Rainald Goetz
"Heute morgen"
Rainald Goetz ist ein Hansdampf in allen Trends.
Der Zyklus "Heute morgen", Goetz' fünfter, nähert sich den aktuellen
kulturellen Äusserungsformen auf literarische weise an, schlägt er einen neuen Takt an.
House, Acid, Trance bilden die dampfende Szenerie.
von Beat Mazenauer
Bam Bam Bam im Stroboskop-Gewitter: "Rave"
Im Magazin "Facts" ist Rainald Goetz als
"Berufsjugendlicher" apostrophiert worden. Dieser Vorwurf war zu erwarten. Seit
seinem sensationellen Auftritt beim Klagenfurter Wettlesen 1983, bei dem er richtiggehend
Blut liess, hat sich Goetz tatsächlich durch eine mediale Betriebsamkeit hervorgetan, die
innerhalb seiner Texte nicht auf ästhetischen Glanz abzielte und dafür ausserhalb
aufzufallen suchte. Seine chaotischen vielbändigen Konvolute "Krieg" und
"Festung" haben durch eine ungeschliffene Unbescheidenheit provoziert. Nun gibt
sich auch sein neues Buch, die Erzählung "Rave", schon auf den Titelseiten als
Teil eines umfassenden Projekts aus formal heterogenen Teilen aus.
Der Vorwurf des Berufsjugendlichen greift dennoch zu kurz. Möglicherweise trifft sie
den 44jährigen Autor Goetz ganz persönlich. Der fiktive Ich-Erzähler in
"Rave" freilich, der zwar Rainald heisst, altersmässig aber nicht näher
bestimmt wird, muss sich davon nicht betroffen fühlen. Es ist nicht das erste Mal, dass
die Gleichsetzung von Autor und Erzähler in die Irre führt. Der Vorwurf impliziert aber
noch ein zweites: die Reserviertheit des literarischen Betriebs gegenüber dem
"Techno-Autismus in Reinkultur". (Im 18. Jahrhundert wurde noch vor dem Lesen
wegen seiner autistischen Züge gewarnt.) Weil Techno nicht wie klassische Musik oder Jazz
"belletristisch" geeicht ist, müssen seine gleichförmigen harten Beats
herausfordern. Das Vorurteil gegenüber ihnen und der "kulturindustriellen"
Popkultur gesamthaft mag subjektiv durchaus berechtigt sein, nicht zu leugnen aber ist,
dass Techno begeistert und in Deutschland mit ihrem Pionier Westbam (alias Maximilian
Lenz) auch ein ansprechendes intellektuelles Reflexionsniveau erreicht hat. Kein Zufall,
dass sich Westbam und Goetz kennen und schätzen. Eingedenk dessen soll "Rave"
deshalb wohl als gebrochenes, doch nicht voreingenommen kritisches Porträt der
Techno-Szene gelesen werden.
Eine Geschichte im traditionellen Sinn ergibt sich aus der abschweifenden Perspektive
des Party-Gängers und Ich-Erzählers allerdings nicht. Die Dialoge stocken, beschränken
sich auf kurze Floskeln oder entfernen sich einfach aus dem Blickfeld des Beobachters, der
weiterzieht. Ums Reden geht es ja auch nicht an einer House-Party. Dafür um Fun und Kicks
und - ein Rest scheint unbestimmt zu bleiben. Mal total cool, mal völlig abgetunt
geistern die Figuren im blitzenden Stroboskop-Gewitter umher, hoffend, dass der Kelch nie
zur Neige gehen möge. Doch Chillout kommt bestimmt und im grellen Sonnenlicht wird auch
sichtbar, wie kaputt einzelne am Ende des Wochenendes aus den Partykellern herauskriechen.
Goetz "komponiert" einen Remix aus verschiedenen Dancefloors in München,
Berlin, Köln. Im Brennpunkt steht dabei sichtlich nur ein Teil der Szene: ihr harter
Kern, die sich weder durch Moden noch durch Kommerz in ihren Ritualen stören lassen will.
Mit Pillen, Joints und Koks heben sie sich auf die Höhe ihres Vergnügens, auch wenn der
Witz spätestens am nächsten Tag auf der Strecke bleibt.
Der Erzähler gibt sich als einer dieser Harten aus und trumpft entsprechend mit
Euphorie über das vollgedröhnte Totalerlebnis auf. Doch Achtung, das sollte nicht dazu
verleiten, es wörtlich, als Bekenntnis des Autors selbst, zu lesen und deuten. Goetz geht
es um einen monomanischen Schreibprozess, mit dem sich die eigene Person im medialisierten
Weltganzen behauptet. In dieser Richtung zielen zum Beispiel auch die satirischen
Einschübe auf die Kommerzialisierung der Techno-Szene durch RTL, Viva oder Tempo, die
sich der Technokultur modegeil anbiedern - wenn es nicht anders geht auch mit
scheinheiligen Drogenreports. In solchen Passagen läuft Goetz Erzähler zu guter
polemischer Form auf und findet einen gebrochenen Ton, der auch nicht vor boshaften
Seitenhieben gegen namentlich genannte Sternchen der Schickimicki-Szene zurückschreckt.
Indem er lautlos zwischen Szene-Beobachtung und Trend-Satire hin- und herzappt, sorgt
er innerhalb seiner flatternden, diskontinuierlich ungeordneten Textpartikel für Spannung
und für ein Quentchen Rätselhaftigkeit. Er signalisiert den grundlegenden Zwiespalt
zwischen Zusammenhang und Zersplitterung, Kultur und Mode, aus dem die Techno-Szene selbst
nicht herausfindet.
Symptomatisch ist, was Goetz in "Mix, Cuts & Scratches" über den DJ
Westbam geschrieben hat: Trotz Erfolgs habe dieser "kontrapunktisch heftig gegen sich
selbst und überhaupt gegen allzuviel Einverständnis angebrettert". Westbams Härte
sei in den besten Momenten "experimentell und ordinär" gewesen. Dies möchte
auch Goetz in seiner Erzählung sein.
Der effekthascherische Inszenator der eigenen Texte thematisiert die modernen Medien
und Trends nicht nur, sondern er assimliert sich ihnen. Dies demonstriert auch seine
Website, wo Goetz unter dem Titel "Abfall für alle" täglich Notizen ablegt und
öffentlich zugänglich macht. Zum Datum des 15. März können wir da zum Beispiel lesen,
dass die "Erschöpfungs- und Überwindungszustände" nach einer "einen
eigenen Flavour, eine besondere Prägnanz" haben, weil der Kampf um die
Aufmerksamkeit einen dafür besonders empfänglich mache. Abermals fragt sich: was ist
echt und was assimiliert, was Literatur und was Inszenierung? Die Grenzen sind bei Goetz
fliessend. Ein Grund mehr, weshalb ihm Opportunismus vorgehalten wird.
Deshalb schliesst der Vorwurf der Effekthascherei gleich auch die Kritik mit ein, seine
Texte und speziell die neue Erzählung seien formal nichts als eine wilde Collage aus
Party-Getue, infantilem Gelalle und blödsinnigem Lob auf die Droge als Lebenselixier.
Formal ist "Rave" tatsächlich nur schwer als Erzählung einzuordnen. Dafür ist
sie im Grunde zu inkonsistent, fragmentarisch, bunt facettiert. Zudem ohne Handlung - kann
es eine solche überhaupt noch geben? Dem ist immerhin entgegenzuhalten, dass heute im
Lande Goethes und Schillers tatsächlich in dem anglisierten Slang gesprochen wird, den
Goetz beschreibt.
Demnach ist "Rave" ein wilder Kriegsruf aus den Kellern, wo die House-Party
läuft und die Gesetze des Fun gelten. Die Überschriften zum ersten ("Der
Verfall") und dritten Teil ("Zerstörung") sowie die elenden Drogenfahrten
signalisieren allerdings die Ambivalenz, die Kehrseite des kollektiven Glücks.
Goetz Erzählung brettert zuerst mit harten fragmentierten Sprachbeats, erschlafft
dynamisch betrachtet zusehends und versickert schliesslich im flackernden Blackout ihrer
Figuren. Goetz Erzählung ist eine gebrochene Techno-Feier. Techno lebt von
Widersprüchen, die sich in diesen scharfen Ausschnittbildern spiegeln. Diese
herausforderung nimmt der Autor leidenschaftlich, kritisch, aber ohne abgehobene
Besserwisserei an. Vor allem wehrt er sich dagegen, "dass man sich für manche
Phänomene der populären Kultur, einfach nur aufgrund der eigenen Klassenzugehörigkeit,
als zunächstmal NICHT zuständig zu qualifizieren hat, und damit eigentlich auch als
UNFÄHIG, sie zu erkennen, zu verstehen und zu bewerten".
"Rave" ist keine brillante Erzählung nach landläuigem Kriterien. Eher wirkt
sie wie ein fragmentiertes Prozess-Protokoll von einer phantastischen Reise durch den
Untergrund einer Szene, deren harte Beats aus allen Boxen wabern und der die schöne
Literatur irgendwie linkisch bis unbeholfen begegnet. Dazwischen schlägt Goetz eine
Brücke, ob als "Berufsjugendlicher" oder nicht, ist unerheblich. Auf
kraftvolle, ungebärdige Weise erfüllt Goetz diese Aufgabe und fordert damit zu
Widerspruch heraus. In diesem Sinn ist Zwiespältigkeit mitunter auch eine Tugend.
Rainald Goetz: Rave. Erzählung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M.
1998. 272 S. (= Heute Morgen 5.1).
Westbam. Mix, Cuts & Scratches, mit Rainald Goetz. Merve Verlag, Berlin 1997. |