkrank, etwas hysterisch und außerdem fast blind", habe in ihm einen jener Spitzel zu erkennen gewähnt, die ihn vor Jahrzehnten aus dieser Stadt vertrieben hatten. Ein Reflex aus alten Tagen.

Solche tragisch-komischen Mißverständnisse weiß Kertész noch andere zu erzählen. In Avignon etwa wurde er, der Überlebende von Auschwitz, wegen des deutschen Kennzeichens am Mietwagen als Boche verwünscht. Eine Laune des Schicksals ebenso wie der gespenstische Zug von Skinheads auf der Budapester Árpád-Brücke. "Die modernen Zeiten reimen sich irgendwie immer auf Auschwitz".

"Ich - ein anderer" gleicht einem ungeschliffenen Schmuckstein, dessen vordergründige Launigkeit und Mixtur ihm erst recht spezifisches Gewicht verleiht, weil er scheu zwischen den Zeilen den Anspruch auf ein Leben ohne Erinnerung birgt. Schicksalshaft bleibt es unerfüllt: "Und doch muß das Leben ein großes Privileg sein, wenn wir es mit dem Tod bezahlen müssen."

Auf der Rampe von Auschwitz sei jeder gegangen, wehrte sich das Ich im "Roman eines Schicksallosen" dagegen, nur Opfer gewesen zu sein. "Jeder hat seine Schritte gemacht, solange er konnte". Zu dieser Passage schlägt Kertész hier im Schlußsatz einen Bogen: "Einen Schritt wohin? Egal, denn wer den Schritt tut, bin schon nicht mehr ich, das ist ein anderer..." Zuerst der erinnerte KZ-Häftling, dann jener Überlebende aus dem "Galeerentagebuch", "der sein Überleben zu überleben, noch mehr, ihm einen Sinn zu geben sucht".

 

Imre Kertész: Ich - ein anderer. Aus dem Ungar. v. Ilma Rakusa. Rowohlt Berlin 1998.

Barbara Bauer: Kindheit zwischen Opfern und Tätern (Kertész, Walser...)

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