Rainald Goetz
"Heute morgen"
Rainald Goetz ist ein Hansdampf in allen Trends.
Der Zyklus "Heute morgen", Goetz' fünfter, nähert sich den aktuellen
kulturellen Äusserungsformen auf literarische weise an, schlägt er einen neuen Takt an.
House, Acid, Trance bilden die dampfende Szenerie.
von Beat Mazenauer
"Das Denken ist das Problem meines Schreibens": "Dekonspiratione"
Rainald Goetz pflegt einen Supernaturalismus. Er ist ein
Spezialist für Oberflächen. In seinen Büchern bezeichnet er, wie es so schön heisst,
Ross und Reiter. Max ist Maximilian Lenz alias Westbam, Harald Schmidt ist Harald Schmidt,
das Ich natürlich Goetz selbst. Und wenn Luhmanns soziale Systeme thematisiert werden, so
nicht nur im Subtext, sondern offen benannt. Doch Goetz neuestes Buch gibt sich im
Untertitel als "Erzählung" zu erkennen, da ist trotz solcher Offenheit Vorsicht
angebracht.
Ob Katharina wirklich Katharina ist und Benjamin Benjamin? Im letzten Kapitel tauchen
sie auf einer Lesung von Max und dem Ich auf, in den ersten drei Kapiteln aber spielen sie
ihre Rollen als Paar, deren Beziehung zerbricht.
Eine Fiktion mit dokumentarischem Charakter oder ein Dokument mit fiktionalen
Elementen? Die Frage bleibt auf spannende Weise unentscheidbar. "Der Punkt ist
nur", lässt Goetz zu Beginn verlauten: "irgendwann kann man es plötzlich
keinem mehr darlegen, wie es sich darstellt alles, einem. Wie es ist."
Vorerst aber erzählt "Dekonspiratione" eine Geschichte von Liebe und
Trennung. Katharina hat endgültig genug von Benjamin, der sich mit theoretischen Exkursen
über sein "Loserleben im Wartestand" hinweglügt. Nach einem Streit entflieht
sie nach München, um aus der Distanz ihr Referat über Ingeborg Bachmanns
"Malina" als Tagebuch gelesen vorzubereiten. Derweil versucht Benjamin in Köln
die Fernsehverantwortlichen vom Konzept für eine neue Harald Schmidt-Show zu überzeugen.
Vergeblich, wie sich weisen wird. Auf einer Lesung im Literarischen Colloquium in Wannsee
treffen sich Katharina und Benjamin wieder, doch das ist schon nicht mehr so wichtig.
Die schwierige und zusehends stockende Arbeit an dieser Erzählung läuft im Frühjahr
1999, als Bomben auf Kosovos und Serbien fallen, endgültig auf Grund. Den Autor - oder
nur das Erzähler-Ich -, bringen die Nato-Einsätze gehörig durcheinander. "Ich
fühlte mich zurückgeworfen auf den Punkt der endgültigen Infantilität: bitte nicht
hauen." Weil "das Existenzgefühl beim Schreiber zugleich die Arbeitsgrundlage
ist", kommt er nicht weiter. Die Gedanken schweifen ab zum Kern der Sache, der
Unmerklichkeit dessen, was da vor sich geht auf dem Balkan, dem Verhängnis von
Nicht-Wissen und Überzeugung. Mit seiner Erzählung kann er nicht weiterfahren, als ob
nichts geschehen wäre. Stattdessen rückt das Erzähler-Ich ins Zentrum: sein Schreiben,
sein Denken, seine Theorie. Als Teil dieser Welt begegnen wir Katharina und Benjamin am
Ende des Buches wieder.
Nach der "Krise" greift das fünfte und letzte Kapitel den Buchtitel auf:
"De Dekonspiratione". Die Überschrift ist doppelbödig. Konspiration:
Verschwörung, Dekonspiration: "Offenbarung bzw. Enttarnung politisch-operativer
Arbeitsprinzipien", wie Goetz selbst schreibt. Dieses Kapitel handelt demnach
"von der Dekonspiration", zugleich ist es als zweifache Verneinung zu lesen. Der
Autor Goetz setzt sein privates Ich ins Spiel, zugleich hält er es bedeckt, weil
Literatur eine Ich-Figur erzählt, nicht aber vom Autor, der dahinter steht. Im
Jahresroman "Abfall für alle" hat Goetz dieses Verfahren vorgeführt. Ein Jahr
lange protokollierte er tagebuchartig seinen Alltag, doch intime Details klammerte er
dabei aus. Es ging um den Arbeits- und Schreibprozess, in der als Buch vorliegenden Form
ist es eine "Reflexions-Baustelle" und zugleich ein Spiel mit der
dokumentarischen Fiktion.
Am Ende von "Dekonspiratione" verlässt Goetz mit Alexa die Party. Dies mag
in Wirklichkeit geschehen sein, doch was danach folgt, geht uns nichts mehr an.
Rainald Goetz beherrscht virtuos eine reiche Palette an literarischen Stillagen.
Treffsicher vermag er den Partyslang zu imitieren, in klugen theoretischen Reflexionen den
Medienbetrieb zu durchleuchten und nicht zuletzt anrührende Szenen gefühlsmässig dicht
zu erzählen. Erstaunlich aber ist an "Dekonspiratione", dass es ihm hier
abermals gelingt, diese so unterschiedlichen Tonalitäten glänzend aufeinander
abzustimmen und sie in eine abgeschlossene Erzählung einzubeschreiben, in der Form und
Inhalt ganz ineinander aufgehen. Derart beschliesst er den Erzählzyklus "Heute
Morgen", dieser grossen Erzählung, die im besten Sinne den Zeitgeist spiegelt.
Rainald Goetz: Dekonspiratione. Erzählung. Suhrkamp Verlag,
Frankfurt 2000. 208 Seiten (= Heute Morgen 5.3). |