Die Dekonstruktion der utopischen Gegenwart
von Beat Mazenauer & Felix Keller
"Wir sind Träumer, sehen Sie, aber wir sind
auch Realisten, in gewisser Weise."
Gemeinhin gilt er als Erfinder des Cyberspace,
das heißt des Wortes "Cyberspace". Im Grunde aber habe er keine Ahnung von
Technik, sagt William Gibson von sich selbst. "Ich war nie besonders technisch
interessiert und werde es nie sein. Ich bin ein Schriftsteller, Poesie und Pop-Kultur sind
die zwei Dinge, die mich am meisten faszinieren. Hi-Tech regt mich nicht sehr an."
Gleichwohl hat es der 1948 geborene, heute in Toronto lebende Gibson mit seinen Romanen
und Erzählungen zu besonderem Ruhm innerhalb des Sciencefiction-Genres gebracht: Er ist
der Autor des Cyberspace. Sein poetisches Universum, das er in der
"Neuromancer"-Trilogie 1984-1988 entwarf und in nachfolgenden Büchern
vertiefte, hat seither in Diskussionen um Fragen der Gegenwart und Zukunft unübersehbare
Spuren hinterlassen. Nicht zuletzt deshalb, weil es Gibson gelingt, gesellschaftliche und
technologische Veränderungen poetisch zu antizipieren. Er hat den "Cyberspace"
literarisch evoziert und beschrieben, als das globale Datennetz erst in Aufbau begriffen
war. Und in seinem jüngsten Roman "Idoru" beschreibt er das Starsystem der
MTV-Pop-Kultur in einer Weise, die ausgesprochen futuristisch anmutet. Das Idol der
Zukunft ist eine virtuelle künstliche Schönheit, die aus den Publikumserwartungen
errechnet worden ist. Gleicht ein solches Kunstwesen nicht verführerisch aktuellen Bands
und Starlets, die zwar noch menschlich-körperliche Gestalt besitzen, doch primär
Werbeprodukte mit vorausberechneter Erfolgsgarantie darstellen?
*
Auch wenn sich William Gibson in die Tradition des Sciencefiction
einordnen läßt, verweigert er sich dessen Gepflogenheiten. Er will nicht Zukunftswelten
konstruieren, eher ist es ihm darum zu tun, die soziale, mediale und technologische
Gegenwart so zu thematisieren. Seine Geschichten spiegeln unsere Entfremdung vor der
Gegenwart. Eine solche Haltung verbindet ihn mit den Autoren von traditionellen Dystopien
wie Jewgenij Samjatin, Aldous Huxley oder George Orwell: Sie alle wollten mit ihren Werken
primär vor der Gegenwart und nicht vor der Zukunft warnen. Bei Gibson allerdings steht
nicht mehr eine politische, sondern eine wirtschaftlich-technologische Diktatur im
Zentrum. Autoritäre Regimes haben sich im globalen Datenstrom förmlich verflüchtig; in
dessen chaotischer Fülle vermögen sich einzig Konsolen-Cowboys" und
Netzläufer" im Dienste mafiöser und monopolistischer Unternehmen zu
orientieren. Eingedenk seines technischen Unwissens sind es allerdings primär
literarische und soziologische Interessen, die den Autor Gibson in seiner Arbeit
anspornen. Ich denke nicht, daß Science Fiction eine große Voraussagekraft hat,
aber es ist ein interessantes Instrument zur Betrachtung der Welt, in der wir leben."
Durch ihre Brille erkennen wir die Wirklichkeit, wie sie ist: fern von gehätschelten
Idyllen und Idealen, dafür mit einem ungeheuren Potential an erstrebten wie
erschreckenden neuen Fähigkeiten und Technologien, die vertraute Vorstellungen und
Denkkategorien tüchtig durcheinanderwirbeln.
Dieser Versuch, die technologische, prognostische Fixierung der
Sciencefiction zu überwinden, hat William Gibsons Renommee über die SF-Fangemeinde
hinaus gefestigt. Mit ihm ist dieses etwas suspekte literarische Genre salonfähig
geworden, das heißt das Feuilleton hat seine natürliche Reserviertheit gegenüber diesem
populären Schmuddel-Kitsch" abgelegt. Es macht den Anschein, daß unter dem
Druck des rasanten Technikwandels in der Sciencefiction zusehends ein Medium erkannt wird,
daß nebst visionären auch gegenwartsanalytische Fähigkeiten besitzt. Die Übernahme von
Gibsons weltöffnendem Zauberwort "Cyberspace", mit dem heute die trendige
Philosophie ebenso hantiert wie die Werbewirtschaft, signalisiert diese Nobilitierung.
Doch dies allein vermag die Resonanz nicht zu erklären, die William
Gibsons Romane mittlerweile erzielen. Was inzwischen über Bildschirme und Leinwände
flimmert - farbig, bewegt und in Sensorround - ist nach wie vor müder Abklatsch dessen,
was er als Cyberspace begreift: "ein Raum, der kein Raum ist", sondern Ergebnis
der "unvorstellbar komplexen, reflektorischen Halluzinationen des Menschen". Die
ihm zugrundeliegende Matrix" besteht aus "einer abstrakten Darstellung der
Beziehungen zwischen Datensystemen", in der "bunte geometrische Formen wieder
die Firmendaten repräsentieren". Diese kollektive "elektronische
Konsens-Halluzination", die eigentlich nur "den Transport großer Datenmengen
erleichtert", bildet selbst einen "farblosen Nichtraum", in dem die
"einzigen Sterne dichte Informationskonzentrationen" sind und in dem hoch über
allem die Galaxien der Multis und kalten Spiralarme der Militärsysteme
leuchten". Durchaus real wird dieser halluzinierte Raum indes für den, der Einlaß
in die Datenströme begehrt. Besonders wer sich verbotenerweise einloggt, das heißt sich
selbst körperlich an den Cyberspace anschließt, muß mit heftigen Rückkopplungen
rechnen, die zum Hirntod durch "sensorische Überlastung" führen können. Im
Gegensatz zu unserem harmlosen Mausklicken ist solches Hacking nicht gefahrlos, auch wenn
der Hirntod bei Gibson nicht mehr zwangsläufig den Tod des Menschen signalisiert.
*
Damit allein, ließe sich einwenden, hebt sich Gibsons Literatur noch
nicht über traditionelle Sciencefiction-Phantasien hinaus. Entscheidenderweise kommt ein
anderer Aspekt dazu. Gibsons Zukunftswelten zeichnen sich durch eine Form, einen Stil aus,
der die futuristisch anmutenden Welten auf neue Weise beschreibt. Dieser Stil machte
Gibson nach dem Erscheinen seines Romans "Neuromancer" 1984 zum Kultautor. In
nuce allerdings finden sich seine wesentlichen Elemente bereits in den frühen
Erzählungen vorgeprägt. In Johnny Mnemonic", Burning Chrome" oder
Hinterlands" erprobte Gibson Ende der siebziger, anfangs der achtziger Jahre
Erzählstrategien und Analysetechniken, mit denen er den ungreifbaren Cyberspace
sprachlich ermessen, begrifflich fassen und zugleich seinen persönlichen Ort innerhalb
der Sciencefiction-Literatur bestimmen wollte.
Der Vergleich mit einer Ikone dieses Genres: Stanislaw Lem,
demonstriert die Innovationen Gibsons.
Verdanken wir diesem wenigstens den Begriff "Cyberspace" -
1982 tauchte er erstmals in der Erzählung "Burning Chrome" auf - werden jenem
gerne die Entdeckung der Virtualität nachgesagt. Lem habe, wird gesagt, den Cyberspace
und dessen Folgen avant la lettre thematisiert und dies erst noch philosophisch
tiefsinniger und technologisch versierter getan als Gibson. Tatsächlich erstaunt die
Präzision, mit der Lem bereits vor Jahrzehnten aktuelle technische Geräte wie 3D-Brillen
vorwegnahm und elektronisch generierte, virtuelle Welten beschrieb. Jenseits solcher
Erbsenzählerei indes gibt es zwischen diesen beiden Visionären"
grundsätzliche Differenzen.
Lems Geschichten aus der virtuellen Welt handeln vornehmlich von
elektronisch indiziertem Trug, von der Entlarvung desselben und der anschließenden
Rückkehr zur Normalität. So berichtet die Erzählung Test" vom Kadetten Pirx,
der verträumt und von den militärischen Anforderungen überfordert während seines
ersten Flugs in eine heikle Notsituation gerät. Zwei Fliegen drohen seine Rakete auf die
Mondoberfläche stürzen zu lassen, doch er vermag die heikle Situation zu meistern. Um so
größer ist sein Schock, als er wieder mit der "realen" Wirklichkeit
konfrontiert wird: Die Notsituation war eine perfekte Simulation, um seine Fähigkeiten zu
testen.
Geschickt spielt Lem mit den Lektüre-Erwartungen nach etwas
Außergewöhnlichem, um am Ende eine scheinbar einleuchtende technische Erklärung
abzugeben - als möchte er mitteilen, daß die Zukunft und ihre Technologien weitaus
profaner sein werden als Phantasie und Neugier der Lesenden es erwarten lassen. Technik
und menschliche Psyche sind gleichenteils unzulänglich; das Zusammenspiel ihrer Mängel
kreiert eine eigene, verfälschende Realität, die sich indessen aufklären läßt. Wie im
klassischen Kriminalroman ist die Wiederherstellung des Gewohnten Ziel von Lems
Erzähldramaturgie. Und wie die Motive des Mörders im Kriminalroman etwas Beruhigendes in
sich bergen, sind sie einmal aufgedeckt und nachvollziehbar, verstärken die technischen
Erklärungen der Täuschung durch die Virtualität zuguterletzt den Glauben an eine
erkennbare, mit naturwissenschaftlich geschultem Sachverstand begreifbare Welt. "Der
physische Mechanismus des Vorfalls", klärt Lem die Täuschung durch virtuelle
Realität in einer anderen Erzählung auf, "war von trivialer Einfachheit, er war das
Ergebnis einer bestimmten Aufeinanderfolge von Zufällen".
Der Weitblick Lems für die Bedeutung und den Bedeutungswandel der
Technik mag beachtlich sein, doch sind seinem abgeklärten wissenschaftlichen Realismus
Grenzen gesetzt. Weil progonostische Sciencefiction auch in Expertenberichten stattfindet,
sucht die literarische Sciencefiction immer wieder noch phantastischere Spannungsfelder.
Dem entsprechend möchte auch William Gibson die inhaltlichen und formalen Elemente des
hard science fiction" für ein eigenes literarisches Spiel gewinnen. Zwar hat
auch er technologische Leitbegriffe wie eben "Cyberspace" geprägt, darüber
hinaus aber ist er neue Wege gegangen, die von jenen Lems markant abweichen.
*
Lems Beschreibungen der künftigen" technologischen Probleme
faszinieren gerade deshalb, weil sie die futuristische Situation plausibel" und
akribisch genau vor Augen führen. Mit anderen Worten: Lems Zukunftsvisionen entstehen aus
einer nachvollziehbaren realistischen Schreibweise, die im Grunde ins 19. Jahrhundert
zurückverweist. Gerade davon aber löst sich Gibson und damit vom Anspruch der
Sciencefiction, die fiktive Zukunft zu repräsentieren". Hierdurch verläuft
die Bruchlinie zwischen ihm und Lem (dessen philosophische Spitzfindigkeiten sich
ihrerseits vom geläufigen SF-Schund" abheben).
In seiner Erzählung "Das Gernsback-Kontinuum", benannt nach
dem Gründer der ersten SF-Heftchenserie, formuliert Gibson die Differenz aus. Auf einer
Recherchereise sieht sich der Ich-Erzähler, ein auf historisches Industriedesign
spezialisierter Fotograf, flugs in befremdliche Dekors hineinversetzt. Die Welt des
frühen Sciencefiction der zwanziger Jahre, ihre vorausschauenden
"Kollektivphantasien", erscheinen ihm alptraumhaft als "semiotischer
Spuk", der irgendwie noch frei in der symbolischen Welt umhergeistert. Die Wucht
futuristischer Städte und die leeren Dialoge ihrer Bewohner, welche sich fugenlos in jene
Welt einfügen, vermögen in ihm nur noch klaustrophobische Ängste zu wecken. Erdrückend
spürt der Designhistoriker die modellhafte Einheitlichkeit der futuristischen
Imaginationen, hinter der letztlich die autoritäre Ordnung eines potentierten
Metropolis" zum Ausdruck kommt: so unheilverkündend und schmalzig wie
Hitlerjugend".
Von einer solchen Zukunftsordnung, wie sie in den Erzählungen der
klassischen" Sciencefiction entwickelt wird, verabschiedet sich Gibson mit
einem narrativen Programm, das er 1976 in der Erzählung Fragmente einer
Hologramm-Rose" programmatisch festgehalten hat. Gibson strebt keine realistische
Zukunftsbeschreibung mehr an, den belehrenden Ton des begabten Sehers gibt er auf, an ihre
Stelle treten fragmentierte Textsplitter, die kaleidoskopische Blicke auf das fiktive
Andere innerhalb gegenwärtiger Gesellschaften freigeben. Hinter dieser Schreibweise gibt
es keine einheitsstiftende Idee" mehr, keine kosmische Deutung:
Fragment" und Hologramm" stiften eine eigene Dialektik. Während das
Fragment" aus einer Zerstückelung der Totalität" resultiert,
gaukelt das Hologramm" vor, daß die zersplitterten Sichtweisen noch zu einer
(künstlichen) Gesamtheit zusammenfügen ließen.
Die Erzählung thematisiert zunächst nichts anderes als eine triviale,
in gewissem Sinne zeitlose Begebenheit: eine Liebesbeziehung ist in die Brüche gegangen.
Mit einem elektronischen Gerät ("Apparent Sensory Perception"), das täuschend
echt die sinnliche Präsenz von Personen zu speichern und wiederzugeben vermag, versucht
der Held nochmals in die Welt seiner Geliebten einzutauchen. Doch das Magnetband mit den
Aufzeichnungen ist halbwegs gelöscht, die gespeicherten Splitter ergeben keinen Sinn
mehr, ein Verstehen der Person, die ihn verlassen hat, ist deshalb unmöglich. "Wir
sind bloße Fragmente voneinander", erkennt der Protagonist, und die Geschichte eines
Menschen ist "die schwarze Front des Delta-Inducers, der leere Schrank und das
ungemachte Bett".
Diese Rahmenhandlung ist bloß fragmentarisch rekonstruierbar, zudem
sind hier - anders als bei Lem - die Apparaturen einer technologisch generierten
Realität, mit all ihren Unzulänglichkeiten und Pannen, bereits unabänderlicher
Bestandteil der (virtuellen) Welt des Protagonisten, so daß sie Gibson nicht mehr eigens
zu erklären braucht. In der Erzählung "Burning Chrome" zum Beispiel jagen sich
auf wenigen Seiten Begriffe wie Matrix-Simulator, Ono-Sendai VII (Cyberspace Seven),
Phosphenflut, EIS, Simstim, Duraluminium-Handgelenk. Einige davon erhalten im Laufe der
Handlung klarere Konturen, andere bleiben ungreifbar und verflüchtigen sich unerkannt.
Alle jedoch tragen dazu bei, eine technoide Atmosphäre zu kreieren und eine futuristische
Szenerie zu kartieren, in der wir ausschnittweise unsere gegenwärtige Wirklichkeit
wiedererkennen können. Begriffe und Bezeichnungen bilden ein Netz von
auseinanderstrebenden Merkpunkten, innerhalb deren unsere herkömmlichen
Orientierungsmuster verwirrt und gestürzt werden sollen. Auf rätselhafte Weise markieren
sie, daß diese Geschichten möglicherweise in einer Zukunft spielen.
*
Damit greift Gibson zwar auf ein klassisches Element der Sciencefiction
zurück, doch ohne die Absicht, die Differenz zur Gegenwart zu betonen, wie es die
klassisch futuristischen "Gernsback"-Dekors noch versuchten. Ebensowenig
trachtet er danach, eine realistische" technische Vision der Zukunft zu
zeichnen. Es geht eher darum, festgefügte Bilder und Handlungsschemen zu durchkreuzen
sowie die Hoffnung auf Darstellbarkeit einer Totalität zu enttäuschen. Angesichts dessen
gerät Lems Grundfrage, ob es sich um Täuschung oder echte Wahrnehmung handelt, ins
Abseits und sein Hang aufzuklären wird obsolet.
Um diese Differenz zu bekräftigen, hat William Gibson nach einer
Schreibweise gesucht, die den Vertrauensverlust gegenüber der klassischen Sciencefiction
auch sprachlich, stilistisch wiedergibt. "So viel ich weiß, erreichte ich exakt das
Publikum, das ich erreichen wollte, und dazu das Sciencefiction-Publikum",
bestätigte er seine höheren Ansprüche. Tatsächlich lassen sich Gibsons Romane, die
längst Kult- und Bestsellerstatus haben, auf zwei unterschiedliche Weisen lesen: mit
überfliegender Anspannung oder mit kritischer Tiefenschärfe. Diese Ambivalenz nährt
Faszination und Irritation. Was auf den ersten Blick als kunstlose Schnellschreibe anmuten
könnte, erweist sich bei näherem Hinsehen als bewußt gesetzter Stil, der den eigenen
Text permanent in Frage stellt: ihn dekonstruiert. Mit der Weigerung, eine konsistente,
einheitliche Zukunft zu erzählen, verstößt Gibson nicht nur gegen die Auffassung, daß
Sciencefiction-Texte technisch versierte Orakel verkündeten, permanent werden auch die
Regeln des realistischen Erzählens verletzt. Gibson zersetzt die Einheitlichkeit von
Raum, Zeit und Inhalt, indem er die Handlung sprung- und lückenhaft entwickelt, die
Erzählperspektiven wechselt und, wie gesehen, unbekannte Begriffe kreiert respektive
bekannte Begriffe verfremdet. Zum einen hintertreibt er so aktiv die Lesefreundlichkeit
seiner Texte, zum anderen bekundet er ihre hologrammatische Fragmentarität. Gibsons
Geschichten beleuchten bestimmte Aspekte der erzählten Welt, ohne daß sie sich je zu
einem Ganzen zusammenfügen lassen und ohne daß sie eine einheitliche Perspektive
vertreten. Das Schicksal des mimetischen Erzählens und Abbildens scheint besiegelt.
*
Im Gegensatz zu seinen lonesome Cowboys", die auf sich
gestellt einsam den Cyberspace durchstreifen, ist Gibson selbst jedoch kein Einzelgänger,
der frei von äußeren Einflüsterungen einen neuen literarischen Code entworfen hat;
vielmehr reiht er sich in durchaus ehrenwerte Traditionen ein. Zuallererst entspricht sein
Stil beinahe perfekt dem Anforderungsprofil "postmoderner" Literatur, wie sie
Ihab Hassan definiert hat. Ihm zufolge ist sie wesentlich von Instabilitäten,
Ambiguitäten, Brüchen und Verschiebungen gezeichnet. Denn einzig der Fragmentierung
traut der postmoderne Mensch noch (Hassan). Das Nicht-Zeigbare,
Nicht-Darstellbare" - zentrale Charakteristika postmoderner Literatur und ebenso
zentral für Gibsons Schreibweise - spiegelt sich in der Fassungslosigkeit des Menschen
gegenüber dem Cyberspace, dessen Logik und Natur" er nicht mehr begreifen
kann. Gerade dieses Unbegreifen, diese Begriffslosigkeit aber öffnet Räume für jene
mythische Irrationalität, die Leslie Fiedler als Element der Postmoderne feiert.
Nach seinen Vorbildern befragt, nennt William Gibson gerne die Namen
von William Burroughs, Thomas Pynchon oder Cormac McCarthy, von Säulenheiligen des
"postmodernen" amerikanischen Romans also, die ihm den radikalen Bruch mit der
Einheit von Raum, Zeit und Subjekt vorgemacht haben. Im Vergleich mit Gibson erweisen sich
Burroughs oder der Pynchon von "Gravitys Rainbow" (Enden der
Parabel") zwar als stilistisch radikalere Dekonstrukteure, gemeinsam ist allen dreien
jedoch, daß sie Elemente verschiedenster Gattungen in ihre Texte einbauen. In Gibsons
"Neuromancer"-Trilogie etwa sind Western, Horror-Geschichten, ja selbst
Bestandteile des traditionellen Entwicklungsromans auszumachen.
Dieser Pastiche aus Elementen der Hoch- wie der Populärkultur, die
Melange aus verschiedensten Stilrichtungen weist dem Lesepublikum notwendigerweise auch
neue Kompetenzen zu. Der zerstückelte Sinn, der durchbrochene Erzählverlauf - ebenfalls
Charakteristika postmoderner Literatur - erhebt ganz andere Ansprüche an die Lektüre:
höhere Konzentration, intensivere Performanz (Teilnahme am Text) und schließlich eine
aktive Interpretation des mitunter rätselhaften Geschehens. Deutlich wird dies in der
Erzählung "Der mnemotische Johnny", besonders in der ebenso detailgenauen wie
selektiven Beschreibung des ominösen "Killerparketts", das die Lo Teks in der
geodätischen Kuppel hoch über der Nighttown aufgespannt haben. Gibson beschreibt das aus
Drahtseilen geflochtene Netz und seine wippende, quietschende Spannkraft, doch kein Wort
davon, woran es in dieser Leere arretiert ist. So bleibt es erzählerisch im Vagen
hängen, allenfalls geknüpft an die Erwartung, daß sich die Lesenden je selbst ein Bild
davon machen. Der Autor gibt lediglich einen fragmentierten Raster vor. Allerdings, gilt
es hier zu betonen, lassen William Gibsons Geschichten gerne eine Hintertüre für die
schnelle, überfliegende Lesart offen, im Unterschied zu Burroughs "Naked Lunch"
oder Pynchons "Enden der Parabel".
*
Ist Gibson also nichts weiter als ein Epigone der literarischen
Postmoderne, der ihr Programm ernst nimmt und das entgrenzte Spiel zwischen populärer und
etablierter Kultur nicht nur fordert, sondern mit einigem Erfolg auch umsetzt? Verhielte
es sich so, bliebe seine Originalität auf formale Innovationen im Bereich der
Sciencefiction-Literatur beschränkt und damit ein Phänomen der Populärkultur, die bloß
nachahmt, was die "ernste" Literatur vorweggenommen hat.
Gibsons Texte offenbaren indes zusätzliche Facetten. Sie greifen die
literarische Postmoderne nämlich auf, um sie gleich wieder zu verabschieden - ohne
allerdings indie alten Erzählmaschen von Authentizität und gegenkünftigen Erklärungen
zurückzufallen. Gibson dekonstruiert eine visionär extrapolierte Wirklichkeit und
entdeckt darunter auch Realitäten, welche die gegenwärtigen Lebensverhältnisse
vielleicht erst im Geheimen bestimmen und daher nicht allenthalben sicht- und spürbar
sind. Leslie A. Fiedler freute sich noch, daß die postmoderne Literatur in einer
prophetischen Veranwortungslosigkeit" lebt und dabei einer freudvollen
Misologie" (Abneigung gegen sachliche Argumentation) frönt, ohne einer
übertriebenen Selbstbewußtheit" zu verfallen.
Diese postmoderne Fröhlichkeit (nicht aber Ironie!) ist Gibsons Welt
längst abhanden gekommen. Die Gesellschaft, die er schildert, präsentiert sich als
ego-manischer, chaotischer und wirtschaftlich entfesselter Kapitalismus, der trotz seiner
futuristischen Färbung durchaus Parallelen mit der gegenwärtigen sozialen, politischen
und wirtschaftlichen Verfassung zu erkennen gibt. Eine weltumgreifende
Kommunikationsstruktur hat sich etabliert, die auch geographisch das einstige
Nebeneinander aufgesprengt hat. Hegemonie gibt es keine mehr, auch wenn sich das
Weltzentrum scheinbar nach Chiba-City in Japan verlagert hat. Kulturell und sozial hat
sich jegliche Homogenität verloren. Es sind nicht mehr Kapitalisten und Proletarier,
Rassen und Geschlechter, Arme und Reiche, die gegen- und miteinander ringen. Allenfalls
einzelne Individuen versuchen sich der Informationsstrukturen zu erwehren, die von solcher
Abstraktheit und Lebensweltferne sind, daß sie fast schon mythologische, transzendentale
Qualität haben. Der Cyberspace gleicht einem realen Spukschloß, in dessen verwirrenden
Gängen die Protagonisten Gibsons wie Gespenster umhertappen, um dem Informationszeitalter
auf die Schliche zu kommen. Doch die einstigen Antipoden von wackeren Cowboys, Superhelden
und Menschenfreunden: die reichen Monopolisten, sie sind nicht mehr anzugreifen.
Schimärenhaft vegetieren sie in Kühlboxen oder künstlichen Nährlösungen dahin und
tauchen in der Öffentlichkeit als bloße Hologramme auf. Eine Agentin in "Count
Zero", die auf eines dieser Scheinbilder trifft, spürt "mit der Gewißheit des
Säugetierinstinkts", daß die "Steinreichen nicht einmal mehr annähernd
Menschen waren".
Es sind die Menschen, die sich der Informationstechnologie anpassen -
nicht umgekehrt, wie noch die Phantasien von künstlichen Intelligenzen und Androiden
erwarten ließen. Jede Bewegung hinterläßt Spuren im Netz, "scheinbar
bedeutungslose persönliche Datensplitter". Biomedizinische Eingriffe haben den
trägen Körper technisch "auffrisiert", so daß er mittels implantierten
Schnittstellen direkt an die globalen Datenströme andocken kann. Auf ihren Jagden nach
Datenmaterial geben die Protagonisten Gibsons daher ihre körperliche Souveränität auf
und zerfließen förmlich im Cyberspace. Dies bedeutet, daß nicht nur die Welt, in der
sie leben, eine Cyber-Welt ist, sondern daß die Cyber-Welt umgekehrt auch ihre
Körperlichkeit und Wahrnehmung verändert hat. Derart werden in Gibsons Erzählung nicht
nur die Gesellschaft und Kultur der Menschen fragmentiert, auch ihre Gestalt und ihre
Identität lösen sich allmählich auf.
*
Ist damit der Nullpunkt" von Gibsons Dekonstruktionen
erreicht? Gilt es bloß noch die Sprache selbst in unverständliche Chiffren aufzulösen?
Womöglich ist das Gegenteil der Fall. William Gibson hat, so läßt
sich zeigen, das Spiel der Dekonstruktion hinter sich gelassen, denn was ihn von jenen
Autoren unterscheidet, die früher schon Sciencefiction für die Beschreibung der
Aktualität" nutzten (Orwell), ist der Umstand, daß die Zukunftswelten eben
nicht als Parabel funktionieren, die nach ihrer Dechiffrierung eine wirklichtkeitsgetreue
Gegenwart enthüllen. Gibsons Literatur versteht sich weder als Gleichnis noch als
erhabene Widerspiegelung des Gegenwärtigen und seiner Zukunftspotenz, sie sucht vielmehr
die Gegenwart auf eine neue Art zu benennen und so ihre untergründige Struktur zu
enthüllen. Die traditionellen Utopien und mit ihnen die Sciencefiction sind eng mit der
traditionellen Industriegesellschaft verbunden. Der früher schon eingeleitete
technologische Wandel hat gegen Ende des Jahrtausends aber eine derartige Rasanz
angenommen, daß sie verunsichert und allein deshalb schon auf die Gesellschaft
zurückwirkt. Die Maschinen des Informationszeitalters sind klein, subtil, unbegreiflich
und "sprachliche" Energie hält sie am Laufen. Immense Informationsströme
wickeln den Globus bildlich ein.
Doch diese Ströme führen letztlich zu einer Entropie, zu einem
Zusammenbruch der Deutungsmuster und des Wissens über die gesellschaftliche Realität.
Die vereinheitlichende Utopie, schreibt der Philosoph Gianni Vattimo, ist längst durch
unzählige Heterotopien ersetzt worden. Gibson fügt sich dieser "Realität" auf
eigene, dekonstruktive Weise. Der Utopie (Nicht-Ort) erweist er im Nichtraum"
Cyberspace zwar eine ironische Referenz, zugleich nimmt seine Schreibweise das Spiel der
Verwirrung auf und entwirft eine heterotope Welt, wo wirkliche und unwirkliche Orte,
geschichtliche Ordnung und sprachliche Unordnung übereinander stürzen und eine eigene
Vorstellung der Welt heraufbeschwören: eine, die selbst nicht mehr begreifbar ist.
Gibsons Literatur artikuliert nicht, sie benennt ohne festzuschreiben, und erweist sich so
flugs als Bestandteil dessen, was sie erzählt.
(erschienen in: Basler Zeitung Magazin, 7.2.1998) |