Rainald Goetz
"Heute morgen"
Rainald Goetz ist ein Hansdampf in allen Trends.
Der Zyklus "Heute morgen", Goetz' fünfter, nähert sich den aktuellen
kulturellen Äusserungsformen auf literarische weise an, schlägt er einen neuen Takt an.
House, Acid, Trance bilden die dampfende Szenerie.
von Beat Mazenauer
Leben und Schreiben im virtuellen Zeitalter: "Abfall für alle"
"Abfall für alle" nannte sich das Projekt, das
Rainald Goetz zwischen Februar 1998 und Januar 1999 auf dem Internet realisierte. Täglich
gab er online Rechenschaft über das, was ihn beschäftigte und was um ihn herum geschah.
Goetz veröffentlichte sein Tagebuch auf dem Internet nicht, wie einige gerne mutmassen
würden, um sein Inneres nach aussen zu kehren und Intimitäten preiszugeben, sondern eher
um ein akribisch geführtes Notizbuch, das unter exakter Zeitangabe unmittelbar den
Prozess des eigenen Arbeitens protokollierte. "1809 ersticke / im Wahnsinn meiner
Papiere / schönes Gefühl", hiess es in der ersten Folge am 4.2.98. Goetz hatte sich
eben einen Ausdruck seines Jeff-Koons-Stückes angefertigt.
Als Teil seines umfangreichen Werkzyklus "Heute Morgen" begleitete
"Abfall für alle" die Frankfurter Poetik-Vorlesung im Frühjahr 1998 sowie das
Entstehen des Text-Bildbandes "Celebration" und der in Kürze erscheinenden
Erzählung "Dekonspiratione".
Mittlerweile ist die Website geschlossen, dafür liegen Goetz tägliche Einträge
zu einem dicken Packen geleimt in gedruckter Form vor. Mit dem Untertitel "Roman
eines Jahres" versehen, bietet es sich auf 850 Seiten zur sorgfältigen Lektüre an.
Das Werk eines Zeitgeistsurfers? Mag sein. Seit seinem skandalösen
Rasierklingen-Schnitt quer über die Stirn anlässlich des Klagenfurter Wettlesens 1983
hat sich Rainald Goetz als Wellenreiter auf den postmodernen Trends etabliert und
behauptet. Zumindest vordergründig scheint "Abfall für alle" solchen
Opportunismus zu bestätigen. Goetz nutzte das offene Medium Internet, ohne freilich vom
klassischen Medium Buch lassen zu wollen. Doch so einfach verhält es sich nicht mit
diesem "täglichen Textgebet", dieser "Reflexions-Baustelle".
Auch wenn umstritten bleiben dürfte, ob die Buchversion wirklich notwendig sei, ist
sie überraschenderweise weit spannender zu lesen, als die regelmässige
Internet-Konsultation hätte erahnen lassen. Zwar verliert sich bei der nachträglichen
Lektüre die zeitliche Unmittelbarkeit und die qualitative Spannweite der einzelnen
Einträge wird in der Druckform stärker akzentuiert. Nicht jede Bemerkung sollte auf die
Goldwaage gelegt werden und manch beissende Notiz über Rezensenten oder TV-Sendungen
rückt in mittelbare Ferne.
Dafür werden rote Fäden sichtbar: etwa die durchgehende Beschäftigung mit den
Schriften Luhmanns und Foucaults, die Harald-Schmidt-Show und vor allem das Nachdenken
über den Schreibprozess an sich. Hierbei gelingen Goetz immer wieder ebenso spontane wie
ungeschliffen schillernde Passagen, die auch gedruckt durchaus ihren Reiz bewahren.
Vor allem aber darum geht es: um die Unmittelbarkeit von Schreiben und Leben.
"Mein Lebensideal ist so völlig klar, und zwar wirklich ewig schon, und es ist
megasimpel: alles für den Text, aus der richtigen Verbindung von Leben und Arbeit
heraus." (15.7.98) Das Verschwinden des Textes im Leben ist eine der zentralen
literarischen Topoi in Goetz Werk. "Es geht um Kunst / es geht um Reden /
Bilder, Melodien / es geht um Streit / und Stimmigkeit / es geht um Menschen / die was
sagen", heisst es im Stück "Jeff Koons".
Zeitgeist, Zeitgeistigkeit, Zeitgeistelei. Die Grenzen zwischen Ernst und Opportunismus
verwischen dabei. Es liegt heute im Trend, postmodernes Lebensgefühl in die Literatur mit
einfliessen zu lassen. Selten aber nur geschieht dies mit solcher Konsequenz wie bei
Rainald Goetz. Er ist der Vorreiter, dem andere mühsam und unbeholfen nachhoppeln. Er
überragt die postmoderne Popliteratur um seinen konzeptionellen Unterbau, und die
traditionelle Erzählliteratur um seine Konsequenz.
Party-Time, Internet, Kunst als Kommerz sind bei ihm nicht angelesene Chiffren, sondern
Teil des Konzepts einer Zusammenführung von Literatur, Gesellschaft und Biographie -
zumindest dem Versuch davon. Der Roman "Rave" erzählt nicht von Parties,
sondern übersetzt ihren Groove auch in Sprache. Der Handlungsfaden reisst, die Dialoge
verkürzen sich zu floskelhaften Begegnungsritualen, die scharfen Ausschnittbilder
stückeln sich blitzhaft aneinander. Es gibt keine Geschichte mehr, bloss noch ein
vibrierender Sprachkörper: total cool, grell, ekstatisch, dann auch gedämpft und
zugedröhnt. Dergestalt wirkt das Buch eher wie ein fragmentiertes Prozess-Protokoll von
einer phantastischen Reise durch den Untergrund einer Szene, deren harte Beats aus den
Boxen wabern und der die schöne Literatur meist irgendwie linkisch bis unbeholfen
begegnet.
Dabei verschliesst sich Goetz keineswegs der reflektierenden Distanznahme. Im
Text-Bildband "Celebration" dokumentiert er Gespräche mit Kritikern, die aus
engagierter, intellektueller Perspektive nachfragen, was Goetz eigentlich mit seinen
"herrischen Statements" aussagen wolle. Damit locken sie ihn aus der Reserve und
lassen ihn demonstrieren, wie widersprüchlich, aber auch wie aufregend die Konzepte des
Partyfreaks und Schriftstellers Goetz sind.
"Keiner weiss, was als nächstes passiert. Davon erzählt Abfall für alle".
Augenblicklich, radikal, spontan online und gebändigt im Buch. Beide Elemente zusammen
machen letztlich den Reiz dieses Experiments aus, das zwiespältig (wie jedes Experiment),
aber auch vital und lustvoll ist. Kaum ein anderer Autor vermag heute derlei zu leisten
wie Rainald Goetz. Ob es im Einzelnen gelingt oder nicht, ob die schiere Fülle von Text
in die Unübersichtlichkeit entweicht oder als unmittelbarer Ausdruck von Schreiben-Leben
erfahrbar bleibt, Goetz Projekt ist einzigartig und spannend.
Eine Art "Fackel", Tagebuch und Kommentar in einem. Einzig die (meist
marginalen) Korrekturen und Weglassungen wie etwa der "Collegepulli im
Seglerstyle", welche Goetz nachträglich für die Druckversion vorgenommen hat, sind
nicht einzusehen. Hat hier der Wille zum "ewigen" Buch nochmals über das
ephemere Experiment triumphiert?
Dass Schreiben und Leben nicht reibungslos zusammengehen, bemerkt Goetz in seiner
letzten Eintragung (1.10.99). Die Menschen in seiner Nähe sind dadurch in "eine
nicht unkomplizierte, seltsame Geschichte verwickelt" worden, durch die man sich
nicht habe beeinflussen lassen dürfen. Dieses "Diskretions-Spiel" hat
Verunsicherung zur Folge: "Ein dauerndes Umschalten, ganz automatisch, an alles
denken, an nichts."
Im Grunde aber lässt es sich drehen und wenden, Rainald Goetz kann kritisiert und
geschmäht werden, ungeachtet all dessen muss er als einer der wichtigsten Autoren der
Achtziger und Neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gelten. Als einer, der
versucht, neue literarische Töne anzuschlagen, statt sie aus Opportunitätsgründen bloss
nachzuträllern.
Rainald Goetz: Abfall für alle. Roman eines Jahres. Suhrkamp
Verlag, Frankfurt 1999. 864 Seiten (= Heute Morgen 5.5). |