Manipuliert, aber wahr.
Wie wirklich ist die fotografische Abbild-Wirklichkeit?
von Beat Mazenauer
Im 35. Buch seiner Naturgeschichte berichtet uns der
römische Historiograph Plinius d. Ä. eine amüsante Anekdote aus dem alten Griechenland.
Ums Jahr 400 vor unserer Zeitrechnung wetteiferten die beiden Künstler Zeuxis und
Parrhasios darum, wer die vollendetste Naturillusion hervorzubringen imstande sei. Zeuxis
gelangen dabei die Weintrauben so naturgetreu, dass sein Bild gar die Vögel anlockte. Als
er aber Parrhasios aufforderte, den Vorhang vor seinem Bild wegzuziehen, antwortete der,
dass eben der Vorhang sein Bild sei. Zeuxis gab sich geschlagen. Er anerkannte, dass er
zwar die Vögel, Parrhasios aber ihn als Künstler habe täuschen können.
Die Anekdote ist altbekannt und oft erzählt. Ein Mythos zum Ruhme der naturalistischen
Illusion, mehr noch aber ein Mythos über die scheinbar ewige Faszination des Menschen,
der Natur nachzueifern und sie im Kunstwerk perfekt neu zu erschaffen. Der eigentliche
Witz an dieser Anekdote besteht aber darin, dass sich keines der legendären Werke von
Zeuxis und Parrhasios überliefert hat. Sie sind nurmehr Text, von Plinius und vielen
anderen erzählt.
Mehr als 2000 Jahre später können wir darüber lachen. Angesichts all der Tricks, die
uns die Computertechnologie heute ermöglicht, ist die Illusionswirkung von gemalten
Bildern längst verpufft. Möglicherweise staunen wir noch über naturalistische Ansichten
im Stile der akribischen Wandbildern von Robert Zünd (1827-1909). Oder wir lassen uns von
didaktischen Trompe loeil-Effekten irritieren, doch eigentlich betrügen kann uns
die Malerei nicht mehr. Ungeachtet dessen, ob wir ein einzelnes Tableau zu verstehen
glauben oder nicht, ist uns allezeit bewusst, dass Malerei von der Wirklichkeit
abstrahiert, mit Farbe und Pinsel ein symbolisches Bild der Wirklichkeit herstellt. Auch
da, wo dieses sich naturalistisch, naturgetreu gibt, erkennen wir die handwerkliche
Arbeit, den kreativen Akt. Gemalte Bilder vermitteln einen Eindruck von der Welt, wie sie
Kunstschaffende sinnlich wahrgenommen haben. Ihre Hand, die den Pinsel führt, schafft die
Distanz, die signalisiert, dass wir es anschauungsweise mit Kunst und nicht mit einem
Dokument zu tun haben.
Malerei täuscht demnach unsere Sinne nicht mehr, sondern sie schmeichelt ihnen,
provoziert vielleicht oder regt dazu an, die bildnerische Ordnung, den klärenden
Text aus dem Gemälde herauszulesen. Wenn ein solches Bild uns zuweilen doch
frappiert, so weil uns die Subjektivität des malerischen Blicks oder die eindringliche
künstlerische Verdichtung auffallen.
Mit der naturalistischen Malerei in Wettstreit trat um die Mitte des letzten Jahrhunderts
eine neue Kunstform: die Fotografie, die nach den Erfindungen von Alphonse Nicéphore
Niépce und Louis Jacques Mandé Daguerre eine neue Naturillusion zu erzeugen vermochte.
Unter ihrem Einfluss veränderte sich in diesen Jahren auch das gesellschaftliche
Verhältnis zur Naturmalerei grundlegend. Mit seiner Auffassung, Kunst müsse die Natur
exakt nachahmen, geriet der Maler Gustave Courbet (1819-77) tüchtig in die Kritik. Er
betonte, dass sein Realismus auch die Darstellung der sozialen Wirklichkeit beinhalte.
Realist sein heisst, ein ehrlicher Freund der vollen Wahrheit zu sein, was
allerdings nicht bedeute, eine Sache selbst zu setzen oder zu erschaffen.
Massgebend ist die persönliche Sichtweise.
Trotz dieser Nuancierung lehnte der französische Schriftsteller und Amateufotograf Maxime
du Camp (1822-94) die Kunstauffassung seines Zeitgenossen Courbet ab: Sollte das
einzige Ziel der Malerei in knechtischer Nachahmung bestehen, so wäre ihr die
Photographie vorzuziehen, denn diese ist weitaus genauer und kann niemals auf Abwege
geraten. Courbet habe nicht begriffen, dass die erfundene Wahrheit sehr
häufig der beobachteten Wahrheit überlegen ist; die erstere kann absolut, die letztere
immer nur relativ sein. Mit ähnlichen Worten, doch aus Sicht des Malers, hat etwas
später auch Arnold Böcklin die Detailtreue von Zünds Eichwald-Bild als
nicht malerisch empfunden abgelehnt. Gewissenhafte Detailtreue verleihe
eine gleich grosse Photographie noch viel, viel besser; sie liefert mir mit
Haarschärfe alle Details.
Damit sind die beiden Gegenpositionen bestimmt, die damals um die Krone der Naturtreue
und optischen Illusion stritten: Naturalismus und Fotografie. Vernichtet ist
Raffael, Daguerre ist der Sieger!, hiess es 1866 in einem Spottvers gegen Courbet.
Das gemalte naturalistische Bild erfordert für seine Herstellung Zeit, was ihm eine Aura
von Tiefe verleiht: es erzählt uns eine Geschichte. Hierin besteht seine Wahrheit, seine
Schönheit, seine Autonomie im Sinne von Du Camp. Anders die Fotografie, die uns mit ihrer
perfekten Nachbildung der abgelichteten Aussenwelt suggestiv in Bann zieht. Wir lesen sie
nicht, sondern glauben ihr. Gegenüber dem Bild, das als Kunstgemachtes erkennbar ist,
unterbreitet die Fotografie unserer Wahrnehmung ein verfängliches Angebot.
Sehen gemalte naturalistische Bilder ihrem Vorbild im besten Falle täuschend ähnlich,
widerspiegeln fotografische Abbilder die Natur ohne erkennbare handwerkliche Eingriffe und
subjektive Deutung, dafür mit grosser Detailschärfe.
Hervorgerufen durch das kurze Antippen des Auslösers lässt eine neutrale
Verschlussmechanik ein Bild der Wirklichkeit in den neutralen Apparat ein, wo es auf einem
neutralen lichtempfindlichen Zelluloid gebannt wird. Aufgrund von optischen und
photochemischen Naturgesetzen erzeugt die fotografische Apparatur so ein perfektes Imitat
der Wirklichkeit. Einzig die Reduktion auf die zwei Dimensionen des Fotopapiers mindert
ihre illusionistische Wirkung. Trotzdem vertrauen wir darauf, dass zwischen Wirklichkeit
und fotografischem Abbild eine enge Beziehung besteht. Fotografien vergegenwärtigen das
Abgebildete unmittelbar und beweisen uns dessen Existenz. Sie setzen uns ins Bild
darüber, was ohne unsere Zeugenschaft geschehen ist. Kraft ihrer Unmittelbarkeit rufen
sie selbst keinen Text mehr hervor, die Erklärung muss in Form von Bildlegenden
nachgeliefert werden.
Aus der Perspektive des skeptischen Kulturkritikers hat der Philosoph Günther Anders
(1902-92) in seinem Hauptwerk Die Antiquiertheit des Menschen schon 1956
dieses naive Vertrauen ins fotografische Bild missbilligt. Ein solches lüge, wandte er
ein, und zwar da, wo es am Rand das Abgebildete vom nicht abgebildeten Kontext trenne. Der
Ausschnitt, die Unterlassung evoziere die Täuschung. Wegen der illusionistischen Wirkung
von Foto-Aufnahmen müsse daher die Formel Lügen wie gedruckt durch
Lügen wie abgebildet ersetzt werden.
Diesem Befund pflichtet auch der französische Denker Paul Virilio (*1932) bei, der seit
Jahren vor den Exzessen der Geschwindigkeit in unserer Kultur warnt. Ähnlich wie Maxime
Du Camp präzisiert er: Der Künstler ist wahr, und die Kamera lügt, weil die
Fotografie eine mechanische Repräsentation ist, die in der Zeit eingefroren ist.
Dem ist nicht zu widersprechen. Tatsächlich sind Fotoaufnahmen stets einem Kontext
entrissen und in einen neuen Kontext versetzt. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Bereits
seit Descartes steht die Objektivität des Sehens in Zweifel. Ich sehe nur, was ich sehe,
deshalb können verschiedene Sichtweisen ein und desselben Gegenstandes einander
widersprechen. Doch das fotografische Angebot verfängt gleichwohl immer von neuem, weil
es die Wirklichkeit auf eine vermeintlich objektive Sichtweise einfriert. Im
Unterbewusstsein der Betrachtenden sind Objektiv und Objektivität zusammengehörige
Begriffe. Es ist, was wir sehen. Was wir nicht sehen, glauben wir nicht, dies ist nicht.
Die Täuschung durch Fotografien liegt demnach im Medium Fotografie respektive in
unserer Wahrnehmung davon verwurzelt. Deswegen ist auch der Betrug mit fotografischen
Bildern nichts Neues. Zahlreiche Stalin-Aufnahmen sind ebenso verfälscht worden wie die
amerikanische Kriegsikone, das Pressebild The Raising of the Flag on Iwo Jima,
das erst im nachhinein nachgestellt worden ist.
Im Wissen um solchen Betrug mag das Bewusstsein für die Möglichkeiten der fotografischen
Lüge allmählich gewachsen sein. Aus Gründen der Bequemlichkeit, Gewohnheit und
Effizienz nutzen wir die gestärkte Skepsis aber nur sporadisch. Konfrontiert mit einem
unversiegbaren Strom von Bildern auf allen Medienkanälen dient die visuelle Wahrnehmung
dazu, dass wir uns über die eigene Umgebung hinaus in der Welt orientieren, Informationen
von ihr aufnehmen und deren Fülle eine Struktur verleihen. In der Hektik des Alltags
dient die vermeintlich neutral widerspiegelnde Fotografie als bequeme Orientierungshilfe.
Das Bild des Handshake zweier Staatsmänner oder eines beliebigen Staus auf der Autobahn
bezeugt augenscheinlich das Ereignis, über das der begleitende Text informiert. Wir
vertrauen diesen Bildern - vorausgesetzt, sie erscheinen in einem inhaltlichen und
medialen Kontext, der ihre Glaubwürdigkeit nicht offenkundig untergräbt.
Angesichts der neuen Technologien fällt die längst zweifelhafte Objektivität der
Fotografie allerdings ganz dahin. Im Computer in endlose Reihen von binären Codes
aufgedröselt, öffnet diese sich bereitwillig allen manipulativen Eingriffen. Eine
digital eingelesene Fotografie aber ist weder wahr noch falsch, weder naturgetreu noch
unnatürlich. Eingriffe in die genetische Substanz von Fotografien
hinterlassen - gut gemacht - kaum sichtbare und technisch nur schwer nachweisbare Spuren,
dafür erzeugen sie eine neue, eigene Wirklichkeit, die nichts an fotografischer Brillanz
einbüsst. Demzufolge ist das digital gemachte oder bearbeitete, bereinigte Bild autonom,
selbstzweckhaft, identisch mit sich selbst: Kunst. Es stellt keine Referenz zwischen
Abbild und Wirklichkeit mehr her, was über kurz oder lang das Ende der Fotografie als
juristisches Beweismittel bedeuten wird. Daür bestätigt es den Verdacht, dass schon die
traditionelle Fotoaufnahme nicht Wahrheit widerspiegelt, sondern wie die Malerei den Blick
eines Subjekts wiedergegeben hat.
Das fotografische Bild lügt, wo es ausgeschnitten ist. Das digitalisierte Bild aber
lügt mitten im Zentrum. Im Brennpunkt, den die Medien auf ihrer Jagd nach Geschichten nur
zu gerne mit wahrhaftigen Fälschungen besetzen. Kaum aus dem Kindbett aufgestanden,
posiert Prinzessin Stéphanie von Monaco auf den Titelseiten der Regenbogenpresse mit dem
Neugeborenen. Ein Vergleich freilich zeigt, dass es sich dabei um diverse Babies handelt.
Die Botschaft zählt, nicht die Wahrhaftigkeit. Spätestens der Golfkrieg hat diese
mediale Strategie allerdings in einer Weise strapaziert, dass die mit Foto- und
Videoaufnahmen dokumentierte Symbolik des sauberen Krieges nur noch Misstrauen
nährte. Dem Fake, der visuellen Fälschung, die über alle Kanäle geflimmert ist, hat am
Ende das Quäntchen Wahrheit gefehlt, das sie glaubhaft gemacht hätte. Daraus können wir
ersehen, dass fotografische Manipulationen auch im Zeitalter der Visiotypie und Optomanie
dezent, kosmetisch angewendet werden müssen. Der Verdacht der totalen Manipulierbarkeit
schreckt die naive Bildwahrnehmung auf.
Was vor Jahren erst spezialisierten Fachkräften vorbehalten war, ist heute
Wirklichkeit für alle geworden, zumindest für alle jene, die sich einen Computer mit
einem leistungsfähigen Grafikprogramm leisten können. Der Realismus ist seinem
Wesen nach die demokratische Kunst, lässt Courbet grüssen.
Photoshop heisst das neue Zauberwort, dass die Fotobilder entzaubert und uns
zu verstehen gibt, dass deren Beweiskraft nur mehr punktuell ist. Einzig die einzelnen
Pixel, die kleinsten Einheiten eines Bildes, sind noch wahr.
Wer sich den Spass erlaubt und Fotografien zu manipulieren beginnt, wird mit Sicherheit
einer Faszination erliegen. Der träge gewohnheitsmässige Glauben an die
Abbildwirklichkeit wird dabei flugs hinfällig. Stattdessen erscheint diese Wirklichkeit
auf einmal selbst manipulierbar. Sie lässt sich verändern, komponieren, idealisieren -
ganz so wie es die alten Meister mit dem Malerpinsel taten. Die Malerei ist ein
künstlerisches Handwerk, die Fotografie ist in ihrer Handhabung ein technischer Vorgang,
das digital verwandelte Bild ist ein technisches Handwerk, das eine künstliche,
vielleicht eine Kunstwirklichkeit schafft.
In der digitalen Bildbearbeitung steckt eine ungeheure Potenz, sie entfesselt unseren
Möglichkeitssinn. Es ist die Wirklichkeit, die die Möglichkeiten weckt,
heisst es in Robert Musils Roman Mann ohne Eigenschaften, also die Fähigkeit,
das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist. Im Computer
triumphiert der Möglichkeits- über den Wirklichkeitssinn und die Fotografie entwischt
mit ihm den strengen Geboten des Realismus. Gegensätze lassen sich versöhnen, Menschen
neu ins Licht rücken oder futuristische Landschaften entwerfen. Ja, der Computer animiert
nicht nur zum Experiment, sondern ermöglicht naturgetreue Fotografien nach der
Fotografie zu konstruieren und aus den Versatzstücken wirklicher Aufnahmen neue
Bilder und Sichtweisen zu kreieren. Ohne Not haben wir uns beispielsweise längst an die
Architekturmodelle gewöhnt, die der Anschaulichkeit wegen in Fotografien hineinmontiert
werden, um einen Eindruck vom künftigen Stadtbild zu vermitteln. Die Phantasie erhält so
eine Gestalt, die der äusseren Lebenswirklichkeit täuschend ähnlich sehen kann.
Unter umgekehrten Vorzeichen hat Andreas Gursky aus einer realen Aufnahme vom
Rhein eine äusserlich unberührte, stille Flusslandschaft hergestellt, indem er sie von
einer störenden Fabrik säuberte. Weil er sich dabei aber aller Idealisierung enthalten
hat, strahlt die bearbeitete Fotografie einen irritierenden, geheimen Reiz aus. Selbst
ohne Wissen um die Manipulation ist die Fabrik unsichtbar vorhanden geblieben.
Die brillant widerspiegelnde Oberfläche von Fotografien lädt zum eiligen Hin- und
Überblicken ein. Ausnahmen bilden Aufnahmen, die, wie der Philosoph Roland Barthes
(1915-80) schrieb, ein punctum beinhalten: einen feinen Stachel, der den Blick
innehalten lässt. Mit der digitalen Bildbearbeitung bietet sich nun die künstlerische
Chance, dieses punctum zu akzentuieren und, wie Gursky es versuchte, das Bild
zum Erzählen zu bringen. Der Konjunktiv was wäre wenn ist die Quelle für
alles Erdenkliche, nicht nur in der Literatur. Der Phantasie sind dabei keine Grenzen
gesetzt. Mit der digitalen Bearbeitung ist die Wirklichkeit selbst reproduzierbar
geworden. Indes, lässt sich eine beliebig reproduzierbare Natur überhaupt manipulieren?
Hat man sich lange genug in so ein Bild vertieft, erkennt man, wie sehr auch hier
die Gegensätze sich berühren: die exakteste Technik kann ihren Hervorbringungen einen
magischen Wert geben, wie für uns ihn ein gemaltes Bild nie mehr besitzen kann.
Dies schrieb Walter Benjamin, gewiss kein unkritischer Freund von neuen Technologien,
schon 1931 über die Fotografie. Im Museum eröffnet sich uns ein Raum, in dem wir uns
geduldig auf diesen magischen Wert einlassen und dabei unsere Sinne schärfen können. Das
Objekt der Betrachtung ist in diesem Kontext klar als handwerklich Gemachtes, als Kunst
deklariert.
In einer Zeit allerdings, in der äusserlich der Wirklichkeitssinn über den
Möglichkeitssinn zu triumphieren scheint, birgt das fotografische Spiel mit visuellen
Phantasien auch eine nicht geringe Gefahr. Wie begegnen wir ausserhalb des Kunstraumes, im
gestressten Alltag, der digitalen Verfüg- und Verführbarkeit von Bildern?
Eine rote Blutlache im Wüstensand. Ein Beispiel nur für die alltägliche
Nachbearbeitung von Bildern. Es braucht mitunter wenig, um die Wirkung eines Bildes zu
verändern, zu verkehren. Befangen vom Wirklichkeitssinn glauben wir solchen
fotografischen Tricks gewohnheitsmässig und lassen uns wider Willen zur
Täuschung verführen. Die hohe Abbildwirklichkeit fängt den Blick. Wie
gesagt suchen wir im Vorüberrauschen der (optischen) Sinneseindrücke naiv und
unwillkürlich nach Ordnungsmustern und Haltepunkten. Wir haben weder die Zeit noch die
Geduld, jeden der Bildbeweise einzeln auf seinen Wahrheitsgehalt zu
überprüfen, zumal die flunkernde Künstlichkeit von manipulierten Aufnahmen selten auf
Anhieb erkennbar ist.
Diesbezüglich unterscheidet sich das Bilderlesen von der Text-Lektüre. Im Gegensatz
zum fotografischen Bild besteht die Sprache offenkundig aus einem abstrakten Code, den zu
dekodieren uns zur Auseinandersetzung mit dem Text zwingt. Dabei helfen uns Rhetorik und
Grammatik, nicht nur diesen Text, sondern vielleicht auch den Kontext zwischen den Zeilen
zu verstehen. Zweifelsfrei funktioniert dies natürlich nicht immer, wie Kaufverträge,
Gerüchte oder wissenschaftliche Abhandlungen mannigfach belegen. Dennoch verhalten wir
uns der vernünftigen Sprache gegenüber kritischer als gegenüber dem unmittelbar,
emotional zugänglichen Bild, bei dem Hilfsmittel wie Bildrhetorik oder Bildgrammatik
fehlen, um die suggestive Wirkung abzuschwächen und hinter die Lüge zu
blenden. Erst recht wird dies bei digitalen Fotografien spürbar.
Ich habe es mit eigenen Augen abgebildet gesehen, beweist gar nichts mehr - allein wir
möchten dem Bild glauben schenken. Das grundlegende Dilemma, das die Digitalisierung der
Fotografie offenlegt, besteht darin, dass wir für objektiv, wahr, Wirklichkeit nehmen,
was im Grunde subjektiv, künstlich, Kunst ist.
Wir werden uns wohl oder übel mit diesem Dilemma beschäftigen müssen. Die Entzauberung
der digitalen Illusionen ist ein aufklärerisches Postulat.
Dabei könnte gerade die Kunst eine gesellschaftliche, medienkritische Rolle spielen.
Innerhalb des Kunstraumes provoziert sie Misstrauen gegenüber den ausgestellten Bildern,
schärft sie eine skeptische, kontextuelle Sichtweise gegenüber dem umrisshaften
Realismus. Kunst demonstriert, dass Fotobilder undim übergeorndeten Sinn die Medien
generell Wirklichkeit nicht nur beschreiben und abbilden, sondern immer wieder neu
konstruieren.
Eine solche Einsicht schliesslich könnte dazu anregen, so etwas wie eine Bildgrammatik
zu entwickeln. Analog zu den sprachlichen Elementen wie Syntax, Phonetik, Wortschatz oder
Tempus würde eine solche dazu ermächtigen, Bilder mit Hilfe von Elementen wie Struktur,
optischen Grundformen, abgebildeten Sujets oder zeitlogischem Zusammenhang zu lesen.
Obschon Versuche in dieser Richtung unternommen worden sind - Christian Doelker beschreibt
sie im Buch Ein Bild ist mehr als ein Bild (1997) -, ist es bis dahin noch ein
schwieriger Weg.
Auch wenn in den letzten Jahren das Misstrauen in die fotografische Abbildwirklichkeit
bgestärkt worden, bedarf es dafür eine grundlegende Veränderung der Sehgewohnheiten im
Alltag, eine nicht-illusionistische Wahrnehmung. Alte Gewohnheiten sind zu überwinden.
Dieses Ziel könnte dann erreicht sein, wenn die Bildfaszination, die in mythischer
Vorzeit schon Zeuxis und Parrhasios antrieben, Möglichkeit- und Wirklichkeitssinn in ein
produktives Verhältnis zueinander bringt. In diesem Sinne: Vorhang auf für die Kunst der
digitalen Bildmanipulation. Die Kenntnisse ihrer technischen Prozesse macht uns zu
Bilder-Alphabeten. Vielleicht werden wir so dereinst auch fotorealistische Aufnahmen wie
Texte zu lesen wissen, dass sie nicht mehr zwangsläufig einer erklärenden Bildlegende
bedürfen.
> erschienen in: Die Weltwoche, 11.2.99 |