Rainald Goetz
"Heute morgen"
Rainald Goetz ist ein Hansdampf in allen Trends.
Der Zyklus "Heute morgen", Goetz' fünfter, nähert sich den aktuellen
kulturellen Äusserungsformen auf literarische weise an, schlägt er einen neuen Takt an.
House, Acid, Trance bilden die dampfende Szenerie.
von Beat Mazenauer
Celebration for Koons
Na ja, leicht macht es einem Rainald Goetz nicht. Den zweiten
Teil seiner jüngsten Werkgruppe widmet er ausgerechnet Jeff Koons, dem trendigen
Pop-Trash-Künstler, der ebenso unfassbar wirkt wie Goetz selbst. Zwei Gleichgesinnte
scheinen sich da zu begegnen. "Ironie verursacht zuviel kritisches Nachdenken",
hat Koons die Ironiefreiheit seiner Kunst einmal begründet. Gilt der Satz auch für
Goetz? ".
Die Frage ist schwierig zu beantworten. Sein Stück ist kein Stück im landläufigen
Sinn, eher ein episches Langgedicht ohne klar erkennbare Handlung. Die Einteilung in
sieben Akte schüttelt Goetz gleich mal kräftig durcheinander, indem er mit Akt 3
beginnt. ".
Worum es sich darin dreht, bringt Szene 2.II.17 womöglich auf den Punkt: "Es geht
um Kunst / es geht um Reden / Bilder, Melodien / es geht um Streit / und Stimmigkeit / es
geht um Menschen / die was sagen". Kurzum um Harmonie beziehungsweise "ums Nie
der Harmonie". Mit dichterischen Mitteln inszeniert Goetz ein Kunst- und
Partygespräch, das sich dramaturgischen Gepflogenheiten widersetzt. Statt dessen setzt er
auf rhythmische Strukturen, mit denen er gefühlvoll und biegsam das mal diskursive, mal
geschwätzige, mal abschweifend nichtssagende Gerede grundiert. Letztlich ist es der
poetische Techno-Beat, der diesem Stück - wie schon der Erzählung "Rave" - den
Stempel aufdrückt. ".
Über diesem groovenden Fundament erhebt sich die titelgebende Kunst-Ikone als
Repräsentation eines Kunstverständnisses, das widerspruchsvoll das Singuläre mit
demokratischer Offenheit zu verbinden trachtet. Die "Position des Einzelnen dem
Ganzen gegenüber, das ist das Tolle dieser neuen Position", "mitten drin, am
Rand". ".
Dergestalt gleicht das Koons-Stück einem modernen Remix aus ernsthaften Diskursen und
schlichten Party-Dialogen. Insbesondere bei letzteren gelingen Goetz zuweilen wunderbar
leichte, beschwingte Passagen, die fern ab wirken von der berserkerhaften,
technopartygeilen Selbstinszenierung, die wir von Goetz auch kennen. Schlüssige
Positionen sind freilich kaum zu erhalten. ".
Wer diese Facette des Autors Goetz näher kennen lernen möchte, dem liegt seit jüngst
der vierte Teil des "Heute Morgen"-Zyklus zur Verfügung: ein Band mit
Interviews, Aufsätzen und vielen Bildern. Goetz mit Sven Väth auf Technotour in Japan
oder an der Berliner Love Parade. Goetz im Gespräch mit Väth, der ähnlich wie der
andere deutsche Technostar Westbam eine differenzierte Sicht auf seine Musik verrät. Zum
Verständnis des Koons-Stückes empfehlen sich aber vor allem das Gespräch mit dem Maler
Albert Oehlen sowie die Faxdiskussion mit Isabelle Graw und Astrid Wege von der
Zeitschrift Texte zur Kunst. ".
Oehlen und Goetz tauschen sich über das Machen von Kunst heute aus. Wieviel Konzept
verträgt sie, wieviel Konkretion braucht sie? Auffällig ist, wie Goetz auf politischen
Inhalten besteht, "aussenweltlichen Anknüpfungspunkten", die den Kern eines
Buches oder Bildes ausmachen. "Es muss eine radikalere politischere Analyse und eine
radikalere künstlerische Problemform in der Realisierung dann da sein, dass wirklich
tolle Kunst daraus wird." ".
Dass es einem, wie gesagt, Goetz damit nicht eben leicht macht, demonstriert das
Koons-Stück ebenso wie die aufschlussreiche Auseinandersetzung mit Graw und Wege. Aus
explizit engagierter, intellektueller Perspektive fragen diese nach, was Goetz mit seinen
"herrischen Statements" eigentlich aussagen wolle. So locken sie den Autor aus
der Reserve und machen kenntlich, wie ambivalent, wie spannend aber auch die Konzepte des
Partyfreaks und Schriftstellers Goetz sind. Leicht macht er es einem nicht, aber für die
eine oder andere Überraschung ist er gerade deswegen gut.
Rainald Goetz: Jeff Koons. Stück. 160 S. (= Heute Morgen 5.2);
Celebration. 286 S. (= Heute Morgen 5.4); beide Suhrkamp verlag, Frankfurt. |