Zu Gibsons literarischen Vorbildern zählt der geheimnisumiwitterte Thomas Pynchon, dessen
Roman "Gravitys Rainbow" ("Die Enden der Parabel", engl. 1973)
zu den sperrigsten und zugleich faszinierendsten Werken der amerikanischen Literatur
gehört. 1990 hat Pynchon mit dem Roman "Vineland" eine etwas zugänglichere
Variation seiner verwirrenden Erzählkunst vorgelegt. Im sonnigen Kalifornien droht
Ungemach, weil staatliche und mafiöse Mächte nach einer Frau namens Frenesi fahnden.
Dabei geraten ihr Ex, der Alt-Hippie Zoyd, sowie ihre Tochter Prairie ins Beobachtungsfeld
der Verfolger. Pynchon erzählt es und beweist dabei eine stupende Souveränität im
Umgang mit modisch-umgangssprachlichen Wendungen und alltäglichen Banalitäten. Nicht
allein deshalb aber erinnert "Vineland" an Wiliam Gibson.
In dessen Geschichten durchdringen sich Wirklichkeit und Vision so,
daß die erzählten Zukunftswelten auf heimtückische Weise gegenwärtig scheinen. Pynchon
dagegen schildert gegenwärtige Ereignisse, daß sie nicht selten zukünftig anmuten.
Sicherheitskräfte entern im Flug ein Passagierflugzeug, um eine Personenkontrolle
vorzunehmen; die (bei Gibson zentrale) Yakuza ist allgegenwärtig; vor allem aber gleicht
die Ninja DL auf frappante Weise den weiblichen Samurais Lily ("Neuromancer")
und Molly ("Der mnemotische Johnny") bei Gibson. Alle drei haben sie es in
japanischer Kampftechnik fast zur Perfektion gebracht. Molly (mit den ausfahrbaren Klingen
unter den Fingernägeln), Lilly (mit den Videoaugen) und DL (mit der "vibrierenden
Hand", die unmerklich töten kann) signalisieren eine neue, japanisch gepägte
Weltkultur. Signifikante Parallelen, die den Schluß nahelegen, daß nicht nur Gibson
seinen Pynchon, sondern möglicherweise auch Pynchon seinen Gibson gelesen hat. Eine
Vermutung nur, die ungeklärt bleibt, solange sich Thomas Pynchon in seiner Anonymität
verborgen hält.